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Veröffentlicht: 08.12.2016, 08:32 Uhr

Champions-League-Analyse Dortmund rennt Real doch noch davon

Durch das 2:2 in Madrid sichert sich der BVB Platz eins vor Real. Trainer Tuchels Matchplan geht auf, weil seine Borussen einen starken Schlussspurt zeigen – und eine neue Bestmarke aufstellen.

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© AP Schneller geht es nicht: Aubameyang (links) und Reus sprinten mit einem 2:2 in Madrid ins Achtelfinale.

Usain Bolt möchte demnächst beim Training von Borussia Dortmund vorbeischauen. Die Erlaubnis von Trainer Thomas Tuchel hat er schon. Der Sprinter aus Jamaika soll ein passabler Fußballspieler sein. Dass er den Profis einfach mit dem Ball davonrennt, sollte der neunfache Olympiasieger aber nicht glauben. Denn auch der BVB hat einige ganz flinke Sprinter in seinen Reihen. Das zeigten die Dortmunder beim 2:2 in Madrid am letzten Spieltag der Champions League eindrucksvoll – weil sie nach dem 0:2 den „Königlichen“ von Real doch noch davonrannten.

© ZDF

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Das Ausspielen der Schnelligkeitsvorteile in der Offensive gehörte von Beginn an zum Matchplan von Tuchel im Santiago Bernabeu, doch in der ersten Halbzeit klappte das noch nicht. Der Coach hatte hinter der schnellen Sturmspitze Pierre-Emerick Aubameyang die nicht minder rasanten André Schürrle, Ousmane Dembélé und Christian Pulisic aufgeboten. Später kamen Marco Reus und Emre Mor. Das zahlte sich aus. Nach zwei Toren von Karim Benzema (28./53. Minute) glichen Aubameyang (60.) und Reus (88.) aus und sicherten der Borussia mit 14 Punkten vor Madrid (12) doch noch Platz eins in der Gruppe.

Während der BVB in der Offensive mit einem 4-2-3-1-System antrat, formierte sich die Mannschaft beim Verteidigen zu einem 4-4-2. Damit sollte dem Angriffsspiel Reals ein kompakter Block, der vor allem die Mitte abdichtet, entgegengesetzt werden. Madrid versuchte es dann auch immer wieder ohne den Umweg über die Außen, wie die nachfolgende Grafik mit den Durchschnittspositionen zeigt: Die meisten spanischen Spieler gruppierten sich rund um den Mittelkreis. Der BVB zwang den Gegner gar dazu, mit langen Bällen in die Spitze zu arbeiten, was sonst gar nicht Reals Stil ist.

Dass es zur Halbzeit dennoch 1:0 für Madrid stand, hatte zwei Gründe. Den Dortmundern unterliefen im eigenen Offensivspiel viel zu viele Fehler. Oft hatte der BVB genug Platz in der gegnerischen Hälfte, verpatzte aber immer wieder das richtige Zuspiel. So landeten etliche Bälle trotz Überzahl und Freiraum beim Gegner oder im Aus. Das andere Problem resultierte aus der Taktik, die Mitte zu verstellen. So öffneten sich Räume über außen für die Real-Spieler, die das im Laufe der ersten Halbzeit auch erkannten. Weil Marcel Schmelzer und Schürrle sich nicht richtig absprachen, hatte Daniel Carvajal sehr viel Raum, flankte flach – und Benzema traf.

43734135 Gelb-schwarze Jubeltraube: Der BVB freut sich über den späten Ausgleich im Bernabeu © AFP Bilderstrecke 

Auch der zweite Treffer der „Königlichen“ nach der Pause fiel über außen, weil Flankengeber James Rodriguez viel zu viel Platz und Zeit hatte. Wieder verwertete der französische Torjäger Benzema die Hereingabe. Der Kopfball bedeutet seinen fünfzigsten Treffer in der Champions League. Diese Marke hat Cristiano Ronaldo (95) schon lange hinter sich gelassen. Doch derzeit ist er in der Königsklasse seit 433 Minuten ohne Tor. Auch das war ein Grund, dass ein Dortmunder Comeback an diesem Abend möglich war. Nah kam Ronaldo einem Erfolg in der 78. Minute, doch sein Schuss klatschte an den Pfosten.

Zu diesem Zeitpunkt war die Borussia längst wieder im Spiel. Weil Ballverteiler Julian Weigl einen hervorragenden Pass auf den links im Rücken der Abwehr enteilten Schmelzer spielte, war plötzlich die ganze Abwehr der Madrilenen ausgehebelt. Die technisch saubere Ablage drückte Aubameyang über die Linie – dieser Spielzug war deutlich zu flott für die Spanier, zumal Marcelo es verpasste, den Vorlagengeber ins Abseits zu stellen. Die nachfolgende Animation der Tore zeigt, wie der BVB über außen zum Erfolg kam.

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Trainer Tuchel reagierte prompt, denn nun war klar: Ein weiteres Tor zum Remis würde nicht nur Platz eins bedeuten, sondern auch einen Rekord in der Champions League. Nie zuvor hatte ein Team 21 Treffer in den sechs Partien der Gruppenphase erzielt (Manchester United 1998/99, FC Barcelona 2011/12 und Real Madrid 2013/14 kamen auf 20). Der BVB schoss davon alleine 14 gegen Legia Warschau (6:0 und 8:4), nun fehlte nur noch ein weiteres Tor in Madrid. In Marco Reus und Emre Mor brachte Tuchel nach dem Anschlusstreffer zwei frische wie flinke Stürmer. Real-Trainer Zinédine Zidane reagierte, und gab Toni Kroos, der wochenlang verletzt gefehlt hatte, die Chance zum Comeback (63.).

Zunächst musste Reus hinten aushelfen, als er einen Kopfball von Benzema von der eigenen Torlinie schlug (69.). Weitere königliche Chancen vergaben Ronaldo (69.), Marcelo (74.) und Sergio Ramos (79.), der noch Madrids Tor-Held mit dem Ausgleich in letzter Minute beim Clásico in Barcelona am Samstag gewesen war. Es blieb eng – und die eingewechselten Dortmunder waren dann direkt am 2:2 beteiligt. Zunächst eroberte Mor den Ball an der eigenen Eckfahne und schickte Aubameyang auf die Reise, der Reus bediente, der wiederum nur noch einschieben musste. Wieder war der BVB Real einfach davongerannt, über die starke rechte Offensivseite, wie die Auswertung der Angriffsdrittel zeigt.

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Im Torjäger-Wettstreit durfte sich Aubameyang als Punktsieger fühlen, im wahrsten Wortsinne wie die Dortmunder Mannschaft. Zwar schoss Benzema zwei Tore – und Ronaldo keines –, doch der BVB-Stürmer war auch an beiden Treffern seines Teams beteiligt. Zudem fällt auf, dass Aubameyang keinen einzigen Fehlpass spielte. Damit war er die Ausnahme in der Dortmunder Offensive und ein Garant dafür, dass es noch Platz eins für den BVB wurde. Am Montag (12.00 Uhr / Live bei FAZ.NET) wird das Achtelfinale ausgelost. Im Topf für die Westfalen liegen fünf der acht Zweitplatzierten der Vorrundengruppen: Paris St. Germain, Benfica Lissabon, Manchester City, FC Porto und FC Sevilla. Und egal, welcher Gegner wartet: Er sollte gewarnt sein vor der Dortmunder Schnelligkeit. Auch ohne Usain Bolt.

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