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Veröffentlicht: 02.12.2015, 08:06 Uhr

DFB-Krise nach WM-2006-Affäre Fußball-Behörde braucht Klinsmann-Moment

Nach der Revolution auf dem Platz wäre es Zeit für eine Wende des Verbandes. Dafür aber fehlt dem DFB das Personal. Zur Verfügung steht nur Reinhard Grindel – aber das ist nicht sein Fehler.

von , Berlin
© dpa Führt sein Weg wirklich nach oben? Reinhard Grindel soll nach dem Willen der Amateure DFB-Präsident werden

Nachdem er sich in der vergangenen Woche der Anwaltskanzlei Freshfields für ein mehrstündiges, aber nicht weiter erhellendes Gespräch wegen seiner Verwicklungen um das Sommermärchen zur Verfügung gestellt hatte, sagte Franz Beckenbauer, er habe seine Schuldigkeit getan. Aus Beckenbauers Worten sprach aber auch tiefe Enttäuschung. Darüber, dass er nicht mehr weiter den Dank von seinem Fußballvolk empfangen kann. Denn in diesen Tagen springt kaum noch jemand im deutschen Fußball dem Kaiser bei.

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Es gibt keinen DFB-Präsidenten mehr, der ihn preist und verehrt. Auch aus der Deutschen Fußball Liga ist kein einziges freundliches Wort mehr über ihn zu vernehmen. Und die „Bild“-Zeitung, sein Mitteilungsblatt seit Ewigkeiten, schweigt. Das große Reich des Kaisers, das über Jahrzehnte die Richtung im deutschen Fußball bestimmte, existiert nicht mehr. Nur der FC Bayern mahnt über seinen Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge, die großen Leistungen von Beckenbauer weiter anzuerkennen. Aber selbst diese Solidaritätsadresse klingt mittlerweile defensiv.

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Mit der Macht des Kaisers löst sich auch eine Welt auf, die alte Welt des Fußballs. Die darauf gründet, dass diejenigen, die besser Fußball spielen konnten als andere, sich auch mehr erlauben dürfen. Selbst dann, wenn sie nicht mehr mit dem Fußball, sondern mit Millionen spielten. Aber wegen der Tricksereien rund um die WM 2006 in Deutschland mit Beckenbauer als Chef des Organisationskomitees droht dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ein Verlust von weit mehr als zwanzig Millionen Euro, falls dem Verband die Gemeinnützigkeit für das Jahr 2006 aberkannt werden sollte.

Die Chronologie der WM-2006-Affäre Was bisher geschah: Chronologie der WM-Affäre © tora./dpa Interaktiv 

Wolfgang Niersbach ist als DFB-Präsident schon über die Affäre gestürzt. Dem hauptamtlichen, stellvertretenden Generalsekretär Stefan Hans wurde, so die Begründung, wegen schwerer Pflichtverletzung gekündigt. Der dramatische Ansehensverlust der Top-Sportfunktionäre und damit der ihnen anvertrauten Institutionen, der sich auch in der Olympia-Ablehnung der Hamburger Bürger spiegelte, ist ein weiterer Kollateralschaden.

Jetzt gibt es keinen Klinsmann – nur Grindel

Der steinreiche Fußball hat abgewirtschaftet. Zumindest seine Führung, ob nun bei Fifa, Uefa oder dem DFB. Und wann, wenn nicht jetzt, wäre im deutschen Fußball die Zeit gekommen für den Klinsmann-Moment, für eine radikale Wende? Für einen glaubwürdigen, auch unbequemen Mann an der Spitze, der ein deutliches Ziel verfolgt (an Frauen ist im Fußball ja lange noch nicht zu denken).

