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David Beckham Der Retter der Nation

 ·  David Beckham, der verlorene Sohn, kehrt zurück. Beim 1:1 im Länderspiel gegen Brasilien zeigte er: Die Engländer brauchen ihn. Den Beckham-Feiertag verdarb ein ein Bremer im Brasilien-Trikot: Diego gelang der späte Ausgleich.

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Volkes Stimme sprach Bände. Zehn Monate nach dem Rauswurf brauchte David Beckham nur fünfzig Sekunden, um zu wissen, dass er wieder zu Hause war. Die erste Ballberührung reichte, um unter 89.000 Zuschauern im ausverkauften Wembley-Stadion am Freitagabend Jubel auszulösen. Schon da war klar, dass er nichts falsch machen konnte bei seiner Rückkehr ins englische Team.

Er spielte einige präzise Pässe, zeigte eine gute Laufleistung, dazu sein hübsches Lächeln und einen blondierten Schopf, der im Nacken so kurz rasiert war, dass er zwischen Haaransatz und Kragen ein gewaltiges Tattoo, eine Art geflügeltes Kreuz, entblößte. Und natürlich präsentierte er seine altbekannte Kunst bei Freistößen und Eckbällen. Das war nicht unbedingt viel, doch es reichte, dass David Beckham beinahe wie ein Messias, mindestens aber wie ein verlorener Sohn wiederaufgenommen wurde in den Schoß des Fußball-Mutterlandes. Auf dem Platz standen auch ein Ronaldinho, ein Kaká, aber das 1:1 gegen Brasilien - es war der Abend des David Beckham.

Wieder auf den Fußball besonnen

Letzten Sommer hatte der neue Nationaltrainer Steve McClaren als erste Amtshandlung ihn nach der enttäuschenden WM aus dem Kader entfernt - wie es schwache Trainer oft mit scheinbar unantastbaren Spielern tun, um sich Autorität zu verschaffen. Vorgänger Sven-Göran Eriksson hatte stets an Beckham festgehalten, auch als der völlig außer Form war, wie bei der EM 2004, und selbst dann, als Beckham zwischen all dem Werbe- und Weltstar-Rummel zu vergessen schien, dass er vor allem Fußballer ist. Darauf, auf den Fußball, hat er sich nun, jenseits der 30, das Karriere-Ende vor Augen, wieder besonnen.

David Beckham: Der Retter der Nation

Bei der WM 2006 war Beckham in einem völlig unkreativen englischen Team der Einzige, der ab und zu für Torgefahr sorgte dank seiner Fußfertigkeit bei Standards. Ohne Beckham musste sich England selbst gegen Andorra torlos bis in die zweite Hälfte zittern, ehe ein Treffer gelang. Und so griff McClaren, der längst um den eigenen Posten bangen muss, wieder zur Karte Beckham, den er für das Spiel gegen Brasilien, noch mehr für das in Estland am Mittwoch zurückgeholt hat - sollte dort kein Sieg gelingen, wäre die EM-Teilnahme für England so gut wie weg und McClarens Job ganz gewiss. David Beckham, der Retter der Nation und der Retter dessen, der ihn rauswarf - zwei Rollen, wie geschaffen für einen, der die große Bühne braucht.

Vorlage zum 1:0

Er genoss sie sichtlich. Auch die Gattin, das maskenhafte Gesicht hinter zwei handtellergroßen Sonnenbrillengläsern versteckt, tat es. Sie zeigte sich mit zwei Söhnen am Arm wie immer durchgestylt und kamerasicher. Dafür, dass McClaren Beckham hinterher als „besten rechten Mittelfeldspieler der Welt“ lobte, gab es zwar wenig Anlass. Doch abermals zeigte sich, wie sehr die Engländer ihn brauchen, um Gegnern wenigstens ein bisschen Angst zu machen. Nur wenn Beckham sich den Ball nach Pfiff für England hinlegen und in Ruhe Anlauf nehmen konnte, kam Leben in den brasilianischen Strafraum. Sein Freistoß in der 29. Minute verfehlte das Tor nur um Zentimeter. Seine Freistoßvorlage in der 56. verlängerte Owen auf das Tornetz. In der 68. fand er die Stirn von John Terry - der neue Kapitän drückte ein und spurtete zum alten, um ihm für die Vorlage zu danken. Als Beckham in der 77. Minute ausgewechselt wurde, feierten ihn die Fans. Er sprach von einem „historischen Tag für ganz England“.

Den letzten Auftritt im alten Wembley hatte den Engländern Dietmar Hamann mit seinem Tor im Oktober 2000 vermiest. Und dafür, dass es auch beim ersten Länderspiel im neuen Wembley kein englischer Feiertag wurde, sorgte abermals ein deutscher Beitrag. Nicht der von Schiedsrichter Markus Merk, der einen Kopfballtreffer des Brasilianers Gilberto Silva nach 19 Minuten zu Unrecht wegen Abseits nicht anerkannt hatte; auch nicht der der brasilianischen Abwehr, die zu 75 Prozent aus Bundesliga-Profis bestand: mit Juan (Leverkusen), Gilberto (Berlin) und Naldo (Bremen), der schon in seinem ersten Länderspiel einen Rekord aufstellte als der mit 1,98 Metern größte Spieler, der je für die größte Fußballnation spielte. Nein, den Beckham-Feiertag verdarb ein anderer Bremer, der für Kaká eingewechselte Diego: Mit seinen gerade einmal 1,74 Metern verwertete er in der zweiten Minute der Nachspielzeit eine Flanke per Kopf zum verdienten Ausgleich.

Wird er zum Ritter?

Dennoch, die Engländer haben ihren kickenden Popstar mit offenen Armen aufgenommen. Ist es auch ein Ritterschlag? Das immer wieder mal auftauchende Gerücht, Beckham werde demnächst von der Queen in den Adelsstand erhoben, so wie zuvor die historischen Kollegen Stan Matthews oder Bobby Charlton, hatte schon vor dem Comeback die Medienmaschine beschäftigt. Es überwog die Ablehnung, wie sie der „Independent“ formulierte: Die Zeitung forderte zwar, Beckham zu adeln, aber nicht für seine sportlichen Leistungen, sondern für seine Verdienste um die Selbstvermarktung. Auf diesem Felde aber braucht er keinen Adelstitel mehr. Da ist er längst König David I.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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