14.09.2005 · Mit Ronaldinho hat sich der FC Barcelona wieder zur ersten Adresse im spanischen und europäischen Fußball entwickelt. Vor soviel Kunst und Können müßte Werder Bremen vor dem heutigen Champions League-Spiel eigentlich bange werden.
Von Paul Ingendaay, MadridAlle paar Jahre erscheint im Weltfußball ein Phänomen, das sich mit den üblichen Begriffen nicht beschreiben läßt, ein neuer Typus, der die Fans das Staunen lehrt. Maradona, Zidane und Ronaldo waren solche Erscheinungen. Auch bei Ronaldo de Assis Moreira, den alle Welt nur unter dem Namen Ronaldinho kennt, muß man von etwas Neuem sprechen. Es ist die Kindlichkeit auf dem Fußballplatz, eine ungewöhnliche Mischung aus Witz, Unschuld und einer Spielfreude von magischen Qualitäten.
Die Ankunft Ronaldinhos beim FC Barcelona im Jahr 2003, die ersten paar Monate, die trunkene Begeisterung, die sich über die Stadt legte, sobald der Brasilianer aufs Feld lief - all das hat auch in der Nachbetrachtung nichts von der eigentümlich messianischen Aura verloren, die den Brasilianer umgibt. Ronaldinho war für die Katalanen ein Geschenk des Himmels, und er ist es bis heute. Das will der 25jährige auch beim heutigen Champions-League Spiel in Bremen (20.45 Uhr/Live in Sat.1, Premiere und im FAZ.NET-Liveticker) unter Beweis stellen.
Feuer, Ideen und Tore - Barcas Auferstehung
Der Segen für die Katalanen liegt auch an der Vorgeschichte, die naturgemäß mit der erbitterten Rivalität zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid zu tun hat. Barca, schon seit drei Jahren ohne Titel und von einer Krise in die andere taumelnd, wollte 2003 den englischen Star David Beckham verpflichten. Als Real-Präsident Florentino Perez den Blauroten die Suppe versalzte und selbst zugriff, verfiel die neue Führung unter Joan Laporta auf die Verpflichtung Ronaldinhos. Diesen Glücksgriff, zusammen mit der beharrlichen Arbeit des Trainers Frank Rijkaard, werden die Fans bis an Ende ihrer Tage mit Barcas Auferstehung verbinden.
Denn während Beckham seinem Arbeitgeber Real Madrid unschätzbare Marketing-Dienste erweist und viele tausend Trikots verkaufen hilft, auf dem Rasen aber weitgehend blaß bleibt, hat Ronaldinho dem Spiel der Katalanen wieder Feuer, Ideen und Tore gegeben. In der Saison 2003/2004 reichte es nach einer fulminanten Aufholjagd in der Primera Division immerhin noch zum zweiten Platz - mit der besonderen Würze, daß Barcelona den taumelnden Rivalen Real Madrid im eigenen Stadion regelrecht vorgeführt hatte.
Wachablösung im spanischen Fußball
Der Hautpdarsteller dieser denkwürdigen Partie: Ronaldinho. Mit einem Heber über die verdutzte Deckung hinweg spielte er den Mittelfeldmann Xavi frei, der mit einem ebenso schönen Heber Torwart Casillas überlistete und die Entscheidung erzwang. Es war diese Szene von kaum fünf Sekunden Dauer, die besser als jede andere die Wachablösung im spanischen Fußball symbolisiert.
Das neue Team aus Barcelona, im Durchschnitt fast drei Jahre jünger als die gealterten Stars von Madrid, meldete unter Ronaldinhos Regie seinen Führungsanspruch an. Geniale Freistoßtore in letzter Minute, die Kracher unter die Latte, die auf engstem Raum zugespitzelten Wunderpässe sind dabei zum Markenzeichen des Brasilianers geworden.
Präzision eines Billardspielers
Alle, die ihn kennen, stimmen darin überein, daß es bei Ronaldinho zwischen Außenhülle und Kern keinen Widerspruch gibt. Er ist so fröhlich, wie das ewige Lachen mit den großen Schneidezähnen und die fliegenden Locken verraten. Er ist optimistisch. Er schreibt Autogramme und meidet Allüren, ein Freund und Familienmensch (Siehe auch: Vereinte Nationen: Ronaldinho wird Botschafter gegen den Hunger). Ronaldinho will spielen, spielen, spielen. Wenn ihm der Ball am Fuß zu kleben scheint und die Verteidiger mit Drehwurm zu Boden sinken, wenn er links schaut, aber rechts den Paß gibt, aus dem Fußgelenk, mit der Präzision eines Billardspielers, dann ahnt man die Glücksmomente, die solch pure Fußballästhetik schenkt - dem, der sie hervorbringt, aber auch denen, die dabei zuschauen dürfen.
Für einen wie Ronaldinho, der zu seinem Lebensglück die Lederkugel braucht, wäre die Ersatzbank die schlimmste Strafe. In Barcelona, wo Abtrünnige wie der Portugiese Luis Figo tiefe Wunden im Selbstbewußtsein hinterlassen haben, weiß man um seinen Wert. Der Brasilianer ist ein Symbol, um das sich ganz Katalonien schart. Sein Vertrag läuft bis 2008, die Ablösesumme liegt bei 150 Millionen Euro.
Barca kann den schönsten Fußball Europas spielen
Die vergangene Saison, eine der langweiligsten der letzten zehn Jahre, bedeutete in der spanischen Liga den Siegeszug eines hochklassigen, technisch glänzenden Teams ohne ernsthaften Konkurrenten. Dabei konnte der Weltfußballer des Jahres 2004 sein Niveau längst nicht in allen Partien halten. Eine Zeitlang schien es sogar, als wollte Ronaldinho sich auf dem linken Flügel verstecken, als brauchte er mehr Licht oder Wärme wie eine Pflanze, die am falschen Ort steht.
Es war die Zeit, als Tore rar wurden und die Dribblings nicht mehr gelangen. Es waren aber auch die Wochen, in denen sich der FC Barcelona mit Profis wie Deco, Eto'o, Giuly, Xavi oder Marquez zu einer Klassemannschaft entwickelte, die auf einen einzelnen Spieler nicht angewiesen ist. Und so stehen die Dinge heute. Barca, verstärkt durch einen überragenden Argentinier namens Messi, kann wieder den schönsten Fußball Europas spielen, auch wenn der Schlendrian in der Abwehr den Katalanen oft einen Strich durch die Rechnung macht.
Das Team um Ronaldinho vereinigt soviel Kunst und Können, daß einem bange werden müßte, wenn die Champions League nicht immer wieder anderen Gesetzen gehorchte. Wenn es in Bremen ernst wird, ist nicht nur das lächelnde Kind mit den Zauberfüßen gefragt, sondern auch der Siegertyp Ronaldinho.
Paul Ingendaay Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.
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