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Der Videobeweis : Undurchsichtig

Der Videobeweis muss so transparent wie möglich sein: In der Schalke-Arena sieht der Zuschauer nur Logos Bild: VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Wütende Trainer, verdrossene Fans: Die Bundesliga schimpft über den Videobeweis. Warum aber sorgt er in Italien für Vertrauen? Und warum ist kein großes Hockey-Turnier mehr ohne denkbar?

          Der Videobeweis? Nach elf Spieltagen macht sich rund um die Bundesliga eine völlig irrationale Wahrnehmung breit. Nicht die Korruptionsskandale der Fifa, nicht die Wettbetrugsfälle, schon gar nicht das viele Geld, sei es von Investoren oder vom Fernsehen, das via Champions League für ein Ungleichgewicht in den nationalen Ligen sorgt und für die immer selben Meister und Langeweile in der Titelfrage, auch nicht die geschmacklosen Ausfälle der Ultra-Szene scheinen plötzlich die größte Gefahr zu sein, dass sich der Fan abwendet. Nein, es ist der Videobeweis. Vielleicht liegt das größte Problem da schon in der Wortwahl – ein stichhaltiger Beweis ist er häufig nicht, eher die größtmögliche Annäherung, eine Hilfe eben.

          Für die Kritiker, die gerne alles so lassen würden, wie es war, ist er aber ein einziger Graus, dabei soll er doch für mehr Gerechtigkeit auf dem Platz sorgen, drastische Fehlentscheidungen verhindern. Als der Regelboard Ifab verkündete, dass dieses System von dieser Saison an in einigen Ländern getestet werden solle, meldete sich auch die Bundesliga. In Deutschland schien das Experiment auf sicheren Füßen zu stehen, denn angesichts deutscher Gründlichkeit durfte damit gerechnet werden, dass allzu große böse Überraschungen ausbleiben würden und offensichtliche Fehler im System schon im Vorfeld erkannt würden. Es galt doch, all jene Pessimisten zu überzeugen, die schon da den drohenden Untergang des Fußballs heraufziehen sahen – und sich derzeit bestätigt sehen. Die ernüchternde Bilanz nach elf Spieltagen: Es wird kaum noch über etwas anderes als über den „Videobeweis“ geredet, der für wütende Trainer, tobende Sportdirektoren und für allerlei Verdruss bei den Zuschauern gesorgt hat. Was ist da schiefgelaufen?

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          Unterhält man sich mit Vertretern aus anderen Sportarten, die den „Videobeweis“ längst mit Erfolg praktizieren und ihn nicht mehr missen möchten, wäre der größte Fehler leicht zu verhindern gewesen: die mangelnde Transparenz. Im Hockey und Rugby etwa – den beiden Mannschaftssportarten, bei denen die Vergleichsmöglichkeiten zum Fußball am größten sind – ist erstaunlicherweise sofort erkannt worden, dass jeder Beteiligte, ob im Stadion oder zu Hause im Fernsehsessel, sofort und immer Bescheid wissen muss. „Der Videobeweis muss so transparent wie möglich sein“, sagt Peter von Reth. Der Niederländer ist Mitglied im Direktorium des Deutschen Hockey-Bundes, war zehn Jahre lang Vorsitzender der Schiedsrichterkommission des Welthockey-Verbandes. Den „Videobeweis“ im Hockey gibt es nur bei großen internationalen Turnieren, und ein Punkt in den Vergabekriterien ist dessen öffentliche Präsentation. Erstmals angewendet wurde er offiziell bei der WM 2006 in Mönchengladbach, und schon damals liefen die betroffenen Szenen auf der Videoleinwand. Seitdem wurde diese Unterstützung für den Feldschiedsrichter ausgeweitet, immer wieder neu justiert – und der Zuschauer immer mitgenommen. Bei den Olympischen Spielen in London 2012 war erstmals auch der Gesprächsinhalt des Funkverkehrs zwischen dem Feldschiedsrichter und dem Videoschiedsrichter für alle hörbar. „Es gibt keine Geheimniskrämerei“, sagt von Reth, „und ohne Videobeweis wäre ein großes Turnier heute nicht mehr denkbar.“ Genauso sieht es im Rugby aus – niemand käme auf die Idee, diese technische Hilfe in Frage zu stellen.

