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Aktualisiert: 17.05.2017, 19:45 Uhr

DFB beim Confed Cup Nur Spurenelemente des Weltmeisters

Der Bundestrainer gönnt beim Confed Cup den arrivierten Kräften eine Pause und setzt auf Profis, „die eine andere Note in unser Spiel bringen können“. Wichtig ist Joachim Löw aber auch noch eine andere Sache.

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© dpa Hatten ein schwieriges Personalpuzzle zu lösen: Bundestrainer Löw (l.) und U21-Nationaltrainer Kuntz

Joachim Löw wusste natürlich, dass die Frage nach Sinn und Unsinn kommen würde. Warum sie also nicht gleich selbst beantworten. „Fakt ist: Er findet statt“, sagte der Bundestrainer also über den Confederations Cup, für den die Teilnahmeberechtigung (oder, je nach Perspektive, -verpflichtung) im WM-Titel von 2014 inklusive war.

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Es klang also nach größtmöglicher Distanz, wie Löw sich bei der Bekanntgabe der Kader für das Turnier vom 17. Juni bis 2. Juli in Russland und die fast gleichzeitig stattfindende U-21-Europameisterschaft in Polen äußerte. Ganz so einseitig sieht der Bundestrainer die Sache allerdings nicht, er pflegt vielmehr so etwas wie ein ambivalentes Verhältnis zu der Veranstaltung, die von ihren Erfindern vor allem als Testlauf für die jeweils im nächsten Jahr folgende Weltmeisterschaft konzipiert ist.

46453889 Der 29-Jährige von 1899 Hoffenheim hatte sich im Dezember als „mit Abstand“ besten deutscher Stürmer bezeichnet. An Selbstbewusstsein mangelt es … © dpa Bilderstrecke 

Einerseits, sagte Löw, wäre er mit Blick auf die extremen Belastungen für die Spieler „nicht unglücklich“, wenn es das Turnier bei der nächsten Gelegenheit, im Jahr 2021, nicht mehr geben würde – wobei er sich den koketten Hinweis erlaubte, dass er selbst dann „wahrscheinlich nicht mehr da“ sein werde. Andererseits aber verbindet er mit den Ausgaben von 2005, 2009 und 2013 durchaus gute Erinnerungen, vor allem mit jener, die dem deutschen WM-Sommer von 2006 vorausging. Sich seinerzeit vor stimmungsvoller Kulisse mit Teams wie Brasilien oder Argentinien messen zu können, sei „super für uns“ gewesen – „eine Initialzündung“.

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Seitdem hat sich allerdings viel getan im deutschen Fußball. Ein Erweckungserlebnis wie unter Jürgen Klinsmann und dem Assistenten Löw ist längst nicht mehr nötig. Doch selbst unter veränderten Vorzeichen vermochte Löw dem Confed Cup, bei dem die Deutschen in der Vorrunde auf Australien (19. Juni), Chile (22. Juni) und Kamerun (25. Juni) treffen, einen Sinn zu geben. Wenn es gelinge, „nur zwei, drei Spieler“ auf ein Niveau zu bringen, mit dem sie dem deutschen Team im folgenden Jahr bei der WM weiterhelfen könnten, wäre er „glücklich über alles“.

In diesem „Sommer der besonderen Herausforderungen“, von dem Löw sprach, geht es also weniger darum, den Vitrinenschrank beim Deutschen Fußball-Bund weiter zu befüllen – der Bundestrainer vermied es, für den Confed Cup ein konkretes sportliches Ziel auszugeben –, sondern um gezielte Aufbauarbeit für das Ziel, das „über allem steht“, den WM-Titel im nächsten Jahr. „Weltmeister ist für die Ewigkeit“, sagte Löw.

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Er und Stefan Kuntz, der Trainer der U21, hatten einiges abzuwägen und auszutarieren, um die Kandidaten möglichst erfolgversprechend auf die beiden Kader zu verteilen – oder sie aus der Sache ganz herauszulassen, wie das für jene Profis gilt, die sich schon als Turnierspieler auf höchstem Niveau bewiesen haben und in den Genuss einer erholsamen Sommerpause kommen sollen. So besteht Löws Aufgebot nur noch in Spurenelementen aus Weltmeistern (Matthias Ginter, Shkodran Mustafi, Julian Draxler), dafür stehen in Diego Demme, Kerim Demirbay, Marvin Plattenhardt, Lars Stindl, Sandro Wagner und Amin Younes gleich sechs Mann zum ersten Mal auf der Elite-Liste.

