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Christiano Ronaldo Das ungeliebte Genie

 ·  Ronaldo ist einer der besten Fußballer, die es jemals gab. Und ein perfekter Athlet. Dennoch hat der Star von Real Madrid so viele Schmäher wie Bewunderer. Dabei ist er ein Musterprofi und spielt nicht nur für die Galerie.

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© AFP Ronaldo: Große Spiele als Plattform großer Selbstinszenierung

Niemand ruft „Ronaldo“, wenn Messi spielt. Wenn Ronaldo spielt, rufen Zuschauer gerne „Messi“. Weil Ronaldo wie einer aussieht, den man mit so was ärgern kann. Vielleicht ärgert ihn sogar, dass in der alphabetischen Liste der „100 einflussreichsten Menschen der Welt“, die das amerikanische Magazin „Time“ für 2012 veröffentlicht hat, als einziger Fußballspieler der Argentinier Lionel Messi auftaucht - gleich hinter Angela Merkel.

Wenigstens am Ball hatte Ronaldo Mitte der Woche die Nase vorn. Denn Messi war, als die beiden torgefährlichsten Spieler der Welt zum Fernduell um den Einzug ins Finale der Champions League antraten, der Verlierer. Zwar verlor auch Ronaldo, 1:2 mit Real Madrid beim FC Bayern. Doch hatte er dabei das wichtige Auswärtstor von Özil mit feiner Improvisation vorbereitet.

Von Messi dagegen ging beim Sturmlauf des FC Barcelona auf das Chelsea-Tor nichts Entscheidendes aus - nur der Ballverlust, der zum 0:1 des Favoriten führte. Nachdem Messi auch im Rückspiel patzte und mit dem Ball alle Hoffnungen Barcelonas auf das Erreichen des Finales an die Torlatte hämmerte, kommt es am 19. Mai in München doch nicht zum finalen Showdown der beiden Superstars des Fußballs? Nicht Barca gegen Real, sondern Bayern gegen Chelsea?

„Ronaldo ist eine Bestie“

Vicente del Bosque glaubt nicht daran - daran, dass die Bayern in Madrid heil davonkommen. „Ronaldo ist ein phänomenaler Torjäger“, sagt der spanische Weltmeistertrainer. „Es ist fast schon brutal, mit welcher Regelmäßigkeit er trifft. Ronaldo ist eine Bestie.“ Am Samstag gegen den FC Barcelona traf er wieder beim 2:1-Sieg.

Niemand bestreitet seine Fähigkeiten. Dennoch schreibt das Uefa-Magazin „Champions“: „Messi vereint die Welt in Bewunderung, Ronaldo teilt sie.“ Kein Spieler der Welt wird von so vielen Fans nicht gemocht. Warum? Am Talent kann es nicht liegen, an der Einstellung auch nicht. Den Trainern Alex Ferguson, früher bei Manchester United, und José Mourinho, heute bei Real, gilt Ronaldo als Musterprofi; einer, der Extraschichten einlegt, um sich noch weiter zu verbessern.

Der Musterprofi

Er trinkt nicht, raucht nicht, fiel nie mit nächtlichen Eskapaden auf. Auch seinen frühen Ruf als „Schwalbenkönig“ hat er längst abgelegt. „Zuerst war es schlimm mit ihm“, erinnerte sich Schiedsrichter Graham Poll an die frühe Fallsucht des schon mit 17 Jahren nach England gekommenen Portugiesen. „Aber dann änderte er sein Spiel, und das zeigt, dass es für jeden Hoffnung gibt.“

Eine TV-Dokumentation analysierte 2011 den Fußballer Ronaldo mit wissenschaftlichen Mitteln. Sie fand viele Argumente für einen der komplettesten Angreifer, die es je gab. Er hat enorme Schusskraft mit beiden Füßen, springt beim Kopfball über 80 Zentimeter hoch, ist fast nie verletzt, ein „perfekter Athlet“ (Arsenal-Trainer Arsène Wenger).

