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7:1 – Das Jahrhundertspiel : Zwischen Wahn und Wirklichkeit

Das 7:1 der Deutschen im WM-Halbfinale gegen Brasilien wird immer in Erinnerung bleiben – ob man will oder nicht Bild: ©Network! Werbeagentur München unter Verwendung von Motiven von ©iStock.com/alexdimo

Am 8. Juli 2014 kreuzten sich die beiden großen Erfolgskurven des Weltfußballs. Die der Brasilianer – absteigend. Die der Deutschen – aufsteigend. Das 7:1 war ein Jahrhundertspiel und bietet Stoff für ein ganzes Buch.

          Weltmeister war Deutschland erst fünf Tage später. Gefühlter Weltmeister aber schon am Dienstag, dem 8. Juli 2014, gegen 17.30 Uhr Ortszeit Belo Horizonte. Das 7:1 gegen Brasilien, ein Spiel wie keines zuvor. Es überwältigte Millionen von Betrachtern, ob in Begeisterung oder Bestürzung. Es überrumpelte die übliche Wahrnehmung von Zeit und Realität in einem Fußballspiel - vor allem in jenen 18 Minuten, die mit dem ersten deutschen Eckball begannen und mit dem fünften deutschen Tor endeten.

          Die 11. Minute

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Ein Fußballspiel dauert neunzig Minuten, sagte Sepp Herberger. Was er nicht sagte: Dass jede Minute im Fußball eine andere Länge hat. Es gibt Minuten, die man im Zeitraffer, im schnellen Vorlauf sehen und beschreiben muss, damit in ihnen überhaupt etwas geschieht. Minuten wie ein leise rieselnder Bach. Das Spiel plätschert dahin, sagen dann Radioreporter und erzählen eine Randgeschichte. Dann gibt es Minuten, für die Normalgeschwindigkeit und Echtzeitprosa die angemessene Form sind. Minuten wie eine Meeresbrandung. Die passende Formulierung: Das Spiel wogt hin und her.

          Und dann gibt es Minuten, Sekunden, Sekundenbruchteile, die die Zeitlupe, die Superzeitlupe gar und die wortreiche Nacherzählung erfordern, und selbst das reicht manchmal nicht. Minuten wie ein Tsunami. Mit Momenten, in denen ein Spiel explodiert, und wie das genau passierte, all das Woher und Wohin, das ahnt man nur in der mehrfachen Wiederholung, der Kombination der verschiedensten Blickwinkel, der größtmöglichen Verlangsamung.

          All das also, was ein Fußballer im Moment des Geschehens, der größtmöglichen Turbulenz, selber auch nicht verstehen, nur tun kann. Deshalb ist es besser, derjenige zu sein, der etwas tut, als der, der es verstehen muss. In dieser Minute also: besser ein Deutscher als ein Brasilianer.

          Toni Kroos übernimmt wie üblich die Ausführung der Ecke. Seine Hereingaben haben in den ersten fünf WM-Spielen zu drei Treffern aus Frei- und Eckstößen geführt. Es ist der Lohn des fleißigen Übens von Standardvarianten vor der WM, mit präzise geplanten Laufwegen und Lauffinten im Getümmel des überfüllten Strafraums. Und mit dem geplanten Blocken der Laufwege von gegnerischen Abwehrspielern, wie man es aus dem Basketball kennt.

          Voraussetzung für das Funktionieren jeder einstudierten Variante ist die gekonnte Ausführung der steil geschnittenen Hereingaben. Kroos ist ein Meister dieser Übung. Er bereitet sich nun darauf vor. Er rollt den Ball nicht, wie andere, einfach lässig mit dem Fuß ins Kreissegment an der Eckfahne. Er pflanzt ihn, tief in der Hocke wie einst Günter Netzer, hinein in den Rasen. Und noch ein zweites Mal, um sicherzugehen.

          Kroos schaut kurz auf, hebt nicht den Arm, wie es in Mode gekommen, aber blödsinnig ist, weil ohnehin jeder Mitspieler sieht, dass gleich die Ecke kommt, wenn der Mann an der Fahne anläuft - und das tut Kroos nun. Im Fünfmeterraum befinden sich vier Brasilianer. Kein Deutscher. Aber dorthin will Kroos den Ball auch gar nicht bringen. Interessanter ist der Pulk am Elfmeterpunkt.

          Nun also: Standbild. Auf der Momentaufnahme befinden sich die einzigen vier Deutschen im Strafraum, Hummels, Höwedes, Klose und Müller, dicht beieinander. Vier Brasilianer sind ebenso dicht bei ihnen. Dante bei Hummels, Gustavo bei Höwedes, Fernandinho bei Klose, Luiz bei Müller.

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