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Ronaldos Wandlung : Der Lewandowski in ihm

CR7 – ein Schönwetterspieler? Nein, ein Vorbild an Professionalität Bild: AP

Im Abendlicht seiner Karriere verändert Cristiano Ronaldo sein Spiel und entdeckt den Strafraum für sich. Das Finale der Champions League soll sein nächster großer Auftritt werden.

          Der Satz war von abgründiger Komik, auch wenn er nicht überall so verstanden wurde. „Ich bitte nur darum, dass man mich im Bernabéu-Stadion nicht auspfeift“, sagte Cristiano Ronaldo letzten Monat, nachdem er den FC Bayern München im Viertelfinale der Champions League mit drei Treffern in Madrid (und zweien in München) höchstpersönlich erlegt hatte. Ein Star wie er? Bittet nur darum, dass man ihn nicht auspfeifen möge? Was für ein merkwürdiger Minimalismus!

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Doch tief drinnen, wohin das Publikum niemals blickt, weit jenseits des Ego-Getues, der Arroganz, der funkelnden Ohrstecker und sorgfältig gezupften Augenbrauen, könnte es tatsächlich einen Cristiano Ronaldo geben, der wie ein anständiger Lohnempfänger empfindet: Ich tue doch ehrliche Arbeit. Ich gebe niemals auf. Honoriert mich dafür.

          Seit letztem April tut der Mann seine Arbeit auf besonders hohem Niveau. Seine Treffer haben entscheidend dazu beigetragen, in der europäischen Königsklasse so schwere Brocken wie die Bayern und anschließend Atlético Madrid aus dem Weg zu räumen. Gerade ist er mit Real Madrid durch ein 2:0 bei Málaga spanischer Meister geworden. Allein im Mai hat er acht Ligatore erzielt, vierzehn Treffer insgesamt, ein Schnitt von rund 1,5 pro Match. Vor dem Champions-League-Finale in Cardiff gegen Juventus Turin ((20.45 Uhr, ZDF und im FAZ.NET-Champions-League-Liveticker) strotzt Ronaldo vor Selbstvertrauen.

          Nach dem EM-Titel rief der körperliche Karriereherbst

          Das sah vor einem halben Jahr noch ganz anders aus. Nach dem Champions-League-Gewinn 2016 und Portugals überraschendem EM-Sieg, den der Superstar als humpelnder Aushilfs-Coach von der Seitenlinie aus mitdirigiert hatte, war Ronaldo ausgepresst wie eine Zitrone. Obwohl er seinen muskelbepackten Körper pflegt, keinen Alkohol anrührt und alles für die Fitness tut, spürt selbst er den Verschleiß und hört das Rascheln fallender Kalenderblätter. Vergangenen Herbst, 31 Jahre alt, kam er schlecht in Tritt. Seine Beteiligung am Real-Spiel ließ nach, die Dribblings wirkten halbherzig, die Trefferquote sank in nie gekannte Niederungen.

          Da sein Sturmkollege Gareth Bale keine Anstalten machte, in seine Rolle zu schlüpfen, wurde aus dem gefürchteten BBC-Sturm (Bale, Benzema, Cristiano) ein Stürmchen. Andere Kollegen mussten mithelfen beim Toreschießen.

          Dann geschah im Ligaspiel gegen UD Las Palmas das Ungeheuerliche: CR7 wird ausgewechselt, obwohl er nicht verletzt ist. Fluchend geht er vom Platz, man braucht keinen Lippenleser, um die Kraftausdrücke zu verstehen. Zinédine Zidane, mit dem ihn bisher eine professionelle Arbeitsbeziehung verbunden hat, bekommt beim Abmarsch nur den minimalen Gruß ab: Der Portugiese ist sauer. Sein mächtiger Agent, Landsmann Jorge Mendes, lässt das Real-Präsidium wenig später wissen, das Austauschen seines Mandanten müsse „abgesprochen“ werden. Ronaldo, das ist bekannt, will immer spielen.

          Macht jetzt noch mehr Tore: Ronaldo ist zu einer echten „Neun“ gereift.

          Anberaumte Verhandlungen über die vorzeitige Vertragsverlängerung werden von Mendes verschoben. Der Mann hat offenbar noch nicht von der Stellenbeschreibung eines Trainers gehört, der auf das reagiert, was er auf dem Platz sieht. Denn Zidane hat erkannt, was Real in den vergangenen Jahren immer wieder Titel gekostet hat, nicht die Champions League, die sie im Blut haben, sondern die Meisterschaft, die Prämie für Konstanz und Ausdauer: Den sogenannten Leistungsträgern, allen voran Cristiano Ronaldo, ist kurz vor der Ziellinie der Treibstoff ausgegangen.

          Zidane formt aus den „Galaktischen“ ein Team

          Immer wieder gab es entscheidende Spiele, in denen der vierfache Weltfußballer abtauchte. Ein einziger Meistertitel in sieben Jahren, das muss auch Ronaldo einsehen, ist einfach zu wenig. Zidane beschließt, mit dem „Dosieren“ seiner Spieler Ernst zu machen. Er kann es sich leisten. Vermutlich verfügt der Franzose, der sich in Madrid mit seinem Volleyschuss zum 2:1-Champions-League-Sieg gegen Bayer Leverkusen im Jahr 2002 unsterblich gemacht hat, über die beste Ersatzbank der Welt. Jetzt oder nie.

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