„Beim DFB muss man jeden Stein umdrehen, notfalls den ganzen Laden auseinandernehmen“, hatte Jürgen Klinsmann gefordert, nachdem die Nationalelf den internationalen Anschluss verloren hatte. Das war 2004. Dann meldete er seinen Anspruch auf den Posten des Bundestrainers an, stellte einen ausgereiften Plan vor – und kam ins Amt. Durch konsequente Reformen, auch gegen große Widerstände, bereitete Klinsmann den Weg für die sportliche Erneuerung, die zehn Jahre später schließlich mit dem Weltmeister-Titel belohnt wurde. Nun wäre der Zeitpunkt da, um nach der fußballerischen auch die verbandsinterne Wende im DFB zu vollziehen. Aber diesmal geht nur die alte Fußballfunktionärs-Welt unter – und eine neue ist weit und breit nicht in Sicht. Es steht kein Klinsmann zur Verfügung. Sondern Reinhard Grindel.

Reinhard Grindel © dpa Vergrößern Reinhard Grindel ist wohl der nächste DFB-Präsident.

An diesem Mittwoch wird Grindel, der Präsidentschaftskandidat der Amateurvertreter, der Deutschen Fußball Liga (DFL) auf deren Mitgliederversammlung seine Aufwartung machen. Falls der DFB-Schatzmeister und CDU-Politiker, dessen Name man vielen Leuten im deutschen Fußball bis zuletzt noch buchstabieren musste, bei den Profis halbwegs gut durchkommen sollte, wird man ihn schon als designierten DFB-Präsidenten bezeichnen können. Denn einen anderen Kandidaten für die Wahl im kommenden Jahr gibt es nicht.

Man sollte annehmen, dass es besonderer Qualifikationen bedarf, um für eines der wichtigsten Ehrenämter in Deutschland in Frage zu kommen, um den weltgrößten Sport-Fachverband mit rund 6,7 Millionen Mitgliedern zu führen. Welche Fähigkeiten Grindel allerdings für dieses Amt qualifizieren, lässt sich nicht so leicht sagen. Er ist ein unbeschriebenes Blatt. DFB-Schatzmeister wurde Grindel 2013, fiel aber seitdem weder durch fußballfachliche noch fußballstrukturelle Beiträge auf. Grindel war überhaupt erst zwei Jahre zuvor als erster Vizepräsident des niedersächsischen Verbands näher mit dem Fußball in Kontakt gekommen. Auch in der Politik hat der Jurist, frühere Journalist und jetzige Bundestagsabgeordneter keine tiefen Spuren hinterlassen.

Es ist ein Nachwuchs- und Qualitätsproblem

All das aber kann man einem ehrgeizigen Kandidaten nicht zum Vorwurf machen. Der Vorwurf trifft allein den deutschen Fußball. Weder die DFL noch der DFB können einen Kandidaten vorweisen, dessen Qualifikation und Reputation außer Frage stünde. Es gibt auch niemanden, der sich außerhalb des Fußballs großes Ansehen erworben hätte und nun bereit wäre, für die vakante Stelle zu kandidieren. Der deutsche Funktionärsfußball hat ein Nachwuchs- und Qualitätsproblem.

Schon zuletzt konnte in Spitzenpositionen die Qualität kaum mit dem Bedeutungszuwachs mithalten, den der Fußball gesellschaftlich erfahren hat. Grindels Spielraum als DFB-Präsident, das lässt sich schon jetzt absehen, dürfte allerdings auch noch geringer sein, als der seiner Vorgänger. Zunächst ist der Niedersachse den Präsidenten der 21 Landesverbände verpflichtet, die seine Kandidatur ausriefen. Die Amateure stellen zwei Drittel der Delegierten. Aber da Grindel, wie im DFB üblich, sich nicht in einer Kampfabstimmung zum Präsidenten wählen lassen will und kann, wird er auch die Interessen der Liga berücksichtigen müssen. Denn das DFB-Prinzip bei Präsidentenwahlen lautet seit jeher: Einheit. Nicht Mehrheit.

