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Chaos total Frankreich braucht eine Revolution

22.06.2010 ·  Frankreich gibt ein erbärmliches Bild ab. Das traurige „Endspiel“ am Kap der Guten Hoffnung ist nur der Epilog der WM im eigenen Land von 1998. Einige hoffen gar auf eine Niederlage an diesem Dienstag (16.00 Uhr) gegen Südafrika.

Von Jürg Altwegg
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Will überhaupt noch jemand außer den Politikern mit ihren Durchhalteparolen die Qualifikation für das WM-Achtelfinale? Bis zu den Vorfällen am Wochenende klammerten sich die Franzosen an den Strohhalm eines Kantersiegs gegen Südafrika und die Möglichkeit, dass das Spiel zwischen Uruguay und Mexiko an diesem Dienstag nicht unentschieden enden möge (16.00 Uhr / FAZ.NET-WM-Liveticker).

Am Samstag brachte „L’Equipe“ auf der Titelseite in großen Lettern den Wortlaut von Anelkas Trainerbeschimpfung in der Pause des Mexiko-Spiels. In einer ersten Reaktion fürchtete der Kapitän des sinkenden französischen Schiffs, Patrice Evra, eine sittliche Gefährdung der französischen Jugend, welche die Schlagzeile zu Gesicht bekommen könnte. Empört war er bekanntlich nur über den Maulwurf, der die Vorgänge in der Kabine der Presse zuspielte.

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Anelka wird ausgeschlossen. Aus Russland kommentiert Präsident Sarkozy das Fehlverhalten. Die Spieler kommen ohne Stiefel zum überhaupt erst zweiten öffentlichen Training in Südafrika und verweigern es aus Solidarität mit dem schwarzen Schaf. Trainer Domenech, der beschimpft wurde, verliest das haarsträubend dumme Kommuniqué der Rebellen gegen ihn. Alles nicht so schlimm, sagt er im Fernsehen.

Auf dem Übungsplatz streitet Evra im Namen der Spieler mit einem Ko-Trainer – der empört nach Hause reist. Sarkozy befiehlt seiner Sportministerin, in Südafrika den Konflikt zwischen der Mannschaft und dem Verband zu schlichten. Am Montagmorgen äußern sich auch noch die Intellektuellen in den Medien: Alle Spieler gehörten nach Hause geschickt, meint der Philosoph Alain Finkielkraut. Jacques Attali sieht es nicht anders: gar nicht mehr antreten. Verantwortungslose Dummköpfe, die keinen richtigen Satz formulieren können, werden die einst gehätschelten Stars genannt. Attali und Finkielkraut wünschen ihnen eine Niederlage gegen Südafrika.

„Er wird permanent gelyncht - wie ich 1998“

Das traurige „Endspiel“ am Kap der Guten Hoffnung ist nur der Epilog der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Mit dem Titelgewinn von 1998 begann die Politisierung des französischen Fußballs, er wurde zum gesellschaftlichen Heilsversprechen – an dem er nur scheitern konnte. Schon damals wurde unter dem Druck der Erwartungen der Coach Aimé Jacquet als Depp vorgeführt. Nach dem Titelgewinn musste der Chefredakteur von „L’Equipe“ gehen. Jacquet selbst war gescheit genug, auf dem Höhepunkt des Erfolgs zurückzutreten – aber er fiel in eine Depression. Vor dem Mexiko-Spiel nahm Jacquet den Nachfolger in Schutz: „Er wird permanent gelyncht – wie ich 1998.“

Weil man die Dialektik von Coach und Medien zu kennen und die Mechanismen inzwischen zu durchschauen glaubt, wurde Domenech nach der Europameisterschaft 2008 fahrlässigerweise im Amt belassen. In der Stunde des bitteren Ausscheidens hatte er seiner Freundin, der Sportjournalistin Estelle Denis, im Fernsehen live aus Zürich einen Heiratsantrag gemacht. Der Verband stellte ihm fortan einen Kommunikationsberater zur Seite. Und bestimmte seinen Nachfolger kurz vor dem Anpfiff in Südafrika: Ein widerwillig abgesetzter Kriegsführer kann keinen Feldzug mehr gewinnen.

Zidane bestimmte vor vier Jahren die Aufstellung

Nach dem Spiel gegen Mexiko hatte der französische Trainer, der nie um frivole und ironische Sprüche verlegen war, fast schon Tränen in den Augen. Entgeistert, handlungsunfähig, bleich setzte er Sekunden vor dem Schlusspfiff die Brille ab und verstaute sie in der Tasche. Dank „L’Equipe“ erfuhr man die Hintergründe. Die Macht über die Mannschaft hatte er nie zu erobern vermocht.

Weil er schon in der Qualifikation zur WM in Deutschland zu scheitern drohte, holte Domenech unter dem Druck der Öffentlichkeit die Rentner von 1998 aus dem Ruhestand zurück. Zidane bestimmte die Aufstellung – und immerhin reichte es zum Finaleinzug. Die Folge aber war, dass das Team nicht erneuert wurde. Es verspielte die Sympathien der Menschen, die ihnen 1998 und 2000 zu Füßen lagen: mit Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi in Berlin, Thierry Henrys Handspiel gegen Irland, das erst die Qualifikation für Südafrika sicherte, und den Affären mehrerer Spieler mit einer minderjährigen Prostituierten.

Bruch mit der glorreichen Tradition kann helfen

Chaos total: Eine solche Kollektivinszenierung ohne Regisseur haben weder Frankreich noch der Fußball je erlebt. Raymond Domenech, der das Theater liebt, hat darin die Rolle des Opfers, des Täters und des Komplizen gespielt. Doch letztlich bleibt er, der auch im Falle eines Sieges über Südafrika rein gar nichts mehr zu gewinnen hat, ihr einziger Nutznießer.

Das französische Chaostheater zeigt: Domenech ist nicht der einzige Schuldige am angekündigten Debakel, für das man ihn im Voraus verantwortlich machte. Auch die Spitzen des Verbandes werden die Blamage nicht überleben. Selbst die Ernennung von Laurent Blanc zum Nachfolger Domenechs muss überdacht werden. Denn auch er stammt aus der Mannschaft, deren Triumph 1998 zum Fluch des französischen Fußballs wurde. Nur der Bruch mit dieser glorreichen Tradition kann ihn retten. Frankreich braucht eine Revolution.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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