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Real Madrid : „Zizou“, der Meister der Einfachheit

Zinedine Zidane Bild: AFP

Alles, was Zinédine Zidane als Trainer weiß, hat er von Carlo Ancelotti gelernt. Doch sein Wirken bei Real Madrid wird mit Skepsis begleitet: Kann er im Duell mit seinem Lehrer und den Bayern bestehen?

          Der April bringt tausend Wasser, sagt ein spanisches Sprichwort. Er könnte auch innerhalb von zwei Wochen die Titelhoffnungen des Rekordmeisters Real Madrid hinwegspülen. Denn in dieser Frist, die jetzt begonnen hat, werden die Big Points vergeben – in den Liga-Duellen, dem vom Samstag gegen Atlético Madrid, das 1:1 endete, und gegen den FC Barcelona sowie den beiden Champions-League-Partien gegen den FC Bayern München. Auf dem Papier sieht es ja ganz gut aus: Real führt in der Primera División mit zwei Punkten Vorsprung (bei einem Spiel weniger) vor Barcelona und darf die beiden Topgegner im heimischen Bernabéu-Stadion empfangen. Aber die Form ist zurzeit eher mau, und Gareth Bale spielt seine schlechteste Saison, seit er 2013 bei den Blancos angeheuert hat. Man muss sogar fragen: Welchen Fußball spielt Real überhaupt? Auch Trainer Zinédine Zidane, Nachfolger des nach einem halben Jahr wieder geschassten Ancelotti-Nachfolgers Rafa Benítez, scheint es nicht zu wissen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Verständlich, dass manchem Real-Fan beim Gedanken an das Viertelfinale gegen die Bayern – Hinspiel am kommenden Mittwoch in München, Rückspiel sechs Tage später in Madrid – mulmig wird. Ja, da gab es 2014 dieses sensationelle 4:0 in der Allianz-Arena, als Innenverteidiger Sergio Ramos die Bayern mit zwei Kopfballtoren erledigte, bevor sie überhaupt begriffen hatten, was an jenem Abend über sie hereinbrach. Wunder wie diese, auf die heroische Art, sind ganz nach dem Geschmack der Madrider Legendenhüter. Aber der Stratege des Sieges, der so manche Wunde im Real-Gemüt heilte – er hieß Carlo Ancelotti und trainiert heute die Gegenseite. Es wäre dem Italiener, der von Real-Boss Florentino Pérez 2015 nach nur zwei Spielzeiten und gegen die wütenden Proteste der Fans wieder verabschiedet wurde, nicht zu verdenken, wenn er die Top-Begegnung des Viertelfinales mit besonderer Motivation vorbereiten würde.

          Zidanes Lehrmeister Carlo Ancelotti steht heute auf der Gegenseite
          Zidanes Lehrmeister Carlo Ancelotti steht heute auf der Gegenseite : Bild: AP

          Jetzt sind alle Augen auf die Real-Bank und damit auf ihn gerichtet, „Zizou“, Ancelottis ehemaligen Assistenten, den dreimaligen Weltfußballer des Jahres, den Welt- und Europameister sowie zentralen Akteur beim berühmtesten Foul der Fußballgeschichte. Man hat den Kopfstoß gegen Marco Materazzi im WM-Finale 2006 zwischen Frankreich und Italien als tragischen Schlusspunkt von Zidanes leuchtender Fußballkarriere gedeutet, als Schattenseite eines Genies, aber das entspringt einer sehr verengten Sicht auf die Dinge; mit dem pädagogischen Ansatz kommt man in der Gefühlsindustrie Fußball nicht weit. Viel interessanter ist es, das Foul als störrischen Akt der Freiheit zu begreifen, als Unterwanderung aller Regeln, wie sie sich nur der Poet und Künstler erlauben darf – eben er, Zidane, der mit seinen Körpertäuschungen und der Eleganz seiner Ballbehandlung das Fußballfeld selbst in einen Raum der Freiheit verwandelt hatte.

          Wem das verstiegen vorkommt, der durfte sich 2012 eines Besseren belehrt sehen. Da stellte das Centre Pompidou in Paris die fünf Meter hohe Bronzeskulptur „Headbutt“ (Kopfstoß) des algerischen Künstlers Abdel Abdessemed aus, die die ikonische Finalszene für die Nachwelt verewigt. Eine „Ode an die Niederlage“ nannte der Museumsdirektor das Werk, einen Einspruch gegen die Tradition, „stets Statuen zu Ehren irgendwelcher Siege zu errichten“. Zidanes Entscheidung, vor zwei Milliarden Fernsehzuschauern im Finale nicht finalkonform zu handeln (vergiss die Beleidigung des Gegenspielers, gewinne die Verlängerung und neue Sponsoren, werde zum Vorbild der Jugend in den unterprivilegierten Vierteln von Marseille!), war also ein echter Kulturbruch: die Tat eines wahrhaft unabhängigen Mannes, der nur seinen eigenen Kriterien folgte.

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