Besonders neugierig schien Löw dabei auf Younes zu sein, der mit exzellenten Leistungen bei Ajax Amsterdam auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit seinen Fähigkeiten im Eins-gegen-eins bringe er etwas mit, wovon es zuletzt vielleicht zu wenig gegeben habe unter all den Pass- und Kombinationskünstlern. Younes, sagte Löw, könne „unserem Spiel noch eine gewisse Prise Überraschung geben“.

© EPA, reuters Confed Cup: Löw nimmt sechs Neulinge mit

Alleinstellungsmerkmale in der Abteilung Attacke attestierte der Bundestrainer auch Wagner, der ebenfalls „eine andere Note ins Spiel bringen“ könne. Der 29 Jahre alte Hoffenheimer bildet mit dem ein Jahr jüngeren Gladbacher Stindl die Fraktion der Spätberufenen. Angesichts von Löws bisherigen Präferenzen sollten die beiden indes nicht überrascht sein, wenn es für sie bei einem einmaligen Schnupperkurs bliebe. Die Führungsrolle jedenfalls hat Löw in Russland anderen zugedacht.

Jonas Hector, Draxler und Mustafi etwa, die für ihn neben der Erfahrung im A-Team als solcher auch „gewisse Qualitäten mitbringen, in so eine Rolle hineinzuwachsen“. Sie sollen den Confed Cup in Abwesenheit der höchsten Hierarchie-Ebene als individuelle Fortbildung in Sachen Führungskompetenz nutzen. Das gilt auch für Leon Goretzka, der eine solche Position schon bei der U21 innehatte. Löw sieht in dem Schalker, der bislang drei Mal für das A-Team auflief, großes Potential, schon mit Blick auf die WM. Der strategisch veranlagte Mittelfeldspieler ist für den Bundestrainer einer, der „für uns im nächsten Jahr eine wichtige Rolle spielen kann.“

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Viele hatten in Löws Kader noch andere Namen erwartet, Mario Gomez zum Beispiel, oder auch Max Kruse. In Gomez’ Fall gilt Ähnliches wie für Marco Reus, von dem sich Löw allerdings nur schweren Herzens trennte: Dass einer vernünftigen Sommerpause mit sorgfältigem Aufbauprogramm der Vorzug zu geben war. Mit beiden wird, nach Lage der Dinge, bei der WM zu rechnen sein – mit Kruse eher nicht. Wichtig war Löw schließlich noch, dass vermeintlich Zurückgestufte wie Serge Gnabry oder Max Meyer sich nicht als solche fühlen.

Zu den Verteilungskriterien habe auch gehört, ausreichend Spielzeit sicherzustellen. Bei der U21 sollen nach dem Willen von Kuntz, für den es das erste Turnier als Trainer ist, ebenfalls die Möglichkeiten für Entwicklungsschritte oder gar -sprünge geschaffen werden. Gerade Spieler, die im Verein noch nicht in der ersten Reihe stünden, hätten die Gelegenheit, Dinge auszuprobieren, und Verantwortung zu übernehmen. In der Theorie hörte sich das alles gar nicht schlecht an. Auch wenn man diesen Confed Cup ja vielleicht nicht lieben muss: Das Beste daraus machen darf man schon.

Der deutsche Kader

Tor: Leno (B. Leverkusen/4 Länderspiele) Ter Stegen (FC Barcelona/9) Trapp (Paris Saint-Germain/0)
Abwehr: Ginter (Borussia Dortmund/9) Hector (1. FC Köln/27) Henrichs (Leverkusen/1) Kimmich (Bayern München/13) Mustafi (FC Arsenal/15) Plattenhardt (Hertha BSC/0) Rüdiger (AS Rom/12) Süle (1899 Hoffenheim/1)
Mittelfeld und Angriff: Brandt (Leverkusen/5) Can (FC Liverpool/8) Demirbay (Hoffenheim/0) Demme (RB Leipzig/0) Draxler (Saint-Germain/28) Goretzka (FC Schalke 04/3) Rudy (Hoffenheim/14) Sané (Manchester City/6) Stindl (Bor. Mönchengladbach/0) Wagner (Hoffenheim/0) Werner (Leipzig/1) Younes (Ajax Amsterdam/0)

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