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Das Tor von Pierre-Emerick Aubameyang reichte dem BVB nicht. Bild: dpa

1:3 gegen Real Madrid : „Das war nicht das Niveau von Borussia Dortmund“

Der BVB geht beim 1:3 gegen Real Madrid taktisch ein großes Risiko ein und wird bestraft. Sollten die Dortmunder des Spiel in Zukunft defensiver angehen? Die Antwort fällt eindeutig aus.

          Eine ganze Weile nach dem Schlusspfiff meinte es jemand gut mit Peter Bosz und fragte ihn, ob es beim Stand von 0:0 nicht einen Handelfmeter für den BVB hätte geben müssen. Mancher Fußballlehrer hätte so eine Vorlage sicher genutzt, um von den wirklichen Ursachen abzulenken, die zur Niederlage geführt haben. Der Cheftrainer von Borussia Dortmund erlag dieser Versuchung nicht. Erst einmal müsse er festhalten, dass seine Mannschaft „zu Recht verloren“ habe, sagte Bosz nach dem 1:3 gegen Real Madrid im zweiten Gruppenspiel der Champions League. „Deshalb will ich jetzt nicht mit dieser Szene anfangen.“ Der BVB-Trainer stand nicht allein mit der Meinung, dass Abwehrchef Sergio Ramos im Fünfmeterraum ein strafwürdiges Handspiel unterlaufen war. Aber es lag ihm fern, daran die erste Dortmunder Niederlage im verflixten siebten Europapokal-Heimspiel gegen Real Madrid festzumachen. „Real war klar besser“, sagte er.

          Die Borussen hatten durchaus tatkräftig zu diesem höchst unterhaltsamen Fußballabend beigetragen, mit viel Mut und mit (zu) viel Risiko. Dortmund trat dem Titelverteidiger so angriffslustig entgegen wie wohl selten ein Team. Aber was zuletzt gegen limitierte Bundesligamannschaften wie Hamburg, Köln oder auch Mönchengladbach mitreißend wirkte, wurde vom Starensemble aus Madrid als fehlerhaft entlarvt. Der BVB stürmte mit Hingabe, wusste seine Kräfte aber nicht zu kanalisieren. Und die Hauptschwäche lag dort, wo sie schon länger vermutet wird: im Abwehrverhalten. „Das war schlecht“ sagte Bosz, „das war nicht das Niveau von Borussia Dortmund.“

          Champions League

          Als der Trainer die Gegentore von Gareth Bale (18. Minute) und Cristiano Rinaldo (50./70.) bei der Analyse noch einmal über sich ergehen ließ, sah er sich in einer Erkenntnis bestätigt, die er längst gewonnen und geäußert hatte. „Wir sind jedes Mal einen Schritt zu spät gekommen.“ Dieser Befund könnte zu dem Schluss verleiten, in erster Linie habe die Abwehr versagt, wenn sie überlaufen wurde, was häufig vorkam. Aber das wäre oberflächlich. Die Dortmunder hatten oft schon weiter vorne nicht genug Druck auf den Ballführenden ausgeübt. Die Abwehr musste es dann ausbaden und konnte froh sein, dass Torhüter Roman Bürki einen guten Tag erwischt hatte. Also eilte Bosz den Verteidigern zu Hilfe. Wenn die Stürmer und die Mittelfeldspieler nicht genug Druck auf den Ball machten, „hat nicht nur die Abwehr ein Problem, sondern die gesamte Mannschaft.“

          Also kam spätestens nach der zweiten Niederlage in der europäischen Königsklasse eine Frage auf, die nach dem formidablen Bundesligastart mit nur einem Gegentor aus sechs Spielen allenfalls unterschwellig gestellt worden war. Verteidigt Dortmund zu „hoch“, zu offensiv? Bekommt der Gegner zu viel Raum, wenn Pressing und Gegenpressing nicht funktionieren? Zugespitzt könnte die Frage lauten: Liegt der Fehler im System?

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          Dafür spricht, dass der BVB auf Störungen reagiert, sobald er auf Mannschaften wie Tottenham Hotspur oder Real Madrid trifft, die gut eingestellt sind auf die Dortmunder Angriffslust; die spüren, wann sie sich zurücknehmen müssen und wann es so weit ist, Fehler auszunutzen. Die einhellige Antwort aus Dortmund aber lautet derzeit: nein. Der Trainer, gerade als Niederländer, neigt nicht dazu, seine taktische Basis zu verlassen. Die Spieler scheinen ihm zu vertrauen, weil die Ergebnisse aus der Bundesliga ihm vorerst Recht geben. „Wir bleiben bei unserer Spielidee“, sagt Mittelfeldspieler Gonzalo Castro. Und sein Kompagnon Nuri Sahin empfiehlt, „einfach weiterzumachen“.

          Das ist sicher im Sinne des Trainers. Bosz hatte durchaus einen Plan B. Dieser Plan sah vor, viel Risiko mit noch mehr Risiko zu bekämpfen. Also stellte Dortmund auf ein 3-4-3 um. Derart offensiv angegangen zu werden muss Real-Trainer Zinedine Zidane überrascht haben. Als Dortmund in neuer Formation der Niederlage zu trotzen begann, eilte ein kahlköpfiger Mann, der als Zidanes Vertrauter in Taktikfragen gilt, zu seinem Chef, zeigte mit den Fingern die Zahl „3“ und deutete in Richtung des geschrumpften Verteidigungsbundes in Schwarz-Gelb. Am Ende hatte der BVB sogar vier Stürmer auf dem Platz, ohne etwas ausrichten zu können. Wie viel Sturm und Drang Bosz auch im Kopf gehabt haben mag, am Ende stießen er und seine Kicker an Grenzen, die Pierre-Emerick Aubameyang mit seinem Anschlusstor nur vorübergehend, im Hinblick auf die Lautstärke im Stadion, verrücken konnte (54.).

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          Sollte Dortmund im Zweifel also defensiver spielen, wenigstens eine Nuance vorsichtiger? Aktuell eine eher theoretische Frage. Schon wegen der guten Erfahrungen aus den ersten Wochen der Bundesliga wollen die Westfalen sich ihr Erfolgsrezept im internationalen Wettbewerb nicht schlecht reden lassen. Diese Art von Offensivfußball erfordere „viel Energie“, sagt Kapitän Sokratis. Energie, die der Mannschaft in den wichtigen Spielen gefehlt hat. Der Energiehaushalt könnte Fragen aufwerfen – die Taktik dagegen scheint unverrückbar festgeschrieben.

          So offensiv zu spielen und so weit vorne zu verteidigen habe die Mannschaft in den drei Monaten unter Bosz gelernt, sagt Sokratis. „Das ist unser Stil, das ist das, was der Trainer von uns will. Wir müssen uns verbessern.“ Ob das genügt, um das Gelernte auch nach der Gruppenphase noch anzuwenden, erscheint zweifelhaft, aber nicht unmöglich, bei sechs punkten Rückstand auf die führenden Vereine in der Tabelle. „Es wird schwer, aber wir haben die Mannschaft und die Qualität, um alle vier Spiele zu gewinnen“, behauptet Sokratis. „Wir haben eine Chance.“

          Quelle: FAZ.NET

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