http://www.faz.net/-gtm-94hkg

Leipzig-Trainer Hasenhüttl : „Ich bin kein Verfechter des Guardiola-Fußballs“

„Wir haben mehr erreicht, als wir uns erhofft haben“: Trainer Hasenhüttl ist mit der ersten Leipziger Champions-League-Saison zufrieden – egal wie das Spiel gegen Besiktas ausgeht. Bild: NOGIER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

RB Leipzig lernt in der Bundesliga und der Champions League so schnell wie kein anderes Team. Ralph Hasenhüttl über Fußball als Fehlerspiel – und was für ihn als Trainer am wichtigsten ist.

          Herr Hasenhüttl, lassen Sie uns über Fehler, Fehlervermeidung und Fehlererzwingung im Fußball sprechen. Hat Ihre Mannschaft beim 0:4 in Hoffenheim am Samstag alles falsch gemacht?

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nicht alles, aber in den entscheidenden Momenten leider zu viel.

          Im ersten Spiel der Champions League gegen Monaco hatten Sie und Ihr Team beim Stand von 1:1 nicht alles gewagt, um das Spiel zu gewinnen. Sie wollten am Ende vor allem nicht verlieren. Nun könnten genau diese Punkte für das Achtelfinale fehlen – rächt es sich, Fehler zu vermeiden, statt das Risiko zu suchen?

          Nein, denn das erste Spiel gegen Monaco war für mich nicht so entscheidend wie das Heimspiel gegen Porto. In diesem Spiel hätten wir Fehler und die zwei Gegentore bei unserem 3:2-Sieg vermeiden sollen. Denn diese Fehler machen nun den Unterschied im direkten Vergleich aus. Das bekommen wir jetzt vielleicht zu spüren. Hätten wir damals stärker im Hinterkopf gehabt, dass der direkte Vergleich den Ausschlag geben kann, hätten wir gegen Porto nach der Führung vielleicht konzentrierter in der Defensive agiert.

          Gegen den FC Porto hat Ihre Mannschaft auch vier Gegentore durch Standardsituationen hinnehmen müssen. Wie erklären Sie sich, dass Ihr Team immer wieder den gleichen Fehler gemacht hat?

          Das hat sie nicht. Ich bin kein Freund von diesen allgemeinen Thesen. Ich schaue mir die Tore im Detail an – und bei zwei dieser vier Gegentore gab es ein klares Foul beziehungsweise eine klare Abseitsstellung. Natürlich haben wir auch Fehler bei den Gegentoren gemacht, aber in diesem Fall waren die vier Tore die Summe von verschiedenen Fehlern – nicht nur unsererseits. Ich habe es daher auch abgelehnt, uns nach diesen vier Toren eine Krise bei Standardsituationen einreden zu lassen. Ich habe einen anderen Ansatz. Nicht den Fehler suchen, wenn das Tor durch eine Standardsituation passiert ist, sondern vorher. Denn Standardsituationen sind Torchancen für den Gegner. Und deswegen muss man versuchen, diese Chancen zu vermeiden. Das heißt: keine Eckbälle, keine Fouls im letzten Drittel des Felds, auch keine Einwürfe. Auch dadurch haben wir schon ein Gegentor bekommen.

          Wir vermuten, dass Sie ein paar Statistiken haben, die besagen, dass Ihre Mannschaft das jetzt schon besser macht als in der vergangenen Saison.

          Wir haben das noch nicht komplett ausgewertet, aber natürlich wissen wir nach einem Spiel, wie viele Standards wir zugelassen haben, wie viele Fouls wir verursacht haben. Da sind wir reifer geworden, keine Frage. Wir attackieren jetzt im hinteren Drittel geschickter. Und wenn wir doch bestimmte Gefahrensituationen zulassen, dann ist es nicht mehr so dramatisch für uns.

          Unnötige Fouls in der eigenen Hälfte vermeiden – das klingt jetzt nicht so furchtbar kompliziert.

