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Champions League Werder nimmt den Coup im Nou Camp ins Visier

23.11.2006 ·  Beim 1:0 gegen Chelsea legt Bremen sein europäisches Reifezeugnis ab, nun reicht ein Punkt gegen Barcelona für das Achtelfinale. Überragender Akteur des Champions-League-Abends war Per Mertesacker mit einem Kopfballtor und vielen fairen Grätschen.

Von Frank Heike, Bremen
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Es gelang weder Thomas Schaaf noch Klaus Allofs, sich angemessen lange an den erfreulichen Geschehnissen dieser kalten Champions-League-Nacht zu wärmen. Dabei hätten sie die Zeit gern angehalten und mehr davon erzählt, mit welch erstaunlicher Reife Werder Bremen den FC Chelsea am Mittwoch abend 1:0 geschlagen hatte. Doch dieses Spiel war bald von der Zukunft verschlungen. Schnellebige Zeiten sind das.

Also sprach schon um kurz vor Mitternacht niemand mehr vom verdienten Sieg der Bremer gegen die teuerste Mannschaft der Welt, sondern alles vom Endspiel um den Einzug ins Achtelfinale der Champions League in der unverschämt starken Gruppe A: Werder spielt am 5. Dezember beim FC Barcelona - ein Punkt reichte den Bremern, um zum dritten Mal in Folge die K.-o.-Runde zu erreichen. Bei einer Niederlage spielen sie im nächsten Jahr im Uefa-Pokal bei den besten 32 weiter. Allein das ist ein großer Erfolg für Werder. (Siehe auch: Ergebnisse Champions League)

Angenehmer Außenseiterstatus

Natürlich zeigte das schnelle Abwenden von den Ereignissen des intensiven, aber nicht hochklassigen Aufeinandertreffens zwischen den Tabellenzweiten der Bundesliga und der Premier League auch, daß Werder solche Siege nicht mehr aufgeregt bestaunt und bejubelt, sondern doch eher rasch abhakt und die nächste Aufgabe anpackt. Unnachahmlich in seiner Art gab Trainer Thomas Schaaf einen Ausblick auf das erwartete Spiel um alles in Spanien: „Das war vorher schon ein Finale, und jetzt haben wir es so. Aber wir reden erst drüber, wenn es soweit ist.“ Werder fühlt sich überhaupt nicht chancenlos gegen die brillanten Einzelkönner Barcelonas; schon beim Hinspiel wäre fast ein Sieg geglückt - erst in der 90. Minute glich Messi damals aus.

Champions League: Werder nimmt den Coup im Nou Camp ins Visier

Hinzu kommt ein angenehmer Außenseiterstatus: Niemand nähme Werder das Ausscheiden in dieser Gruppe übel, aber es wäre auch niemand allzu überrascht, gelänge Werder tatsächlich der Coup in Nou Camp. Sportdirektor Klaus Allofs sagte: „Wir haben uns europäisch bewiesen. Wir sind mit dem Abschneiden schon jetzt sehr zufrieden.“

Wiese hielt den Sieg fest

Mit den Größten mitspielen und daran wachsen, das ist es, was Schaaf und Allofs ihrem Team als Ziel dieser Champions-League-Kampagne mit auf den Weg gegeben haben - Ziel erreicht, fand Schaaf: „Wir lernen von Spiel zu Spiel dazu. Wir haben gegen Chelsea weniger Fehler als gegen Barcelona gemacht, auch deswegen haben wir gewonnen.“ Fußball kann so einfach sein. Zumal wenn Schaaf ihn erklärt. Wo Jose Mourinho in der Pressekonferenz zuvor in jeder Antwort einzig und allein um sich und seine Befindlichkeiten kreiste, war Schaaf wieder einmal Nüchternheit pur. (Siehe auch: Champions League: Der Abend des Mißvergnügens für Ballack)