          Warum also wird aber im deutschen Fußball von vielen schon wieder gefordert, „diesen Unsinn“ schnellstmöglich wieder einzustellen? „Ich prophezeie, dass der Videobeweis in der Winterpause eingestellt wird“, sagte Dieter Hecking zuletzt und wollte dies als Provokation verstanden wissen. Der Trainer von Borussia Mönchengladbach gilt als ausgewiesener Befürworter der neuen Möglichkeiten, sieht aber, dass das Aufeinandertreffen einer erheblichen Regelveränderung mit der nicht aufgearbeiteten Krise in der Führung und Struktur des Schiedsrichterwesens in Deutschland zu einer Gemengelage führt, in der die Vorteile des Videobeweises gerade unterzugehen drohen. Denn die Art und Weise, wie dieses neue Kontrollmittel eingesetzt und präsentiert wurde, bestätigte vor allem die Kritiker. Es dauert zu lange, die Entscheidungen bleiben für alle Beteiligten im Stadion undurchsichtig – all dies hat der „Videobeweis“ in seiner jetzigen Form nicht entkräften können. Und all das war vermeidbar.

          Lieber noch mal nachschauen: Schiedsrichter Benjamin Cortus
          Lieber noch mal nachschauen: Schiedsrichter Benjamin Cortus : Bild: dpa

          „Der Fußball will zu viel auf einmal“, sagt Christian Blasch. Der Mülheimer ist der aktuelle Welt-Hockeyschiedsrichter und wundert sich über manche Gegebenheiten. „Wir haben uns im Hockey langsam herangetastet, was wir mit dem Videobeweis überprüfen lassen wollen“, sagt er. Im Hockey macht dieses Hilfsmittel jedem Schiedsrichter das Leben leichter, im Fußball scheint er derzeit für jeden Kollegen eine große Last. „Mir ist beispielsweise unerklärlich, warum ein Schiedsrichter die Entscheidung seines Video-Assistenten am Spielfeldrand noch einmal überprüft. Wofür habe ich den dann? Trauen sich die Kollegen etwa untereinander nicht?“ Könnte schon sein, müsste die vermutlich richtige Antwort lauten, aber vielleicht liegt es auch am Mantra, dass die internationalen Verbände und damit auch der Deutsche Fußball-Bund vorgeben: Die letzte Entscheidung hat der Schiedsrichter auf dem Platz.

          Interessanterweise ist die Akzeptanz des Videobeweises in Italien, wo er seit Saisonbeginn ebenfalls getestet wird, viel größer. Dort haben die zahlreichen Skandale Spuren hinterlassen. Ob es sich um den Manipulationsskandal Calciopoli handelt oder um Wettbetrug – viele Tifosi sind sich sicher, dass es in der Serie A nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Das Misstrauen ist deshalb ausgesprochen groß. Der Videobeweis aber hat hier einen positiven Effekt. Das bisher gering ausgeprägte Vertrauen in die Entscheidungen der Schiedsrichter wächst, seit diese ihre Entscheidungen auf Bilder stützen können. „Das, was vom Videobeweis in Italien nach 20 Partien bleibt, ist ein Experiment, das Proteste auf dem Platz und unter den Zuschauern faktisch beendet hat“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“ schon nach dem zweiten Spieltag.

          Diese Tendenz hält an. Das ist bemerkenswert für den italienischen Fußball, dessen Protagonisten bislang nicht für ihre Obrigkeitshörigkeit bekannt waren. Stattdessen hatte man den Eindruck, jede auch noch so kleine Entscheidung des Unparteiischen würde in Zweifel gezogen. Wichtige Entscheidungen sahen dank der Gestik der Spieler dann oft wie große Dramen aus. Bei internationalen Spielen beherrschten sich italienische Fußballprofis etwas mehr, weil sie um die Empfindlichkeit internationaler Spielleiter bei Protesten wussten. Der Videobeweis hat unter diesem Gesichtspunkt beinahe revolutionäres Potential in Italien. Er nimmt den Protestierenden ihre subjektive Argumentationsgrundlage.

