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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Champions League Verzweifelt in London

 ·  Der FC Chelsea ist im Viertelfinale an diesem Mittwoch (20.45 Uhr) gegen Benfica Lissabon Favorit. Doch abseits der „Königsklasse“ läuft es nicht rund: Die „Blues“ suchen vergeblich einen neuen Trainer - und nach Identität.

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© Reuters Tristesse an der Stamford Bridge

Immer fehlt etwas beim FC Chelsea. Dem Kapitän John Terry fehlt zum Beispiel ein Mindestmaß an Anstand, weswegen er sich für die rassistische Schmähung eines Gegenspielers vor Gericht verantworten muss. Dem Betriebsklima fehlt die letzte Harmonie, seit Jungchef André Villas-Boas Altstars wie Frank Lampard und Didier Drogba aussortieren wollte. Weil bald darauf, nach Absturz auf Platz fünf der Premier League, natürlich kein Spieler, sondern der Trainer selbst aussortiert wurde, fehlt wieder etwas, nämlich ein Nachfolger. Und manchmal fehlt Chelsea, um ganz bei sich zu sein, auch nur ein Buchstabe.

Im Spiel gegen Manchester United, bei dem Anfang Februar mit einem 3:3 nach 3:0-Führung der Absturz aus der Spitzengruppe begann, fiel Beobachtern eine Werbebande am Spielfeldrand an der Stamford Bridge in London auf. Sie wies auf die Fan-Artikel des Klubs hin. In metergroßen Lettern stand, wo die Sachen erhältlich seien: unter der Internet-Adresse chelsefc.com/shopping. Die Buchstabenfolge aber wirkte seltsam. Chelse FC? Das wäre, als gäbe der FC Bayern sich als FC Bayer aus. Wer den Werbehinweis genau so in seinen PC eintippte, bekam damals keine Trikots oder Klub-Bettwäsche angeboten. Er landete auf einer Seite, die „Partnersuche mit Niveau“ verhieß.

80 Millionen Euro für neue Trainer

Vielleicht ist es genau das, was Roman Abramowitsch braucht: Partnersuche mit Niveau. Acht Trainer hat der russische Milliardär in knapp neun Jahren beschäftigt. Allein deren Ablöse- und Abfindungszahlungen der letzten vier Jahre haben ihn mehr als 80 Millionen Euro gekostet - für dieselbe Summe bekam der FC Bayern Ribéry, Robben und Gomez. Nun, da der Italiener Roberto Di Matteo das Team interimsweise bis Saisonende betreut, sucht Abramowitsch den neunten Trainer - und erhält aus der kleinen Kaste der europäischen Top-Trainer wie Guardiola oder Mourinho nur wortloses Desinteresse. Oder launige Absagen von Aufsteigern wie Jürgen Klopp.

Da die erste Wahl nicht will, soll Chelsea nun laut „Times“ Laurent Blanc, dem französischen Nationaltrainer, eine Offerte von über zehn Millionen Euro pro Jahr unterbreitet haben. Die Höhe des Angebots für einen Trainer, der nicht zur absoluten Oberschicht der Branche zählt und dennoch auf Anhieb ein neues Rekordsalär der Premier League verdienen soll, lässt die Verzweiflung bei Chelsea ahnen.

Dabei war der Klub einmal eine erste Adresse für die besten Spieler und Trainer Europas. Doch wer von dieser umworbenen Klientel vor allem auf das Geld schaut, geht inzwischen eher zum Scheichklub Manchester City oder, wie Stürmer Samuel Eto’o oder Trainer Guus Hiddink, zu Anschi Machatschkala, dem Milliardärsklub aus der russischen Provinz Dagestan. Und wer finanziell nicht das Letzte ausreizen will, stattdessen lieber sportliche Kontinuität und langfristige Perspektiven sucht, geht lieber zu Barcelona, Real Madrid oder auch Bayern München.

