Um den Wert von Fußballspielern zu bestimmen, sind viele Kategorien zulässig. Da ist der wirtschaftliche Wert, also eine Ablösesumme, die ein Verein bei einem Transfer einstreicht. Beim SV Darmstadt 98 steht in dieser Wertung Mergim Mavraj souverän auf Platz eins. Der junge Innenverteidiger und frischgebackene „U21“-Nationalpieler ist die Überlebensgarantie des abstiegsbedrohten und finanziell schwer angeschlagenen Vereins. Neuerdings stehen atemberaubende 600.000 Euro im Raum, die die „Lilien“ angeblich für Mavraj haben wollen, wenn dieser zum Saisonende aus der Regionalliga Süd in die erste Bundesliga wechseln sollte.
Ebenso angeblich sollen sich Mainz 05 und der VfL Wolfsburg bereits für den jungen Mann interessieren. Es gibt auch Fußballspieler, die keine Spekulationsobjekte sind, Profis, die durch ihre Persönlichkeit wertvoll für Vereine sind. In Darmstadt ist das Richard Hasa, seit 2001 bei den „Lilien“ - und nie war er so wertvoll wie heute. Dass der Slowake mit seinen fast 37 Jahren dieser Tage eine Renaissance als Defensivspieler in der Regionalliga-Mannschaft erlebt, war nie geplant - ist aber die Folge der dünnen Darmstädter Personaldecke, ergänzt durch Verletzungen, verblüffende Erkältungswellen und regelmäßige Matchsperren.
Schwierige Doppelrolle
Eigentlich hatte Hasa ein ruhiges Auskommen als Assistenztrainer der zweiten „Lilien“-Mannschaft, wo er als Spieler seine Karriere ausklingen lassen und Talenten zur Seite stehen wollte. Aber im turbulenten Herbst 2006 trennte sich der Club von Gino Lettieri, dem bisherigen Coach der Regionalligamannschaft. Gerhard Kleppinger ist sein Erbe, der kann wiederum gut mit Hasa - und seitdem ist der Slowake zu dessen Assistenten aufgerückt. Das ist er weiterhin, auch wenn er als vom Aushilfs- längst zum Stammspieler der ersten Mannschaft aufgestiegen ist. Diese Doppelrolle ist nicht einfach, das gibt Hasa zu, „ich komme trotzdem mit ihr zurecht“.
Als Mitglied des Trainerteams muss er einerseits Distanz zu den Spielern halten (daher zieht er sich auch nicht in der Mannschaftskabine um). Weil er aber noch Spieler ist, wird von ihm gleichfalls Nähe zu seinen Kollegen auf dem Platz gefordert. Hasa löst diese pikante Aufgabe bisher überzeugend, unaufgeregt und mit viel Sensibilität für die Stimmungen in einer Fußballmannschaft. In der teaminternen Beliebtheitsskala steht er deswegen deutlich über dem Mittelfeldgrätscher Zivojin Juskic, der ebenfalls zum Assistenztrainer berufen wurde, aber seine Sympathiepunkte mittlerweile vor allem beim Darmstädter Publikum erzielt.
„Osterhasa“
Hasa ist der Typ Spieler, der einen Ruhepol bildet in der Austauschbarkeit des Bezahlfußballs. Sein Bekenntnis zum Verein und den Kampf um den Verbleib in der Regionalliga besitzen Authenzität, der Slowake ist in Darmstadt heimisch geworden und eine Art „guter Mensch der 'Lilien'“. Seit einem famosen Spiel von ihm an einem Ostertag vor einigen Jahren, schufen Witzbolde im Fanblock ihm zu Ehren den Spitznamen „Osterhasa“. So wird man zur Kultfigur. Gut möglich, dass diese Kultfigur auch am Samstag beim SV Wehen die linke Abwehrseite der „Lilien“ beleben wird. So wie vorige Woche, als er beim 1:3 gegen die Stuttgarter Kickers den gesperrten Peter Endres eindrucksvoll vertrat.
Letzte Gewissheit sollte das Abschlusstraining am Freitag bringen. Aber es spricht viel für Hasa: Das Bekenntnis zum Verein, der Glauben an den guten Geist in der Mannschaft und das Vermögen, als Verteidiger auch dezent offensiv mitwirken zu können. „Wir sind scharf auf dieses Spiel“, sagt der Slowake. Wissend, dass ein Sieg ausgerechnet beim souveränen Tabellenführer im Abstiegskampf eine Signalwirkung für Darmstadt hat. Hasa weiß aber auch, „dass uns die Zeit davonläuft“. Eine Niederlage in Wehen würde Darmstadt bis auf sieben Punkte von einem Nichtabstiegsplatz entfernen - spätestens dann wird es am Böllenfalltor kaum noch Unterstützer für das Projekt Klassenverbleib geben.