          Das ist für uns schon eine Herausforderung, weil diese Spielweise eigentlich gegen unser Naturell ist. Es gehört zur DNA unseres Spiels, dass wir Bälle erobern. Im hinteren Drittel Bälle zu erobern ist mit dem hohen Risiko verbunden, dass man auch foul spielt. Wenn das in der gegnerischen Hälfte passiert, ist das nicht schlimm. Passiert das aber im letzten Drittel, hat das Team eine gefährliche Standardsituation gegen sich. Deswegen versuchen wir, den Gegner in diesem Drittel einfach nur nach hinten wegzudrängen. Der Fokus bei uns liegt dort nicht mehr auf dem absoluten und sofortigen Ballgewinn.

          Für RB Leipzig wird der Fußball also immer mehr zu einem Fehlererzwingungs- und Fehlervermeidungsspiel?

          Der letzte Schritt bei der Balleroberung in den Gegner hinein hat in der ersten Saison für unser Spiel gestanden. Heute gilt: vorne ja. Hinten nicht mehr unbedingt. Wir können jetzt auch auf den Fehlpass warten – und so den Ball erobern und dann schnell umschalten. Wenn in einem Spiel aber sehr viel gejagt wird, wenn sehr stark gegen den Ball gearbeitet wird und unser Spiel extrem darauf angelegt ist, dem Gegner keine Räume zu geben, wenn es also Spiele sind, in denen wir sagen, wir müssen All-in gehen, wenn wir pressen, dann ist es in der gegnerischen Hälfte absolut legitim, dass wir da auch mal foul spielen. Aber im letzten Drittel geht das aktive Ball-Gewinnen immer mehr zu einem Fehlpass-Erzwingen über. Der Ballgewinn ist in dieser Zone eher nettes Beiwerk, das wir gerne mitnehmen. Wir provozieren den Ballgewinn dort nicht mehr mit letztem Risiko. Ein Unter-Druck-Setzen des ballführenden Spielers von verschiedenen Seiten ist zielführender, weil der Gegner dann nicht mehr die Chance bekommt, einen Freistoß zu ziehen. Aber Fehlervermeidungs-Fußball möchte ich nicht spielen. Ich bin aber auch kein Freund davon, den Gegner bei Ballbesitz zehn Minuten am Stück laufen zu lassen und dabei gar nicht das Ziel zu haben, ein Tor zu schießen. Das ist nicht mein Ding.

          Sondern?

          Fußball muss lebendig sein. Aber dieser Ballbesitz-Fußball ist nicht lebendig. Ich finde, dass sich eine gute Mannschaft über ihre Leidenschaft definiert. Über ihre Art, wie sehr sie darauf aus ist, die Menschen zu begeistern. Das ist unsere Aufgabe im Fußball. Natürlich müssen wir Siege erzielen – und zweifellos begeistern Siege. Aber auch Niederlagen können begeistern. Als wir im letzten Jahr 4:5 gegen Bayern verloren haben, ist keiner nach Hause gegangen und hat unserer Mannschaft diese Niederlage übelgenommen. Die Leute waren dankbar, dass sie so ein Spiel erleben durften. Ich glaube, das Spiel muss so lebendig sein, wie wir es tatsächlich versuchen zu spielen. Wir sind in dieser Saison oft gelobt worden für unseren offensiven und temporeichen Fußball, weil er für viele Fans eben so attraktiv ist. Aber unser Spiel ist weit davon entfernt, fehlerfrei zu sein. Das wird es auch bleiben. Ich sage immer: Die eine Aktion, die gelingt, adelt die neun Versuche, die zuvor nicht geklappt haben. Wenn es anders wäre, würde ja jede Minute ein Tor fallen. So ist es aber nicht. Fußball ist ein Fehlerspiel – und wird es immer bleiben. Aber: Die Mannschaft, die am Ende der Saison die wenigsten Fehler macht, wird Meister.

          Aus welchen Fehlern hat Ihr Team am meisten gelernt?

