Home
http://www.faz.net/-gtm-6nd0a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Champions League Geldmaschine und Geschichtsbuch

 ·  Am Dienstagabend beginnt die neue Saison in der Champions League Die Königsklasse ist eine der gelungensten Erfindungen des Fußballs. Die Bühne der Stars befeuert das Geschäft.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)

Auch wenn man es beim FC Bayern noch kaum registriert hat: Schon jetzt steht fest, dass den Rekordmeister eine Rekordsaison erwartet. Zum dritten Mal wird 2012 ein Finale der Champions League im Bayern-Stadion stattfinden – das ist Spitze in Europa. Und diesmal haben sie sogar die Chance, dabei zu sein bei der Party im eigenen Wohnzimmer. 1993, als Olympique Marseille, und 1997, als Borussia Dortmund im Olympiastadion triumphierte, hatte der FC Bayern nicht am Wettbewerb teilnehmen dürfen. Erst im Endspurt des letzten Frühjahrs und in der sommerlichen Play-off-Zugabe gegen den FC Zürich wendete er eine dritte Blamage ab.

Die Champions League geht in ihre zwanzigste Saison mit unverminderter Anziehungskraft. Mit ihr ist bereits eine neue Generation europäischer Fußballfans aufgewachsen. Für diese klingt die alte Bezeichnung des Wettbewerbs als „Europapokal der Landesmeister“ so sehr nach grauer Vergangenheit wie „Tastentelefon“ oder „Sowjetunion“. Aber nicht nur durch Verpackung, auch durch Inhalt hat die Champions League ihre eigene, gut vermarktete Realität geschaffen. Ihr Dienstag-Mittwoch-Kalender prägt den wöchentlichen Biorhythmus von Fußballfans mit. Den jährlichen auch. Wenn der Sommer geht, beginnen die Gruppenspiele. Wenn es genug ist mit dem Winter, kommen als erster Frühlingsbote die K.-o.-Spiele. Noch vor den Krokussen.

An diesem Dienstag steht er an, der spielerische Herbstbeginn: mit dem vielleicht stärksten Bundesliga-Trio seit Jahren. Und mit einem doppelten deutsch-englischen Knalleffekt. In Dortmund misst sich der deutsche Überraschungsmeister mit dem Altmeister der Kombinatorik, dem FC Arsenal. In London treffen sich aus dem Feld der vielen, die noch nie Europas größte Vereinstrophäe gewannen, zwei derjenigen, die den Triumph am knappsten verpassten.

Dabei spiegeln sich beide bis heute nagenden Niederlagen in ein und demselben Spieler wider, in Michael Ballack. Nie gewann er ein großes internationales Finale, weder 2002 mit Bayer Leverkusen nach überlegenem Spiel gegen Real Madrid, noch 2008 mit Chelsea, als Terry beim entscheidenden Elfmeter ausrutschte. Ballack ging aus London nach Leverkusen zurück und kommt nun mit Leverkusen zurück nach London – eine der vielen guten Geschichten der Champions League.

758,6 Millionen Euro für die Teilnehmer

Nur Weltmeisterschaften bewegen ein noch deutlich größeres Publikum. Aber echte Fußballfreunde brauchen nicht nur alle Jubeljahre guten Stoff. Es dauerte 72 Jahre, ehe die bis dahin erfolgreichsten WM-Nationen zum ersten (und bis heute letzten) Mal bei einer WM aufeinander trafen – Brasilien und Deutschland im Finale 2002. Wer will ein ganzes Leben warten, um die Besten des Spiels im direkten Vergleich zu erleben? Die Champions League liefert das fast jede Saison – allein in den letzten sieben Jahren in sechs faszinierenden Partien zwischen Messi, Ronaldinho, Drogba und den anderen Weltstars von Chelsea und Barcelona.

Es ist eine Geschichten- und damit auch Geldmaschine auf hohen Touren. 758,6 Millionen Euro werden an die Teilnehmer ausgeschüttet. Die Massenwirkung ist so groß, dass das ZDF von 2012 an reichlich Gebührengelder opfert, um die Champions League aus dem Privatfernsehen in den Schoß der öffentlichen Grundversorgung zu überführen.

Viele lukrative Jahre Vorsprung

Doch der ökonomische Erfolg der Champions League ist auch eine Gefahr für den sportlichen Wettbewerb. Er macht viele nationale Ligen in Europa einseitiger, große wie in England ebenso wie kleine von Dänemark bis Griechenland. Wer es in die Champions League schafft, sichert sich einen finanziellen Vorsprung vor der nationalen Konkurrenz – schafft er es dadurch wieder und wieder, zementiert er den Vorsprung. So schuf der Wettbewerb ein Kastensystem im europäischen Fußball: ganz oben die, die regelmäßig Champions League spielen, dann lange nichts, dann die, die es ab und zu schaffen, dann lange nichts, dann die anderen.

Zu den üblichen Verdächtigen der Oberklasse zählt aus der Bundesliga nur der FC Bayern, der mit dem Spiel beim FC Villarreal am Mittwoch zum 14. Mal in den letzten 15 Jahren in Europa erstklassig startet. Er hat damit viele lukrative Jahre Vorsprung vor den nationalen Konkurrenten, von denen keiner auch nur auf halb so viele Teilnahmen kommt. Um die Kaste der Klubs mit Champions-League-Abo zu verändern, muss schon Außergewöhnliches geschehen. In den letzten zehn Jahren passierten Ausstiege praktisch nur durch Auffliegen von Bestechungsskandalen (Juventus) oder durch Ärger mit Investoren (Liverpool). Und Aufstiege nur durch den Einstieg von Milliardären (Chelsea, Manchester City).

Der finanzielle Wahnsinn ist allerdings ein steter Begleiter der Champions League. Er tobt sich auf der Jagd nach den europäischen Töpfen in überteuerten Transfersummen und Spielergehältern aus und treibt viele Klubs in hohe Verschuldung – bis hin zum aktuellen Champion, dem FC Barcelona. Michel Platini, Präsident der Europäischen Fußball-Union, will das von dieser Saison an schrittweise mit den neuen Regeln des „Financial Fairplay“ eindämmen. Das Ziel sind Klubs, die nicht mehr ausgeben, als sie erwirtschaften. Es ist ein Vorhaben, das vielleicht noch schwerer zu erreichen sein wird als das Finale in München am 19. Mai 2012.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

Jüngste Beiträge

Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Jubiläumsgeschenk als Verpflichtung

Von Daniel Meuren

Die Jubiläums-Saison ist vorbei. Das Geschenk für 50 Jahre Bundesliga gibt es aber erst in Wembley. Nun muss die Liga ihr gewachsenes Ansehen nutzen, um auf die Chancengleichheit zu achten. Mehr 1 2