          Das aber kann man für Deutschland nicht sagen, ganz im Gegenteil – das Misstrauen in den Videobeweis wird von Woche zu Woche größer. Erst recht, nachdem die mögliche direkte Einflussnahme des Video-Assistenten nach dem fünften Spieltag vergrößert wurde, ohne dass dies kommuniziert wurde. Die mangelnde Information war der eine Fehler, den anderen sieht Hockeykollege Blasch in den danach zu beobachtenden Folgen. „Als Video-Assistent darf ich mich nie zu möglichen Interpretationen einer Regel hinreißen lassen. Das ist die Sache der Spielführung des Feldschiedsrichters und dessen Spielraum.“ Rote Karten etwa, wie sie der Freiburger Söyüncü am zehnten Spieltag in der Partie gegen den VfB Stuttgart nach einem Videobeweis wegen „absichtlichen Handspiels“ erhielt, offenbarten eine gravierende Schwäche der Fußballregeln, die mit den neuen Überprüfungsmöglichkeiten erst einmal gar nichts zu tun hat – auch wenn auf dem Video deutlich zu erkennen gewesen war, dass der Freiburger in jener Szene vor dem Handspiel einen Stoß erhalten hatte, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Kein Spiel im Hockey, Handball, Eishockey oder Rugby würde deshalb durch eine Rote Karte derart beeinflusst – aber der Fußball kennt keine Zeitstrafe, sondern mit dem Platzverweis nur eine Entscheidung: Eine Mannschaft spielt dauerhaft in Unterzahl, was einen immensen Vorteil für den Gegner bedeutet, dessen Spieler es mitunter genau darauf anlegen. Und im Hockey? „Ich müsste nachdenken, wann ich das letzte Mal eine Rote Karte gezeigt habe“, sagt Blasch.

          Die Einführung einer Zeitstrafe, die im Hockey beispielsweise je nach Vergehen zwischen fünf und 15 Minuten beträgt, würden solchen Entscheidungen – ob per Video oder nach Augenschein getroffen – die Tragweite nehmen, selbst wenn sie strittig wären. Denn eines wird sich auch mit dem „Videobeweis“ nicht ändern: „Es wird immer Fehlentscheidungen geben, und auch im Hockey haben wir immer wieder Fehlentscheidungen. Es kann immer nur darum gehen, die Anzahl zu minimieren“, sagt Blasch.

          Der Fußball aber, und nach allem, was in den letzten Wochen zu hören und lesen war, vor allem der Fußball in Deutschland, kennt nur schwarz oder weiß. Als der Videobeweis – peinlich und nach einer einjährigen Testphase unerklärlich genug – zu Saisonbeginn nicht in allen Stadien einwandfrei funktionierte, wurde gleich die Forderung laut, dass er dann im Sinne der Gleichberechtigung in keiner Arena angewandt werden dürfe. Eine drastische Fehlentscheidung etwa in Mainz wäre demnach nicht zu korrigieren, weil es beispielsweise aufgrund technischer Probleme in Hannover gerade nicht möglich wäre? Solche Ideen sind anderen Ländern fremd. Auch in den Niederlanden wird der „Videobeweis“ gerade getestet, allerdings nur im Pokalwettbewerb und nur in Stadien, aus denen das Fernsehen überträgt. Für den großflächigen Versuch fehlt das Geld, aber das ist noch lange kein Grund, Fehlentscheidungen dort möglicherweise nicht zu verhindern, wo es machbar wäre.

          In Deutschland macht sich etwas anderes breit: Wenn schon Videoassistenz, dann muss aber auch jedes Vergehen sanktioniert werden können, ansonsten fliegen die Argumente hin und her, gerne auch völlig unsachlich. 33 eindeutige Fehlentscheidungen sind in dieser Saison bislang korrigiert worden, was nahezu völlig in Vergessenheit geraten ist – und auch sofort aufgerechnet wird, wenn der eigenen Mannschaft in einem Spiel ein Tor aberkannt wird, in einer anderen Partie aber ein eindeutiger Elfmeter verweigert wird. Die Beteiligten fühlen sich schnell benachteiligt, wittern eine Verschwörung, gerne eine Bevorteilung der prominenten Vereine – auch hier zeigt das Beispiel Italien, dass nicht immer belegbar ist, wovon man eindeutig überzeugt war.