          Wir versuchen uns im Ballbesitz mittlerweile schon so zu positionieren, dass ein möglicher Fehler von uns darin einkalkuliert ist – um dann gut nachpressen und den Ball gleich zurückerobern zu können. Das geht aber nur, wenn man alle Ebenen auf dem Platz gut besetzt hat. Und nicht, wenn man mit sechs Mann vor dem Ball agiert und nur mit zwei oder drei dahinter. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Gegner bei Balleroberung ein Tor erzielt. Wir haben also bei eigenem Ballbesitz das Hauptaugenmerk darauf gelegt, dass die Positionierung so passt, dass solche Ballverluste nicht zwangsläufig zu Gegentoren führen.

          Sie legen bei der Weiterentwicklung Ihrer Mannschaft den Schwerpunkt also darauf, Fehler immer weiter zu vermeiden – und nicht, um kreativere und risikoreichere Lösungen bei Ballbesitz zu finden?

          Es geht darum, wenn man mehr Risiko im Spielaufbau auf sich nimmt – wie wir das mittlerweile tun, weil wir häufiger in Ballbesitz sind –, dieses Risiko aber trotzdem überschaubar zu halten. Sonst wäre es Harakiri-Fußball.

          Bei manchen Teams, wie bei Borussia Dortmund, passiert das aber.

          Wenn das der Fall wäre, dann wäre es eine Katastrophe. So weit darf es nie kommen. Wenn man sich taktisch dazu entschließt, im Spiel öfter den Ball zu haben, um den Gegner auch müde zu spielen, geht es gleichzeitig auch darum, die Folgen der eigenen Fehler zu reduzieren. Wir sind in Leipzig weit von der Philosophie von Pep Guardiola entfernt, der überall auf dem Platz nur kurze Pässe spielen lassen will. Das tun wir nicht. Unser Grundsatz ist: mit so wenig Risiko wie möglich so viel Ertrag wie möglich zu erzielen. Aber: Gegen viele Klubs ist es wichtig, Risiko in Kauf zu nehmen. Gegen Topvereine ist es einfach nicht möglich, neunzig Minuten dem Ball hinterherzujagen. Du musst im Ballbesitz auch phasenweise selbst in der Lage sein, den Gegner müde zu machen, ihn Energie aufwenden lassen, wenn er wieder in Ballbesitz kommen will. Vor allem wenn ein Gegner im Rückstand ist, tut ihm das unheimlich weh. Ich finde, wir haben unsere Spielweise so weiterentwickelt, dass sie uns ermöglicht, bei Ballbesitz auch einmal auszuruhen. In der zweiten Halbzeit beim 4:0 in Monaco haben wir das getan. Im Spiel zuvor gegen Leverkusen ist uns das überhaupt nicht gelungen, obwohl wir einen Spieler mehr auf dem Platz hatten.

          Was streben Sie an?

          Ich bin kein Verfechter des Guardiola-Fußballs bis ins letzte Detail. Das ist nicht mein Ansatz. Andererseits gilt auch: Ein bisschen schwanger geht nicht. Und das bedeutet für unser Spiel in Pressingsituationen: ganz – oder gar nicht. Wenn sich dabei aber auch nur einer aus der Mannschaft rausnimmt, funktioniert es nicht mehr. Deswegen ist es so wichtig, dass man einer Mannschaft einen so klaren Plan mitgibt, dass sie genau weiß, wann etwas zu tun ist. Und das dann auch zu hundert Prozent ausführt.

          „Mit so wenig Risiko wie möglich so viel Ertrag wie möglich“: Die Spieler kennen das effiziente Grundprinzip ihres Trainers.
          „Mit so wenig Risiko wie möglich so viel Ertrag wie möglich“: Die Spieler kennen das effiziente Grundprinzip ihres Trainers. : Bild: SINGER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

          Was heißt das?

          Ich bin kein Trainer, der sich taktisch in eine Schablone presst lassen möchte. Dann ist man ausrechenbar. Ich glaube, dass wir taktisch mittlerweile so unterschiedliche Gesichter haben, dass wir mit unserer Spielweise für verschiedene Dinge stehen. Ballverluste gegen uns sind gefährlich. Da haben wir ein starkes Umschalten mit ganz viel Speed nach vorne. Wenn sich der Gegner hinten reinstellt, haben wir die Möglichkeiten, ihn aktiv zu bespielen. Da finden wir mittlerweile auch Lösungen. Wenn man uns presst, können wir einen langen Ball schlagen und uns auf den zweiten Ball gut positionieren – und dann schnell umschalten. Egal, was auf die Mannschaft zukommt: Sie muss für alles Lösungen finden. Und das ist es, was wir hier jeden Tag machen: Lösungen finden.

