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Fußball : Südamerika leidet unter der Champions League

  • -Aktualisiert am

Gebürtiger Kolumbianer, aber in Europa beim FC Bayern München erfolgreich: James Rodriguez. Bild: dpa

In den Klauen der Kolonialmacht: Der Fußball in Europa fasziniert nicht nur die besten Spieler, sondern auch die Fans aus Südamerika. Das hat mehrere Gründe – und hat gravierende Folgen.

          Zwischen den überwiegend weißen Trikots von Real Madrid haben sich auch ein paar blaue Farbtupfer des Gegners aus Paris gemischt. Es ist 14.45 Uhr Ortszeit in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá und im umtriebigen Geschäftsviertel rund um das Nobeleinkaufszentrum „Centro Andino“ im reichen Norden sind die Restaurants und Kneipen bis auf den letzten Platz besetzt. Im rund 11.000 Flugkilometer entfernten Europa treffen mit Real Madrid und Paris Saint-Germain zwei Schwergewichte der Champions League mit ihren zahlreichen lateinamerikanischen Stars aufeinander. Der kontinentale Fernsehsender ESPN überträgt die Partie live zwischen Acapulco und Feuerland, nach Spielschluss wird das Duell noch mehrmals in voller Länger über den Sender gehen. Die europäische Königsklasse ist ein Quotenhit in Südamerika.

          In der Halbzeitpause von Paris spricht ein bekanntes Gesicht zu den kolumbianischen Fernsehzuschauern: Trainer Pep Guardiola von Manchester City. Er preist für einen Pay-TV-Anbieter Bilder von großen Momenten mit Bayern-Star James und der kolumbianischen Nationalmannschaft an. Der frühere Bayern-Coach hat Erfahrungen damit, den Kolumbianern Premiumware zu verkaufen. Vor gut fünf Jahren, in seinem Sabbatjahr vor seinem Engagement in München, war er in Bogotá. Rund 10.000 Kunden einer Großbank zahlten umgerechnet rund etwa Euro für eine Eintrittskarte, um den Spanier im „Auditorio G12“ exklusiv über Erfolg plaudern zu hören.

          Ausgebeutet vom europäischen Fußball

          Der lokale Vereinsfußball ist gegen die Kolonialmacht Europa chancenlos. Die Superstars Lionel Messi (Barcelona/Argentinien), Neymar (Paris/Brasilien) oder James (Bayern/Kolumbien) erfüllen die Ankerfunktion eines riesigen industriellen Fischtrawlers namens Champions League, der in fremden Gewässern kreuzt und für die einheimischen Kutter nur leergefischte Fanggründe übrig lässt. Ein Gigant, der sämtliche überdurchschnittlichen südamerikanischen Spieler unter Vertrag nimmt und damit dem Herkunftsmarkt Top-Fachkräfte, Aufmerksamkeit, Qualität und Einnahmen entzieht.

          Am Tag, an dem in Paris für PSG der Traum vom Titelgewinn platzt, stehen in Südamerika drei Spiele in der „Copa Sudamericana“, vergleichbar der Europa League, an. Im bolivianischen Ort Oruro und in der venezolanischen Hauptstadt Caracas sind die Stadien fast menschenleer. Was das bedeutet, hat das Portal „Benditofutbol“ ausgerechnet. Im Hinspiel zwischen El Nacional aus Quito und San José (Oruro) kamen exakt 5062 zahlende Zuschauer ins Stadion Olimpico Atahualpa in der ecuadorianischen Hauptstadt. Tageseinnahme: umgerechnet 25.709 Euro. Damit könnte der ecuadorianische Top-Klub den populärsten Spieler des Landes, Antonio Valencia von Manchester United, nicht einmal zwei komplette Arbeitstage bezahlen. Pep Guardiola hat bei seinem Plauderabend einst in Bogotá viermal so viel umgesetzt und selbst die rund 500 Fans in weißen Real-Originaltrikots, die sich am Dienstag in den zahlreichen Kneipen auf Bogotás Luxusmeile tummeln, haben insgesamt das Doppelte für die Edelshirts ausgegeben wie alle 5000 Fans in Quito für die Eintrittskarten zusammen.

          Wer sich in Bogotá in das Museum der lokalen Mannschaft Millionarios verirrt, wird sehen, dass es vor Jahrzehnten einmal genau andersherum war. Die Millionarios galten in den frühen 1950er Jahren als die beste Vereinsmannschaft der Welt. In den Reihen des sogenannten „Blauen Balletts“ spielte ein junges Talent namens Alfredo di Stefano. Er lockte Zehntausende Zuschauer in die Stadien. Bis bei einem Freundschaftsspiel in Madrid der überragende di Stefano die Gastgeber bei einem eindrucksvollen 4:2-Sieg demütigte. Anschließend nahmen die Königlichen den Argentinier unter Vertrag und gewannen mit dem südamerikanischen Import fünfmal in Folge den Europapokal der Landesmeister: Der Grundstein für den Mythos Real war ebenso gelegt wie für den historischen Beginn der Ausbeutung des südamerikanischen Fußballs durch die Europäer.

          Rund 65 Jahre später greift auch der FC Bayern nach dem lateinamerikanischen Markt. Am Dienstag tut er das via Twitter mit einer Hommage an den kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez und einer Spielszene von James. Am Dienstagabend haben 5600 Menschen diesem Tweet des offiziellen spanischen Twitteraccounts der Bayern ein Herz geschenkt. Die einst stolzen Millionarios schaffen es im eigenen Land am gleichen Tag gerade mal auf 598 Likes für den erfolgreichsten Tweet.

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