Chelsea ist zwar als letzter englischer Klub in der Champions League vertreten und hat nach dem 1:0-Hinspielsieg bei Benfica Lissabon vor der zweiten Partie an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) gute Chancen, mit Barça, Real und Bayern das Halbfinale zu komplettieren. Doch auf Augenhöhe mit den drei Traditions-Giganten ist Chelsea trotz aller Anstrengungen nicht angekommen. Dem Fußball der Neureichen fehlt Nachhaltigkeit. Seit vielen Jahren hat es kein Eigengewächs zum Stammspieler gebracht. Der Nachwuchs bekam hier kaum eine Chance gegenüber den teuren Einkäufen.

Eigenem Nachwuchs fehlt Qualität

Aber offenbar fehlte der Ausbildung in der Chelsea-Kinderstube auch die nötige Qualität für einen Verein mit solchen Möglichkeiten. Das zumindest verraten die Bundesliga-Leistungen der Klubzöglinge Mancienne, Bruma, Töre und Sala, die der frühere Chelsea-Sportdirektor Frank Arnesen bei seinem Jobwechsel zum Hamburger SV mitnahm. Es scheint, dass der FC Chelsea beim Sprung unter die Etablierten Europas auf halber Strecke steckengeblieben ist. Und dort, wo es nur ums Geld geht, überholen ihn inzwischen neue Neureiche.

Erstmals seit 2003, seit der Übernahme durch Abramowitsch, der seitdem rund eine Milliarde Euro in Klub, Spieler und Trainer steckte, droht Chelsea das Verpassen der Champions League. Ein Klub, der Topspielern diese Bühne nicht bieten kann, hat es nicht nur schwer, aktuelle Wunschspieler wie Angel di Maria von Real Madrid oder Ezequiel Lavezzi und Edison Cavani vom SSC Neapel zu verpflichten. Er hat es schon schwer genug, die eigenen Profis zu halten.

Machatschkala lockt Torres und Drogba

Laut Medienberichten in England, Spanien oder Italien klopfen die hellhörigen europäischen Konkurrenten Chelsea-Stars längst auf deren Wechselwilligkeit ab. „Die Geier kreisen schon“, schreibt der „Daily Express“. Für Fernando Torres, den 59-Millionen-Euro-Torjäger mit der 151-Tage-Torflaute, die erst vor zwei Wochen im Pokal gegen den Zweitligaklub Leicester zu Ende ging, soll ein hohes Angebot aus Machatschkala vorliegen, ebenso für Didier Drogba. Torres erzielte am Samstag in der Premier League beim 4:2 bei Aston Villa wieder einen Treffer.

Paris St-Germain, das neuerdings in Geld aus Qatar schwimmt, interessiert sich angeblich für Außenverteidiger Ashley Cole. Aus Spanien wurde Interesse von Real Madrid am Mittelfeldspieler Raul Meireles gemeldet. Und der brasilianische Verteidiger David Luiz wird intensiv vom FC Barcelona beobachtet. Die Zukunft erscheint also zweifelhaft. Aber vielleicht entschädigt ja die Gegenwart. Seit der Verabschiedung von Villas-Boas spielen die Altstars im Team plötzlich wieder motiviert mit, vielleicht auch, weil sie nun keine Ausrede mehr haben.

Allen voran überzeugt Kapitän und Abwehrchef Terry. Wenn er fit war, hat Chelsea noch kein Spiel in diesem Jahr verloren. Wenn das so weitergeht, lockt als Trostpreis der Gewinn des englischen Pokals, in dem Chelsea im Halbfinale auf Tottenham trifft. Und womöglich öffnete sich am Ende sogar der Notausgang Richtung Champions League, den bisher nur einer fand: der FC Liverpool, der 2005 nur Fünfter der Premier League wurde und sich dennoch wieder für die Champions League qualifizierte. Das ist eigentlich ganz einfach: Man muss sie nur gewinnen.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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