Seine Freistöße, die er mit Vollspann mit einer normalen Sterblichen unmöglichen Topspin-Kurve über die Mauer tritt, sind Kunstwerke der Dynamik. Und seit Mourinho 2010 zu Real kam, ist Ronaldo so torgefährlich wie kein anderer Spieler der Ligageschichte (81 Tore in 67 Spielen). Seit Dezember 2009, als er gegen Almería vergab, hat er alle 24 Elfmeter verwandelt - eine Serie, wie es sie etwa im deutschen Fußball noch nie gab.

Keiner ist schneller mit dem Ball

Vielleicht liegt das Geheimnis seiner Unbeliebtheit im Zweikampf. Keiner ist schneller mit dem Ball, Forscher haben ihn mit Tempo 33, Ball am Fuß, gemessen. Dabei versteht er es, wie die italienische Fußball-Legende Sandro Mazzola bewunderte, „in vollem Lauf die Schrittlänge zu variieren“ - und so Gegenspieler aus dem Tritt zu bringen. Doch seine Körpersprache dabei, seine Lust daran, Gegner mit Finten und Tricks nicht nur auszuspielen, sondern zu übertölpeln, erleichtert Betrachtern den Wunsch, dass er dabei auf die Nase fällt. Im Unterschied dazu wirkt ein Messi nie, als wolle er andere schlecht aussehen lassen, so chancenlos er sie oft auch macht.

Ronaldo schilderte einmal den Traum, „elf Mann auszudribbeln und dann das Tor zu schießen“. Er wolle, „dass die Zuschauer es genießen“. Aber auch nach vierzig Toren in der vergangenen Saison, Rekord in der Geschichte der spanischen Liga, blieb das Heimpublikum reserviert. Er reagierte enttäuscht, verzichtete zeitweise auf Torjubel. Und gewann erst 2012 die Real-Fans für sich.

Nach zahllosen famosen Darbietungen sangen sie im Januar erstmals im Bernabéu-Stadion seinen Namen. Unter den 41 Treffern, mit denen er den Rekord vom Vorjahr schon fünf Spieltage vor Saisonende überboten hatte, waren mehrere Kunststücke, die im digitalen Poesiealbum von „Youtube“ Jahrzehnte überdauern könnten: etwa die grandiosen Hacken-Tore gegen Málaga und Vallecano.

Das Bernabéu ist sein Prado, in dem er wirkt

Oder die Krönung seines Hattricks gegen Levante im Februar, als der Ball aus großer Entfernung mit extremer Wucht und Kurve unter der Latte einschlug. Die Zeitung „El País“ fand dieses Tor „des Prado würdig“ - des weltberühmten Kunstmuseums von Madrid.

Man kann ins Schwärmen geraten über diesen Spieler. Viele geraten lieber ins Schmähen. Weil sie ihn nicht an der Brillanz am Ball messen, sondern am Brillanten im Ohr und der Brillantine im Haar. Und weil sie diesen etwas schlichten, aber authentischen Sonnyboy von der Blumeninsel Madeira einen Geck schimpfen, einen selbstverliebten Angeber, der am liebsten vor einem Spiegel spielen würde. Vielleicht ist er all das wirklich. Aber Eitelkeit hat ja auch etwas Gutes. Sie ist eines der großen Motive der Außergewöhnlichkeit, also dessen, was das Leben bunt macht.

Der Fall Ronaldo zeigt, dass heute nicht nur Politiker, auch Unterhaltungskünstler wie Fußballer den verkrampften Maßstäben politischer und sozialer Korrektheit unterworfen werden. Man verlangt von denen, die herausragen, so zu tun, als wären sie einer von uns. Nichts Besonderes also. Es ist eine Haltung, die einem Ronaldo nicht gerecht wird - die aber zumindest den Bayern am Mittwoch in Madrid helfen könnte. Sie müssen dort zeigen, dass Ronaldo doch nur ein ganz normaler Fußballer ist.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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