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Damit sind die Linien schon grob vorgezeichnet. Der Korridor für einen Präsidenten Grindel wird eng sein. Er wird es nicht wagen können (und vermutlich auch nicht wollen), sich für eine grundlegend neue Struktur im DFB stark zu machen. Der riesige, reiche und mächtige Verband wird weiter ehrenamtlich geführt werden. Etwas anderes lassen die Amateurvertreter nicht zu. Und so wird die DFB-Präsidentschaft auch künftig nur Leuten (meist Pensionären) vorbehalten bleiben, denen eine Aufwandsentschädigung von 7000 Euro im Monat genug ist. Oder die den größten Lohn ohnehin in der öffentlichen Aufmerksamkeit sehen, die das Amt mit sich bringt. Hochbezahlte Manager aus dem Fußball oder der Wirtschaft im besten Alter, die auch nicht immer die beste Lösung sein mögen, wird man so jedenfalls nicht gewinnen.

Auch die neue Akademie des Verbandes, sein Zukunfts- und Vorzeigeprojekt, wird Grindel nicht in die Unabhängigkeit entlassen. Die Akademie wird unter dem Dach des Verbandes angesiedelt bleiben. Ohne ein eigenes und selbstverwaltetes Budget – und in der Ausrichtung immer abhängig vom Votum des DFB-Vorstands. Organisatorisch also eine Fußball-Behörde und kein eigenständiger Campus für neue Ideen und Wege. Das letzte Wort in der Akademie werden daher auch nicht Sportexperten haben, sondern DFB-Funktionäre in einem Lenkungskreis, die wiederum an das Präsidium und den Vorstand berichten und ihm verpflichtet sind.

Bekommt der DFB eine Ethikkommission?

An diesem Mittwoch wird Grindel bei der Deutschen Fußball Liga, die es nicht einmal geschafft hat, einen eigenen Kandidaten aus dem Profifußball vorzuweisen, ein paar Angebote machen müssen, um bei der Wahl für die gewünschte Einheit zu sorgen. Da wäre etwa ein wenig Flexibilität bei den Spielzeiten für die Bundesliga, wenn es um die neuen Fernsehverträge geht. Aber bitte: auch nicht zu viel. Denn sonntags um 13.30 Uhr gehört der Fußball den Amateuren – das ist ein Diktum. Ebenso die Teilnahme der Bundesligaklubs in der ersten Runde des DFB-Pokals. Ansonsten dürfte sich bei der verzweifelten Suche der Profiklubs nach mehr Spielzeiten bestimmt etwas machen lassen. Und auch in der DFB-Akademie ließe sich der Profifußball, der sich dort fast gar nicht wiederfindet, stärker integrieren.

Aber auch die Organisation des Profiverbandes, derer sich die DFL rühmt, ist längst nicht so zukunftsfest, wie es der Verband gerne hätte. Der einstige Quereinsteiger Christian Seifert ist als Vorsitzender der Geschäftsführung und starker Mann der DFL wiederum abhängig vom Präsidenten des Ligaverbandes und des DFL-Aufsichtsratsvorsitzenden. Das ist Reinhard Rauball. Seifert akzeptiert Rauball in dieser Rolle, aber wohl nur ihn. Dahinter tut sich auch im Profifußball die große Leere auf. Und ein anerkannter Fußballfachmann ist in all den Jahren neben Seifert in der DFL auch nicht herangewachsen.

Sondersitzung DFB-Präsidium © dpa Vergrößern Derzeit fungieren Reinhard Rauball (Mitte) und Rainer Koch als Interimspräsidenten.

Den größten Teil seines ansonsten eng bemessenen Spielraums dürfte ein künftiger DFB-Präsident Grindel bei Maßnahmen besitzen, die angesichts der Krise der Fußballverbände ohnehin als unverzichtbar gelten. Mit Blick auf Sponsoren, Politik und Öffentlichkeit muss und will der Verband angesichts der Querelen um das Sommermärchen Glaubwürdigkeit und Seriosität auch mit Blick auf die EM-Bewerbung 2024 zurückzugewinnen. Dazu passt die Schaffung einer unabhängigen und damit wirkungsvollen Ethikkommission, wie sie die Fifa schon besitzt, aber noch nicht der DFB. Oder mehr Transparenz bei den Einkünften des Führungspersonals und bei den Bilanzen des Verbands. Das wäre immerhin ein Anfang zu neuer und größerer Offenheit. Aber mehr auch nicht.

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