          Wie machen Sie das?

          Wenn wir, wie heute, bei einer bestimmten Aufgabenstellung im Trainingsspiel Fehler gefunden haben, dann sitzen wir danach manchmal noch über eine Stunde zusammen und diskutieren, wie wir es besser machen können. Das korrigieren wir Trainer dann oft gar nicht auf dem Platz, sondern zeigen es den Jungs später auf Video. Darum nehmen wir jede Einheit auf, deswegen schauen wir uns jede Einheit noch mal an. Und dann steht der Matchplan für das nächste Spiel.

          Ihre Mannschaft könnte an diesem Mittwoch (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League, im ZDF und bei Sky) trotz eines Sieges gegen Besiktas Istanbul mit zehn Punkten das Achtelfinale der Champions League noch verpassen, wenn der punktgleiche FC Porto sein Heimspiel gegen den AS Monaco gewinnt.

          Wir haben mehr erreicht, als wir uns erhofft haben. Viele Experten hatten uns prophezeit, dass das zweite Jahr in der Bundesliga ohnehin viel schwerer werden würde – und dann noch mit einer Dreifachbelastung. Es war auch eine brutale Umstellung. Aber wir haben es gut gemacht: mit viel Rotation, einem breiteren Kader – und wir haben trotzdem jedem das Gefühl gegeben, dass er wichtig ist. Und wir haben Spielern immer wieder, auch wenn sie es nicht verstanden haben, eine Pause gegeben. Aktuell haben wir keinen Langzeitverletzten im Kader, von Muskelverletzungen sind wir fast komplett verschont worden. Mit Platz zwei in der Bundesliga und vielleicht mit zehn Punkten in der Champions League, die noch möglich sind, haben wir unsere eigenen Erwartungen übertroffen. Wenn es nicht reichen sollte, dann haben wir trotzdem bewiesen, dass wir zu Recht in die Champions League gekommen sind. Fakt ist: Wir haben ab jetzt zwei Heimspiele mehr als Auswärtsspiele in der Bundesliga: Und alle müssen noch zu uns kommen: Bayern, Dortmund, Schalke, Leverkusen, Hoffenheim. Und wir werden, ob in der Champions oder Europa League, noch zwei oder drei K.-o.-Runden haben. Das ist neu für uns – aber das brauchen wir auch, um uns weiterzuentwickeln. Egal wie lange wir uns in Europa präsentieren dürfen: Wir werden das weiter auf unsere Weise tun, um die Menschen mit unserem Spiel zu begeistern.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Gladiatoren mit Federn und Schnabel Video-Seite öffnen

          Hahnenkämpfe auf Bali : Gladiatoren mit Federn und Schnabel

          Hahnenkämpfe haben auf der indonesischen Insel Bali eine lange Tradition, Tierschutz spielt dabei bis heute keine Rolle. Für viele Einwohner sind Wetten auf den siegreichen Hahn die Haupteinnahmequelle.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Robert Mueller in Bedrängnis : Gibt es bald einen zweiten Sonderermittler?

          Erst war es eine obskure Idee einiger rechter Trump-Anhänger, aber jetzt rufen immer mehr Republikaner nach einem zweiten Sonderermittler. Der soll auch gegen Hillary Clinton ermitteln – deren vermeintliche Vergehen lassen Trump und seine Leute nicht los.
          Hoffnungsträger der Wirtschaft: Südafrikas Vizepräsident Cyril Ramaphosa

          ANC-Parteitag in Südafrika : Wer wird Jacob Zumas Nachfolger?

          Südafrikas Vizepräsident Ramaphosa ist Favorit der Wirtschaft im Ringen um den Vorsitz der Regierungspartei. Aber auch die frühere Ehefrau des scheidenden Jacob Zuma hat gute Chancen. Darum wird der ANC-Parteitag richtig spannend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.