Die Leistung seiner Mannschaft machte Schaaf ruhig, zufrieden und ein bißchen stolz. Vor allem die energisch geführten Zweikämpfe gefielen ihm. Natürlich waren die durch diese knappe Niederlage schon für die Runde der letzten Sechzehn qualifizierten Londoner nicht an ihre Grenzen gegangen, doch mit Absicht hatten sie sicher nicht verloren. So konnte es sich Werder gegen dieses Weltklasseteam sogar erlauben, die seit Wochen schwachen Außenverteidiger Clemens Fritz und Pierre Wome wieder mit durchzuschleppen, ohne den Sieg zu gefährden. Den hielt unter anderem Torwart Tim Wiese fest, der zwei Schüsse von Joe Cole hervorragend abwehrte. Tim Borowski überzeugte in ungewohnter Rolle mittig vor der Abwehr.

Die längste und fairste Grätsche im deutschen Fußball

Doch der überragende Mann im Wortsinn war Per Mertesacker. Nach seinem perfekten Kopfballtor des Abends in der 27. Minute war es vor allem eine Szene in der zweiten Halbzeit, die die erstaunliche Körperbeherrschung des 198 Zentimeter langen Verteidigers dokumentierte: als er sich von Schewtschenko eben nicht austanzen ließ, sondern sich irgendwie um den ukrainischen Star wickelte und ihm den Ball abnahm. Einige Kostproben der längsten und fairsten Grätsche im deutschen Fußball gab Mertesacker zudem noch. Sein Tor entsprang einer kuriosen Szene: Torsten Frings fiel unberührt vom Gegner 20 Meter vor dem Strafraum, Schiedsrichter Lubos Michel pfiff Freistoß. Frings schickte den Ball in den Strafraum, dort wehrte Chelseas Boulahrouz den folgenden Kopfball Mertesackers zum Eckball ab. Die Hereingabe von Frings wuchtete Mertesacker dann ins Tor. Mourinho beklagte sich später über die generell schlechte Behandlung durch Schiedsrichter, Frings sagte: „Das war keine Schwalbe. Manchmal rutscht man einfach aus. Wenn der Schiedsrichter dann pfeift, kann ich auch nichts dafür.“ Mourinho hatte diese Szene da schon längst in sein dickes Buch der Verschwörungstheorien eingetragen.

Für die Bremer Profis ist das Finale um den Gruppensieg nun der verdiente Lohn ihrer Bemühungen. Per Mertesacker sagte: „Wir haben die Chance verdient weiterzukommen. Es ist schon eine ganz gute Voraussetzung, in Barcelona nicht gewinnen zu müssen.“ Aus Spanien war am Donnerstag viel Respekt vor Werder zu vernehmen; auch Mourinho sagte am Mittwoch, Bremen habe so stark gespielt, wie er es erwartet habe. Wieder einmal hat sich gezeigt, daß die Bremer in Europa längst wahrgenommen und geschätzt werden. Sie selbst halten das inzwischen für selbstverständlich.

Für das Achtelfinale qualifiziert: Bayern München, FC Valencia, Real Madrid, AC Mailand, Inter Mailand, FC Chelsea, FC Liverpool, Olympique Lyon, PSV Eindhoven, Celtic Glasgow

Werder Bremen - FC Chelsea 1:0 (1:0)
Bremen: Wiese - Fritz, Mertesacker, Naldo, Wome - Frings - Borowski, Jensen (79. Hunt) - Diego - Klose (90.+3 Klasnic), Almeida (87. Schulz)
Chelsea: Cudicini - Geremi, Boulahrouz, Terry, Ashley Cole - Makelele - Essien, Ballack (77. Wright-Phillips), Joe Cole - Drogba (59. Schewtschenko), Mikel (59. Robben)
Schiedsrichter: Lubos Michel (Slowakei)
Tor: 1:0 Mertesacker (27.)
Zuschauer: 36.908
Gelbe Karten: Borowski - Terry (3)

Quelle: F.A.Z.
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