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Champions-League-Finale Pep Guardiola - vom Balljungen zum Baumeister

27.05.2009 ·  Beim FC Barcelona kommt die Schönheit von innen: Wie die Stars Xavi, Messi und Iniesta hat auch Trainer Pep Guardiola eine katalanische Jugend hinter sich.

Von Paul Ingendaay
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Zwei Spielweisen stehen sich im Champions-League-Finale von Rom gegenüber, und das dürfte in dieser reinen Ausprägung selten sein, verkörpert von den beiden besten Mannschaften der Welt. Zwei Philosophien, wenn man ins allerhöchste Regal der Fußballweisheit greifen will. Und auch die beiden Trainer könnten kaum gegensätzlicher sein. Erfahrung gegen Jugend, Norden gegen Süden. Höchster Erfolgswille gegen mediterrane Ästhetik. Dass der eine der beiden, Barcelonas Trainer Pep Guardiola, den Senior Alex Ferguson mit der größten Achtung behandelt, dürfte da kaum verwundern. Aber auch der nicht immer verbindliche Schotte zollt Guardiola für den spanischen Doppelschlag von Meisterschaft und Pokalsieg Respekt. Es ist der neue Ton in der europäischen Königsklasse. Man findet sich gegenseitig wohl wirklich gut; man lobt sich gegenseitig in die Wolken, um dem Gegner dann, in den entscheidenden Wettkampfminuten, ein Bein zu stellen.

Bei diesem Spielchen ist Manchester United im Vorteil. Barça-Trainer Guardiola wiederum könnte es durchaus recht sein, dass der amtierende Titelträger Manchester als leichter Finalfavorit gilt. Er hat schon jetzt mehr erreicht, als man von ihm vernünftigerweise verlangen durfte. Das Projekt seines Vorgängers Frank Rijkaard war durch natürliche Erosion und überschäumende Egos nach fünf Jahren zu Ende gegangen.

Man kann die Kurve zwischen 2003 und 2008 säuberlich nachzeichnen: Aufstieg, Höhepunkt, Niedergang. Auf dem Höhepunkt, 2005/06, wurde gegen den FC Arsenal die Champions League gewonnen. Am schmerzlichsten Punkt analysierte die staunende Fachwelt Fotografien von Ronaldinhos Bauch. Barça war zum Gespött geworden. Mit einem Facelifting der Mannschaft war es nicht mehr getan. Der ganze Kader, Trainer eingeschlossen, bedurfte der Runderneuerung.

Links im Bild ein Balljunge im Trainingsanzug

Es ist keine zwölf Monate her, da wurde in katalanischen Blogs erregt darüber diskutiert, ob der achtunddreißigjährige Pep Guardiola der Mann sei, dem man das Ruder eines der legendären Vereine der Welt überlassen dürfe. Hier wie schon bei früheren Gelegenheiten siegte die fußballerische Abstammungslinie über die Angst. Das ist katalanische Fußballkultur. Johan Cruyff persönlich hatte dem Präsidenten Joan Laporta geraten, es mit Guardiola zu versuchen.

Ja, der Mann ist jung, und bis dahin hatte er noch keine größere Aufgabe übernommen, als die Übungen des Barça-Nachwuchses zu leiten. Aber seine ganze Geschichte ist von Jugend auf mit dem FC Barcelona verbunden. Auf einem alten Jubelfoto, das den damaligen Trainer Terry Venables nach dem europäischen Finaleinzug 1986 auf den Schultern seiner Spieler zeigt, steht links im Bild ein Balljunge im Trainingsanzug, blickt bewundernd zum gefeierten Trainer hoch und klatscht in die Hände. Es ist der halbwüchsige Pep Guardiola, ein Gewächs aus Barças Kaderschmiede.

Genauso wie Puyol, Xavi, Messi, Iniesta, Piqué. Und so wie Guardiola in den neunziger Jahren der verlängerte Arm des Trainers Johan Cruyff auf dem Spielfeld wurde, so erfüllen Xavi und Iniesta heute die „Mission Guardiola“: Wissen, woher man kommt und wohin man will. Den eigenen Offensivstil bewahren, statt sich das Spiel des Gegners aufdrängen zu lassen. Im Zweifelsfall bedeutet das, lieber in Ehren unterzugehen, als die fußballerische Identität zu verraten.

Guardiola, ein Arbeiter, Planer und Tüftler

Und genau das ist die Gefahr, derern sich alle vor diesem Endspiel bewusst sind. Der FC Barcelona spielt so schön, dass selbst die Gegner davon betrunken werden, wenn sie es auf dem Video studieren dürfen. Doch auf dem Platz, das ist etwas anderes. Da wollen sie gegenhalten, wie es der FC Chelsea im Halbfinale vorgemacht hat. Barças Hintermannschaft nämlich agiert bei hohen Bällen und Standardsituationen oft schülerhaft, und Guardiola weiß es.

Ausgerechnet gegen Manchester hat er seine defensive Stammformation nicht dabei: Innenverteidiger Marquez sowie beide Außenverteidiger, Alves und Abidal, müssen ersetzt werden. Hier und da könnten also Sorgenfalten zu sehen sein, und dann wird auch wieder das pessimistische Gemurmel hörbar, der katalanische Viktimismus, demzufolge am Ende doch eher die Niederlage winke als der Triumph.

„Diese Spieler wären auch mit einem anderen Trainer Meister geworden“

Der Trainer ist der Letzte, der dieser Selbstbespiegelung Vorschub leistet. Wer ihn nach Iniestas Ausgleichstor in der Nachspielzeit gegen Chelsea an der Seitenlinie entlangfegen sah, weiß, dass hier ein im positiven Sinne Besessener am Werk ist, ein Arbeiter, Planer und Tüftler. Guardiola, Europapokalgewinner von 1992 und 47-maliger Nationalspieler, kümmert sich um jedes Detail.

Er fordert Disziplin und Pünktlichkeit, aber er schenkt seinen Leuten auch Spielfreude, ihr Lebenselixier. Er antwortet höflich und verbindlich, lenkt allen Druck auf sich und hat in den letzten zehn Monaten mehr Haare verloren als andere in zehn Jahren: alles, um die Mannschaft abzuschirmen und ihr den größten Entfaltungsspielraum zu geben. Er selbst hätte in seiner aktiven Zeit in diesem Team keinen Platz gehabt, hat er einmal gesagt. Und: „Diese Spieler wären auch mit einem anderen Trainer Meister geworden.“ Wenn sich seine Stars dieser Sätze würdig erweisen, könnten sie gegen Manchester United Fußballgeschichte schreiben.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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