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Atlético Madrid : El Cholo und die Undankbaren

  • -Aktualisiert am

Atléticos Trainer Diego Simeone vor seine Mannschaft während einer Trainingseinheit Bild: AFP

Atlético Madrid steht im Halbfinal-Duell mit Stadtrivale Real vor dem Aus in der Champions League. Unter den Fans tut sich zudem ein Konflikt auf, der auch Folgen für die Zukunft von Trainer Simeone haben könnte.

          Es war ein ungewöhnliches Bild, das sich beim Aufeinandertreffen zwischen den beiden Vereinen aus der spanischen Hauptstadt im Halbfinale der Champions League bot. Der sonst so besonnene Zinédine Zidane tänzelte mit geballten Fäusten durch seine Coaching-Zone. Da hatte Cristiano Ronaldo gerade das zweite seiner drei Tore geschossen.

          Diego Simeone wendete sich vom Spielgeschehen ab: Hände am Gürtel, Kopf gesenkt. Keine aufmunternden Worte des Motivationskünstlers an seine Spieler, keine taktischen Anweisungen. Der Trainer wirkte im Bernabéu-Stadion so geknickt wie seine Mannschaft. Das Ende ist bekannt: Real sorgte dank Cristiano Ronaldo für eine Vorentscheidung und dürfte nach dem Rückspiel an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im ZDF, bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) das Endspiel in Cardiff erreichen. Warum er denn gar keine Anweisungen mehr gegeben habe, fragten Journalisten in der anschließenden Pressekonferenz. Die Partie sei auf dem Platz entschieden gewesen, sagte der Argentinier, er habe nichts machen können.

          Die Sportzeitung „AS“ meinte gar, „El Cholo“, wie sie Simeone auch nennen, habe sich wider seine eigene Natur verhalten. Gemeint sind die drei frühen Einwechslungen beim Stand von 1:0 für Real, die das Mittelfeld und die Defensive destabilisiert hätten. Als hätte der bisherige Defensivstratege unbedingt den Ausgleich erzwingen wollen, statt sich mit einer akzeptablen Niederlage alle Möglichkeiten für das Rückspiel offenzuhalten.

          Den Beweis, dass es anders gekommen wäre, hätte Simeone Gemeiro, Saúl Ñíguez oder Carrasco weiterspielen lassen, liefern natürlich auch die Kritiker nicht. Aber tatsächlich ist Atlético längst nicht mehr so sattelfest in der Defensive wie in den vergangenen Spielzeiten, als sich Simeone nicht zu schade war, notfalls so viel Beton anzurühren wie mancher Drittligaklub, der im Pokal gegen ein Erstligateam antritt.

          Kritiker übersehen einen Punkt

          Doch ausgerechnet gegen Real Madrid wollte Simeone nicht mehr mauern. Wie in den vergangenen drei Jahren – zweimal verlor Atlético im Finale, einmal im Viertelfinale – scheint der Stadtrivale damit in der Champions League ein übermächtiger Gegner zu sein. So ist Real aber auch der einzige Gegner, an dem Atlético immer wieder scheitert. Manche Fans haben sich an den Erfolg offenbar so sehr gewöhnt, dass sie inzwischen den Gewinn der Champions League für eine Art Grundrecht halten. Dass es auch dieses Jahr dafür nicht reichen dürfte, dafür machen sie nun Simeone verantwortlich.

          Die Kritiker übersehen jedoch, gegen welchen Gegner ihre Mannschaft in der Champions League antritt. Da steht Atléticos Etat von 180 Millionen Euro den 420 Millionen Euro von Real gegenüber. Zinédine Zidane konnte so talentierte Fußballer wie Asensio, James Rodríguez, Kovačić oder Morata auf der Bank lassen, während sie bei vielen anderen Champions-League-Konkurrenten wohl Stammspieler wären – ein von vornherein unausgeglichenes Kräftemessen.

          Erfolgsverwöhnte Fans gegen alte Traditionisten

          Den erfolgsverwöhnten jüngeren Fans stehen bei Atlético die alten Traditionalisten gegenüber. Rubén Amón ist so einer, er hat ein Buch über die Passion geschrieben, mit der Atlético leidet, über die Zeit, als der Verein immer als „el pupas“ beschrieben wurde – als ein Kind, das immerzu „Autsch“ schreit, weil es immer irgendwo anstößt. „Hauen Sie ab“, rät Amón dem Trainer nun in der Zeitung „El País“.

          Die Anhänger seien undankbar geworden, nachdem Simeone in den vergangenen sechs Jahren den „Colchoneros“ das Lächeln nach den Spieltagen zurückgegeben habe, meint Amón. Simeone habe wie ein Druide im Hexenkessel Calderón aus Motivation, Aberglaube und Kampfgeist einen Zaubertrank gemixt, der Atlético „von den Toten auferweckt“ habe.

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          Simeone habe Atlético größer gemacht, als der Verein sei, nun dürfe er gehen. Sein Vertrag läuft noch bis zum Ende der kommenden Saison. Aber Simeone hat nie verhehlt, dass er neben Atlético mit Lazio Rom noch eine zweite große Liebe hat. Dort hat er zwischen 1999 und 2003 gespielt. Für die Traditionalisten würde der Abgang Simeones zum im nächsten Jahr vorgesehenen Abriss des Calderón-Stadions passen. Das moderne „Wanda-Metropolitano“ am Madrider Stadtrand ist so gut wie fertiggestellt, es trägt wie üblich den Namen des Hauptsponsors.

          Der Verein hat auch das Wappen leicht abgeändert, für die alten Fans ein Sakrileg. „El Cholo“, so meinen sie, passt in diese moderne Fußballwelt ohnehin nicht hinein. Doch zuvor kommt es in der alten Calderón-Arena noch einmal zum Stadtderby. Simeone stehen wenige personelle Alternativen zur Verfügung. So appelliert er an den Kampfgeist, um das 3:0 im Rückspiel noch umzubiegen. „Für andere wäre das wohl ein unmögliches Vorhaben“, sagt Simeone, „aber wir sind Atlético.“

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