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Champions League Graue Leverkusener Theorie

13.02.2012 ·  Außer Form und ohne Tordrang: Eigentlich hat Bayer Leverkusen im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Barcelona am Dienstgabend (20.45 Uhr) keine Chance. Robin Dutt will sie dennoch nutzen.

Von Richard Leipold, Leverkusen
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© AFP Realist Dutt: Barcelona ist Favorit

Es ist eines dieser Fußballspiele, die scheinbar schon entschieden sind, bevor der Schiedsrichter überhaupt angepfiffen hat. Bayer Leverkusen gegen den FC Barcelona (20.45 Uhr/ F.A.Z.-Liverticker) - da kann es nach allgemeiner Einschätzung nur einen Sieger geben: den Titelverteidiger der Champions League aus Katalonien.

Die exzellente Besetzung und die dominante Spielweise des Favoriten reichten normalerweise aus, um die klaren Verhältnisse zu illustrieren. Erschwerend kommt aber das Befinden des Bayer-Ensembles hinzu. In der Fußball-Bundesliga verkörpert die Mannschaft nur (oberes) Mittelmaß; bei ihrem jüngsten Auftritt gegen Borussia Dortmund (0:1) gefielen die Leverkusener durch eine solide Abwehrhaltung; in allen anderen Belangen waren sie dem deutschen Meister unterlegen. Diese Niederlage habe "die Vorfreude ein wenig gedämpft", ist aus der Mannschaft zu hören.

Und inzwischen hat sich auch bei Trainer Robin Dutt die Erkenntnis durchgesetzt, dass sein erstes Jahr unter dem Bayer-Kreuz sich zu einer "ganz schwierigen Saison" entwickelt, zumal seine Elf "alles andere als torgefährlich ist", wie er einräumt. Also bleibt ihm und seinen Männern nichts anderes übrig, als den Alltag für neunzig Minuten auszublenden und mit viel Phantasie auf eine Sensation zu hoffen.

Hoffen auf den Lucky Punch

Dabei erinnert Leverkusen an einen angeschlagenen Boxer, der nur durch einen "Lucky Punch" die Kräfteverhältnisse noch ins Gegenteil verkehren kann. Immerhin kennen die Rheinländer solche Herausforderungen aus der Gruppenphase. "In der Champions League hat ja kein Mensch mehr an uns geglaubt", sagt Dutt. "Wir lagen zu Hause gegen Valencia und gegen Chelsea in Rückstand, aber am Ende hieß der Sieger jeweils Bayer Leverkusen."

Das allein wäre in seinen Augen schon Grund genug, an eine Überraschung zu glauben, auch wenn "Barcelona besser ist als Spanien". Wenigstens ist der Druck nicht so groß wie in der Bundesliga, wo sich Bayer wird steigern müssen, um in der nächsten Saison überhaupt einen internationalen Wettbewerb zu erreichen. Niemand erwartet oder verlangt gar, dass der Bundesliga-Zweite des Vorjahres die katalanischen Künstler in die Schranken weist.

Selbst Dutt, der gerne gegen den Strom schwimmt, reiht sich ein in das übermächtige Heer der Realisten. "Es wäre schon ein Fußball-Wunder, wenn wir uns in zwei Spielen gegen Barcelona durchsetzten", sagt er. Die aktuelle Form seiner Mannschaft, die zudem einige Ausfälle zu verkraften hat, gibt nicht viel her, um den Glauben an ein Wunder zu befeuern.

Allein die zuweilen absurden Launen des Königs Fußball könnten dem Außenseiter Mut einflößen; seine Lust auf kuriose Geschichten, die sich kein vernünftiger Mensch auszudenken wagte. "Man glaubt immer, man habe schon alles erlebt im Fußball", sagt Dutt. "Aber man hat noch nicht alles erlebt. Auch diese Geschichte muss erst geschrieben werden." Und Verteidiger Michal Kadlec merkt an, im Fußball seien "schon immer Dinge geschehen, die eigentlich unmöglich waren".

Ohne Ballack

Mittelfeldstratege Michael Ballack wäre für eine Hauptrolle als Gaststar in der unmöglichen Geschichte vielleicht geeignet gewesen. Gestählt in hundertundeinem Europacupspiel, hätte er, mit etwas Phantasie, den Barça-Stars ein wenig Respekt einflößen können - ihn kennen sie wenigstens von früher.

Doch Ballack, zuletzt ein nicht eingewechselter Ersatzmann, ist durch einen Muskelfaserriss vollends außer Gefecht gesetzt und muss damit rechnen, dass auch seine internationale Karriere als Vereinsspieler unspektakulär zu Ende geht; das Rückspiel am 7. März im Stadion Camp Nou dürfte zu früh kommen für ein Comeback, falls es überhaupt erwünscht sein sollte. Also bleibt Bayer bloß die Hoffnung, der Gegner könnte einen schlechten Tag erwischen oder die Aufgabe zu leicht nehmen - am besten beides.

Barcelonas besondere Motivation

Doch ihre "Auszeit" haben die Katalanen schon jüngst in der Primera División genommen, beim Auswärtsspiel gegen CA Osasuna (2:3). Bei zehn Punkten Rückstand auf Spitzenreiter Real Madrid haben sie den Gewinn der spanischen Meisterschaft so gut wie abgeschrieben.

Umso mehr liegt ihnen daran, in der europäischen "Königsklasse" den Erfolg des Vorjahres zu wiederholen "In der Liga haben wir keine großen Optionen mehr", sagt Barça-Trainer Pep Guardiola. Deshalb gehe es in erster Linie darum, "den Titel in der Champions League zu verteidigen". Und in Leverkusen ausgeruhte Stars aufzubieten. Gegen Osasuna hatte Guardiola Leistungsträger wie Iniesta und Xavi geschont, Fabregas wurde nur eingewechselt.

Auf den ersten Blick hat Bayer Leverkusen also kaum eine Chance. Wenigstens theoretisch vielleicht? Der meinungsfreudige Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser wirkt unschlüssig. "Rein theoretisch haben wir keine Chance", sagt er - einerseits. Andererseits fügt er hinzu: "Wenn wir aber eine bekommen, dann werden wir sie nutzen. Das ist eine schöne Theorie." Aber auch eine sehr graue.

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