          Dort galt es zumindest bei den gegnerischen Fans als ungeschriebenes Gesetz, dass die großen Teams wie Juventus Turin von den Schiedsrichtern bevorzugt werden. Der „Videobeweis“ hat entweder den gegenteiligen Effekt erzeugt, oder er zeigt, dass die Annahme falsch war. Gleich am ersten Spieltag bekam so Cagliari Calcio per Videobeweis einen Elfmeter gegen Juventus zugesprochen, eine Entscheidung, die Kommentatoren besonders ins Auge fiel. Nach einer inoffiziellen Tabelle, in der die per „Videobeweis“ getroffenen Entscheidungen nicht berücksichtigt werden, rangiert Juventus Turin zwar auf dem ersten Platz der Serie A. In Wahrheit ist die Mannschaft von Trainer Massimiliano Allegri mit auch nur einem Punkt Rückstand auf Neapel Tabellenzweiter.

          Der „Videobeweis“ im Fußball hat in Deutschland noch einen weiten Weg zu gehen, bis er von der großen Mehrheit akzeptiert wird, bis er einfach dazugehört. Bislang ist zudem die Angst groß bei den Verbänden, dass jede korrigierte Entscheidung zwangsläufig die Autorität des Schiedsrichters untergräbt – eine Vorstellung, die der Hockey-Schiedsrichter Blasch nicht im Geringsten teilt. Anders als im Fußball hat in seiner Sportart jede Mannschaft pro Halbzeit einmal ein Veto-recht und kann eine Videoüberprüfung anfordern. Behält sie recht, behält sie auch ihre Möglichkeit zum Einspruch (auch im American Football wird dies ähnlich gehandhabt). „Die Spieler sind schlau genug, damit sehr sorgsam umzugehen“, sagt Blasch.

          Auch er kann zwar seinen Video-Assistenten zur Hilfe rufen, falls er sich unsicher ist, aber mehr als 80 Prozent der Videoentscheidungen werden von den Spielern verlangt, die dies unmittelbar machen müssen und nur bei torrelevanten Situationen können. Damit werden Szenen wie in den Niederlanden verhindert, als auf der einen Seite ein Elfmeter verweigert wurde und dann auf der anderen Seite ein Tor fiel, ehe der Video-Assistent eingriff – und das Tor zurücknahm und auf Elfmeter entschied. Die Trefferquote der Hockeyteams bei ihrem Einspruch ist dabei hoch. „Die direkt beteiligten Spieler wissen zum einen sehr genau, was auf dem Platz vor sich geht, und zum anderen, dass ein Schiedsrichter unmöglich alles sehen kann“, sagt Blasch. Anders als im Fußball trifft dann der Assistent vor dem Fernsehgerät die finale Entscheidung – kann er sie aufgrund der Fernsehbilder aber nicht fällen, bleibt die ursprüngliche Entscheidung des Feld-Schiedsrichters bestehen. Dieses Modell ist vom Regelboard des Fußballs momentan noch nicht vorgesehen, und ob es angesichts der noch vorherrschenden Protestkultur in Deutschland überhaupt praktikabel wäre, darüber bestehen berechtigte Zweifel. Eine nicht mehr korrigierbare Entscheidung, weil man sein Vetorecht schon leichtfertig verbraucht hat? Das Geschrei und die Entrüstung wären vermutlich groß und würden wieder zu Kritik am Videobeweis führen – dem Spieler würde vermutlich kaum angelastet, dass er sein Vetorecht vielleicht schon leichtfertig verwirkt hatte.

          Merkwürdigerweise aber fragt sich im Fußball niemand, warum die ganze Geschichte in anderen Sportarten funktioniert – und hat sich offenbar auch nicht wirklich ernsthaft erkundigt. Von Reth hatte 2014 einmal Kontakt mit Vertretern von DFB und DFL – und entweder wurde nicht genau zugehört oder nicht intensiv genug gefragt. Die weit überwiegende Anzahl an Videoentscheidungen im Hockey fällt innerhalb von 60 Sekunden. Und einfacher sind die Regeln ganz gewiss nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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