Natürlich hatten wir Probanden damit gerechnet, gefolgt von geheimnisvollen Blicken in das dunkle Hinterzimmer einer Londoner Kneipe geführt zu werden. Oder über den roten Teppich vorbei an den Spieltischen eines glitzernden Casinos zu schreiten. Insofern ist das Bürohaus im Londoner Stadtteil Hammersmith, das die Zentrale des Sportwettenanbieters Betfair beherbergt, eine kleine Enttäuschung. Hier riecht es nicht nach Abenteuer, da tröstet auch der Blick auf die Themse nur wenig.
Doch hinter der typischen Fassade aus viel Glas, Stahl und Holz werden Millionen umgesetzt - mit Sportwetten im Internet. Die Branche trotzt der Krise. Betfair verzeichnet seit seiner Gründung 2001 in jedem Jahr 50 Prozent Wachstum, setzt 180 Millionen Pfund im Jahr um. Konkurrent Bwin ist der in Deutschland wohl bekannteste Anbieter.
Worin liegt die Faszination der Zockerei?
Im Gegensatz zu Betfair ist Bwin ein klassischer Buchmacher, der eine Wette anbietet, die Quote festlegt, Gewinne auszahlt und Verluste einstreicht. Betfair ist dagegen eine Wettbörse. Die Spieler selbst bieten Wetten an, können als Buchmacher agieren, Quoten anbieten oder klassisch auf ein Ergebnis setzen. „Die neue Art zu wetten“, heißt ein Werbespruch. Das Unternehmen verdient an jedem Gewinn zwischen zwei und fünf Prozent, und hat sich das Konzept patentieren lassen.
Doch worin liegt die Faszination der Zockerei vor dem Laptop? Das wollen wir in einem Selbstversuch während des Champions-League-Finales (siehe: 2:0 gegen United: Messi und Eto'o krönen Barça) in Erfahrung bringen. Wenn im fernen Rom der FC Barcelona und Manchester United um die europäische Fußballkrone kämpfen, werden in Hammersmith die Server heißlaufen, denn gewettet wird längst nicht mehr nur vor dem Anpfiff auf den Sieger. Auch das Spiel ums Geld dauert 90 Minuten, ständig kann der Wetter auf Ereignisse auf dem Rasen pokern. Und das tun die Spieler auch. Über fünf Millionen Wettanfragen werden pro Tag verarbeitet, das sind fünfzehnmal mehr Transaktionen als die Londoner Börse tätigt.
Zack, fünf Euro weniger auf der Habenseite
Im „Warroom“ beobachten Mitarbeiter auf einem Dutzend unterschiedlich großer Monitore ständig die Serverauslastung und Zugriffszahlen. Die Wetten müssen sekundengenau abgerechnet werden, denn ein Spieler kann auch dann noch setzen, wenn die Pferde auf das Ziel zustürmen und nur noch wenige Meter vor sich haben. Ist eines im Ziel, stoppt einer der „Market Operators“ die Wette und Augenblicke später schlagen Gewinn oder Verlust beim Spieler zu Buche.
Ich setze an diesem Abend auf Manchester, das zuzugeben fällt nach dem Spiel nicht so leicht. Doch das Glück von Barcelona schien mir nach den Halbfinalspielen gegen den FC Chelsea aufgebraucht (siehe auch: Nichts gesehen oder falsch hingeguckt - Chelsea hadert, Barca feiert). Und so setzte ich zunächst fünf Euro (Spielgeld) darauf, dass Cristiano Ronaldo das erste Tor des Abends schießt. Fast hätte es geklappt, seine Schüsse sind klasse, doch den ersten hält der Torwart, der nächste geht daneben. Es trifft Eto'o für Barcelona. Zack, die fünf Euro bin ich los.
Der Ball rollt wieder - und der Mut ist zurück
Doch ich stehe hinter meinem Team. Noch einmal fünf Euro darauf, dass Manchester bis zur Halbzeit den Ausgleich erzielt, schließlich habe ich ja auch fünf Euro auf das Endergebnis 2:1 für Manchester getippt. Das Unheil nimmt seinen Lauf - für Manchester und für mich. Die Quote für Manchester steigt, das heißt immer weniger Spieler setzen auf die Engländer. Hätte ich für meinen Einsatz auf das Endergebnis noch das 2,7-fache erhalten, ist es nach dem 1:0 schon das fünffache, nach dem 2:0 das achtfache und schließlich unmittelbar vor dem Schlusspfiff das Tausendfache. Die Quoten ändern sich ständig.
Das Pausenbier schmeckt etwas schal, zehn Euro habe ich schon verloren, mein Glaube an mich und an den großen Trainermeister Alex Ferguson schwindet. Und wie war das Spiel eigentlich? Viel gesehen habe ich nicht, ich war mehr mit der Zockerei und den ständigen Quotensprüngen auf meinem Laptop als mit dem Match beschäftigt. Anfängerfehler. Egal, als der Ball wieder rollt, ist mein Mut zurück, jetzt greife ich noch mal richtig an.
Wetten, dass einer vom Platz fliegt (fünf Euro). Wetten, dass es einen Elfmeter gibt (fünf Euro). Wetten, dass kein weiteres Tor fällt (fünf Euro). Undsoweiter, bis das Konto leer ist. Ich spiele mich um Kopf und Kragen. „Da kann man nicht mehr viel machen“, sagt der nette Herr von Betfair in der zweiten Halbzeit bei einem Blick auf meinen Laptop.
Kleines Taschenbuch für „Dummies“
Mit ein paar strategisch gesetzten Wetten hätte ich meine Verluste begrenzen oder sogar kleine Gewinne einstreichen können, obwohl mein Favorit einen so schlechten Abend erwischt hat. Wie an der Börse geht es nicht nur darum, auf das richtige Pferd zu setzen, man muss auch die Marktmechanismen verstehen und sie für sich nutzen können.
Entwickelt wurde das Betfair-System übrigens von einem Profispieler und einem Investmentbanker. Heute setzen die beiden nicht mehr auf Pferde, sie besitzen welche. Ich aber habe am Ende mein Spielgeld verzockt. 3,75 Euro sind mir von fünfzig Euro Startguthaben verblieben, zum Glück war es kein echtes Geld. Aber dann hätte ich die Mausklicks auch nicht so locker gesetzt.
Zum Abschied gibt es ein kleines Taschenbuch. „Gewinnen bei Betfair - für Dummies“. Na, herzlichen Dank auch. Ich bleibe lieber beim Tippspiel unter Kollegen, da habe ich wenigstens schon mal gewonnen.