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Champions League Henry atmet Arsenal - aber bleibt er auch?

25.04.2006 ·  Thierry Henry träumt vom Finale der Champions League in seiner Heimatstadt Paris. Mit Arsenal London und dessen deutschem Torwart Jens Lehmann trennt den Stürmerstar nur noch ein erfolgreiches Halbfinale von der Erfüllung.

Von Christian Eichler
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Geht er? Geht er nicht? Thierry Henry schweigt zu den fortdauernden Fragen, ob er Arsenal verlasse, um nach Barcelona zu gehen oder neuerdings zu Real Madrid, wo man ihn, so die spanische Presse, dem Wunschtrainer Carlo Ancelotti gern zum Einstand präsentieren möchte, gelockt mit einem jährlichen Salär von 12 Millionen Euro. Henry schweigt, vor und nach Schlußpfiff, und gibt um so bessere Antworten dazwischen.

Beim 1:1 im Nord-Londoner Derby gegen Tottenham Hotspur am Samstag ließ ihn Trainer Arsene Wenger zunächst länger als eine Stunde auf der Bank, schonte ihn ebenso für das Halbfinalrückspiel der Champions League wie die beiden Jungstars Fabregas und Eboue (sein Gegenspieler Pellegrini vom FC Villarreal schonte sogar zehn der elf Akteure vom Hinspiel und verlor 0:2 gegen San Sebastian). Die halbe Stunde aber reichte Henry nicht nur, um die Partie auszugleichen, sondern das auch noch auf jene unvergleichliche Weise zu tun, die stets so wirkt, als schüttele er unvergeßliche Tore nur so aus dem Ärmel. Dinge wie er hat allenfalls ein Ronaldinho im Repertoire, aber nicht einmal der schafft die perfekte Ballkontrolle und die vollständige Übertölpelung des Gegners in solch einem Lauftempo wie der Franzose.

Traum für jeden Trainer

In der 84. Minute nahm Henry ein Zuspiel in vollem Spurt mit der Innenseite des rechten Fußes diagonal nach links mit und beförderte den Ball, ehe er den Schritt auch nur beendet hatte, mit der Außenseite desselben Fußes ins rechte Eck. Die Verteidiger waren zu Mitläufern degradiert, Englands Nationaltorwart Paul Robinson lag, wie ein Maikäfer, der gegen eine Scheibe geflogen ist, in der falschen Torecke.

Geschmeidigkeit, Ballkontrolle, Tempo, Teamgeist, physische Stärke, all das macht den 28 Jahre alten Franzosen zum Traum für jeden Trainer. Und erst die Zahlen. In jedem der letzten vier Jahre machte er pro Saison jeweils mindestens dreißig Tore für Arsenal. In dieser Saison ist das auch nur noch eine Frage von Tagen. 29 Tore (in 40 Spielen) hat er bisher erzielt. Sollte er sich das 30. Tor für diesen Dienstag im Stadion "El Madrigal" der spanischen Kleinstadt Villarreal (FAZ.NET-Liveticker) aufgehoben haben, es wäre wohl nicht nur gleichbedeutend damit, daß Arsenal nach dem 1:0 im Hinspiel erstmals das Finale der Champions League erreicht, es wäre auch eine Entscheidungshilfe in eigener Sache. Zumindest wenn man einem Kollegen glaubt. Sturmpartner Emmanuel Adebayor behauptete, die Entscheidung Henrys, ob er seinen 2007 endenden Vertrag verlängere oder diesen Sommer gegen eine hohe Ablöse wechsele, hänge vom Erreichen des Finales in seiner Heimatstadt Paris ab.

207 Tore für Arsenal in sieben Jahren

In den ärmlichen Vorstädten von Paris wuchs der Sohn einer karibischen Familie auf. In der Verbandsakademie im feinen Fontainebleau wurde er vom Talent zum Könner geformt. So gehörte er schon mit 20 Jahren zum Weltmeisterteam der Franzosen, wurde zwei Jahre später auch Europameister. Doch in der Entwicklung, die er nahm, sieht sich Henry vor allem seinem großen Mentor Wenger verbunden: "Arsene gab meiner Karriere den Beginn, und er gab ihr den Neubeginn." Wenger holte den Siebzehnjährigen zu AS Monaco, er holte den 21 Jahre alten Henry, der bei Juventus Turin als Flügelstürmer spielerisch verhungerte, nach England und ins Sturmzentrum. Der Rest ist Geschichte: zwei Meistertitel, drei Pokalsiege, zweimal bester Torjäger der Premier League, zweimal Spieler des Jahres in England, 207 Tore für Arsenal in sieben Jahren.

Doch wie geht es weiter mit Henry? Schwer vorstellbar, was von Arsenals fragiler Himmelstürmertruppe dieser Champions-League-Saison übrigbliebe ohne ihn. Entsprechend bang wird seine Entscheidung erwartet, die er bis zum Beginn der Weltmeisterschaft angekündigt hat. Henry liebt London; der Vater einer kleinen Tochter ist dort seßhaft geworden. Doch hat er angedeutet, eine neue Herausforderung zu suchen und, ähnlich wie der Bayern-Abtrünnige Michael Ballack, Teil eines Teams sein zu wollen, das ganz oben mitspielt.

Ein ewig junger Fußball

In England tut Arsenal das derzeit nicht, die Elf ist im Umbruch, der Klub kann mit Chelsea und Manchester United finanziell nicht mithalten. Zum ersten Mal seit elf Jahren droht sogar "St. Totteringham's Day" auszufallen - jener von den Arsenal-Fans erfundene Feiertag, an dem Tottenham die Saison rechnerisch nicht mehr vor Arsenal abschließen kann.

Doch atmet Henry die von Wenger geprägte Arsenal-Philosophie eines schnellen, brillanten, positiven Fußballs. "Wenn du dich zu einem Klub bekennst", sagt Wenger, "dann geht es nicht nur ums Gewinnen, es geht auch um die Werte, die man teilt, und um die Art Fußball, die man liebt." Arsenals Fußball ist ein ewig junger Fußball. Sein perfekter Vertreter muß sich nun dazu bekennen, ob er mit ihm alt werden will.

Quelle: F.A.Z., 25.04.2006, Nr. 96 / Seite 37
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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