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Veröffentlicht: 19.04.2017, 08:16 Uhr

Bayern-Aus bei Real Madrid „Wir sind beschissen worden“

Ein fragwürdiger Platzverweis, zwei regelwidrige Gegentore: Nach dem Aus in der Champions League finden die Bayern den Schuldigen schnell. Doch es gibt weitere Gründe für das Münchner 2:4 in Madrid.

von
© AP Schiedsrichter Kassai hatte einiges zu erklären gegenüber den Spielern des FC Bayern.

Der Schuldige war schnell ausgemacht. Das Aus des FC Bayern München im Viertelfinale der Champions League durch die 2:4-Niederlage bei Real Madrid war erst wenige Sekunden besiegelt, da sah sich Schiedsrichter Viktor Kassai beim Gang in die Katakomben des Estadio Santiago Bernabéu einer wahren Schimpftirade einiger Münchner Betreuer und Verantwortlicher ausgesetzt, die sich anschließend vor den Fernsehkameras zum Teil fortsetzte: „Ich weiß, dass im Fußball Fehler geschehen. Aber eine solche Serie von Fehlentscheidungen ist für mich auf diesem Niveau unverständlich“, polterte der ansonsten für seine Gelassenheit bekannte Carlo Ancelotti noch mehr als eine halbe Stunde nach dem Abpfiff. „Ich hoffe sehr, dass dem Schiedsrichter schon bald durch den Videobeweis geholfen werden kann.“

© Opinary

Sebastian Reuter Folgen:

Karl-Heinz Rummenigge wurde zu mitternächtlicher Stunde noch deutlicher. „Ich muss sagen, ich habe heute zum ersten Mal so etwas wie wahnsinnige Wut in mir, Wut, weil wir beschissen worden sind. Wir sind beschissen worden, im wahrsten Sinne des Wortes“, erklärte der Vorstandsvorsitzende in seiner Bankettansprache.

Ursächlich für den nicht nur beim Münchner Trainer und Boss geweckten bajuwarischen Zorn waren zum einen die Gelb-Rote Karte für Arturo Vidal nach 84 Minuten im Anschluss an ein eher harmloses Tackling – bei dem der Chilene mehr den Ball spielte, als seinen Gegenspieler zu foulen. Und zum anderen die beiden entscheidenden Madrider Tore in der Verlängerung von Cristiano Ronaldo (105. und 110. Minute) bei denen das Team um den Unparteiischen aus Ungarn eine klare und eine sehr knappe Abseitsstellung des Superstars aus Portugal nicht erkannte. „Die Gelb-Rote Karte war ein Killer“, erklärte Rummenigge gegenüber dem TV-Sender Sky und sah die Münchner Mannschaft nach dem Ausscheiden gar „in der Kabine in Trümmern“ liegend. „Es war ein hervorragender Fußballabend – der dann leider vom Schiedsrichter extrem beeinflusst worden ist“, sagte Rummenigge.

© dpa, reuters Ancelotti hadert mit Schiedsrichterentscheidungen

Doch, dass es der deutsche Rekordmeister nach der 1:2-Niederlage im Hinspiel in der heimischen Arena am Ende nicht vermochte, das vierte Ausscheiden aus Europas Königsklasse in Serie gegen ein spanisches Team noch zu verhindern, lag nicht nur an den Fehlern des Mannes an der Pfeife: So verlieh die vor dem Anpfiff von den Bayern-Fans im Stadion mit großem Jubel aufgenommene Nachricht, dass sowohl die beiden zuletzt angeschlagenen Innenverteidiger Jerome Boateng und Mats Hummels, als auch der in den vergangenen beiden Partien aufgrund einer Schulterverletzung schmerzlich vermisste Robert Lewandowski von Beginn an spielen konnten, den Münchnern nur in den ersten zwanzig Minuten jene Selbstsicherheit, die sie in der Bundesliga in den letzten Wochen so unangreifbar erscheinen ließ.

45937510 Den Ball lässt er sich vergolden: Ronaldo arbeitet an seinem nächsten Denkmal. © Reuters Bilderstrecke 

Die Defensive der mit im Durchschnitt knapp dreißigeinhalb Jahren ältesten Bayern-Startelf der Champions-League-Geschichte wirkte mit zunehmende Spielverlauf häufiger nicht perfekt aufeinander abgestimmt und gewährte den Madrilenen zahlreiche Großchancen, von denen Manuel Neuer, der sich später wohl eine Fraktur im linken Fuß zuzog und nach ersten Schätzungen acht Wochen ausfallen wird, im Münchner Tor einige vereitelte. Und auch am besten Münchner Stürmer lief die Partie die meiste Zeit vorbei. Bis auf seinen – nach einem Foul an Arjen Robben – sicher verwandelten Elfmeter zum zwischenzeitlichen 1:0 (53.) trat Robert Lewandowski nur selten in Erscheinung.

Zu häufig liefen sich der Pole, die beiden weit einrückenden Flügelspieler Robben und Franck Ribéry sowie der offensive Thiago die wenigen Freiräume in der Hintermannschaft von Real selbst zu.  In der Verlängerung hatte der Topstürmer dann gar keine Chance mehr, den Münchnern mit einem weiteren Treffer das Weiterkommen zu sichern: Nach Ronaldos Ausgleich, dem Eigentor von Sergio Ramos (76. und 78.) sowie dem Platzverweis für Vidal musste Lewandowski nach 87 Minuten aus taktischen Gründen für Joshua Kimmich weichen.

© ZDF

Überhaupt ist der Münchner Mittelfeldspieler aus Südamerika die tragische Figur dieses Viertelfinals. Sorgte Vidal schon im Hinspiel mit seinem verschossenen Elfmeter kurz vor der Halbzeit für einen ersten Bruch im Spiel der Bayern, raubte der Mann mit dem Irokesen-Haarschnitt seinem ohnehin schon schwer schuftenden Team dieses Mal durch die vom Schiedsrichter angeordnete Unterzahl wenige Minuten vor der halben Stunde Extraspielzeit die letzten Kräfte. „Wir haben in zwei Spielen gegen Real Madrid mehr als eine Stunde lang in Unterzahl gespielt. Das macht es nicht unbedingt leichter“, sagte Philipp Lahm und erinnerte zudem an die Gelb-Rote Karte für Javi Martinéz im Hinspiel nach sechzig Minuten. „Bei den Schiedsrichter-Entscheidungen hatten wir dieses Mal Pech. Aber die Mannschaft hat Mut bewiesen und gezeigt, dass sie unbedingt gewinnen will.“

Für den im Sommer seine Karriere beendenden Bayern-Kapitän war die Niederlage in Madrid der letzte Auftritt auf der internationalen Fußballbühne. Daran denken wollte er direkt nach dem Abpfiff jedoch nicht. „Ich habe nach der Saison noch genug Zeit, um emotional zu werden“, sagte Lahm. „Heute überwiegt die Enttäuschung über das Aus.“ Zumindest ein wenig Wut auf den Schiedsrichter wird wohl auch bei ihm dabei gewesen sein.

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