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Champions-League-Finale Kampf der Systeme

 ·  Boomende Bundesliga gegen Kraftwerk Premier League: Das Finale zwischen Bayern München und dem FC Chelsea am Samstag (20.45 Uhr) steht auch für den verschärften Konkurrenzkampf zweier völlig unterschiedlicher Konzepte.

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© Archiv

Für Nathan Gee ist es wahre Fußball-Liebe. Seit vielen Jahren schon hängt sein Herz am FC Bayern. So sehr, dass er vor viereinhalb Jahren einen Fanklub gegründet hat. Seither erfreut sich der „Bayern Munich UK Fanclub“ regen Zulaufs, obwohl in Nathan Gees Heimat England eigentlich die Premier League das alles überstrahlende Sportereignis ist. „Es wundert mich nicht, dass die Leute zu uns kommen“, sagt der 34 Jahre alte Londoner.

„Die Distanz zwischen den Fans und unseren englischen Klubs wird doch immer größer. Fast alles hier dreht sich ausschließlich um den Kommerz und das Geld der Milliardäre - total abgehoben. Wir werden von den Vereinen nur noch als Kunden einer Ware betrachtet.“ So fährt Gee mit seinen Freunden lieber mehrmals pro Saison zu einem Bayern-Spiel nach Deutschland, um dem ursprünglichen Fußballgefühl etwas näher zu kommen.

Die Bundesliga ist in England in diesen Tagen ein großes Thema. „Es gibt keinen besseren Platz für Fußballfans“, resümiert die Zeitung „The Independent“ nach einer langen Saison und zählt die Vorteile auf: modern ausgestattete Stadien, moderate Ticketpreise, ein relativ ausgeglichener Wettbewerb, Stehplatzstimmung in Reinkultur, Bierausschank und inzwischen auch ein schneller, technisch anspruchsvoller Fußball.

Die „Times“ sieht in der Bundesliga den Gegenentwurf zum habgierigen Fußball-Kapitalismus auf der Insel. Und so ist das Champions-League-Finale an diesem Samstag zwischen dem FC Bayern und Chelsea (20.45 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) nicht nur ein Duell um die Fußballkrone in Europa. Das Aufeinandertreffen der Vereine steht zugleich für den verschärften Konkurrenzkampf zwischen der boomenden Bundesliga und dem Kraftwerk Premier League

Die Liga der Stunde

Vor wenigen Wochen erst erzielten die deutschen Topklubs eine satte Aufwertung, die zeigt, wie sehr der Wettbewerb mit Dortmund und Bayern an der Spitze an Attraktivität gewonnen hat. 2,5 Milliarden Euro werden die Vereine zukünftig über eine Periode von vier Jahren aus der TV-Vermarktung erhalten. Das ist eine Steigerung von 50 Prozent. Keine andere Fußballliga hat mehr Zuschauer, im globalen Vergleich verfügt nur die amerikanische Football-Profiliga über etwas höhere Besucherzahlen.

Beim Umsatz hängt die Bundesliga der Premier League hinterher, sie ist dafür aber europaweit am rentabelsten. „Die Bundesliga ist die Liga der Stunde“, findet der Ligapräsident Reinhard Rauball. „Wir sind stolz darauf, den Spagat zu schaffen zwischen Fußballtradition und modernen wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Die Premier League wird sehr von den ökonomischen Komponenten dominiert, was auch am hohen Verschuldungsgrad zu sehen ist.“

Scheiche, Oligarchen, Big Business aus den Staaten

Trotzdem ist die Premier League ein Fußball-Monument - und der erfolgreichste Export Britanniens, trotz hoher Schulden scheinbar unerschütterlich. Ihre Reichweite ist einmalig. Manchester United soll 350 Millionen Fans auf der ganzen Welt haben und gilt unter den Sportteams vor den Footballern der Dallas Cowboys als wertvollste Marke überhaupt.

Die Premier League zieht milliardenschwere Investoren an - Scheiche, Oligarchen, Big Business aus den Staaten. Der amerikanische Besitzer von Manchester United hat den Kauf durch Verbindlichkeiten finanziert und diese dem Klub übertragen. Jetzt hofft er, dass die profitable Unternehmung diese Schulden abträgt.

Doch die Zweifel am System des bedingungslosen Wachstums auf Pump mehren sich. „Ich frage mich, wofür es erforderlich ist, dass wir zum finanziellen Niveau der Engländer aufschließen, wenn unser Modell genauso erfolgreich ist“, sagt Rauball. Der Ligachef ermahnt die deutschen Klubs nach dem jüngsten TV-Rechte-Coup, mit den steigenden Einnahmen sorgsam umzugehen und das Spiel mit den Millionen nicht zu überdrehen.

Fußball-Touristen aus der Golfregion

In England stößt die totale Ausschöpfung des Fußballs viele Fans ab. Sie fühlen sich wie der Bayern-Sympathisant Nathan Gee abgehängt von einem Spiel, von dem sie glaubten, dass es ihnen gehört. Das Publikum in den Stadien ist nicht mehr dasselbe wie vor Jahren. Es wird älter und ist wohlhabender als früher. Der durchschnittliche Dauerkarteninhaber bei Manchester United ist 50 Jahre alt. Normale Tickets sind doppelt so teuer wie in der Bundesliga.

Eine Erhebung der britischen Tourismuszentrale ergab, dass pro Jahr 750.000 Besucher, die nach England reisen, auch ein Premier-League-Spiel besuchen und dafür im Durchschnitt pro Person um die 900 Euro lassen. Viele Fußball-Touristen kommen am Wochenende aus der Golfregion eingeflogen. Auf der anderen Seite freuen sich deutsche Klubs wie Bayern, Schalke oder Dortmund plötzlich über ein neues Klientel - junge englische Fußballfans, organisiert in eigenen Fanklubs.

Auf der Insel aber schließen sich die unzufriedenen Anhänger zu Protestgruppen zusammen, um von den Klubs mehr gehört zu werden. Die Schirmorganisation heißt Supporters Direct. „Das System in England ist eine tickende Zeitbombe. Es wird immer mehr Geld benötigt, um einen Verein zu kaufen und am Laufen zu halten. Wir sind an einem Punkt angelangt, dass sich nur noch Milliardäre das leisten können“, beklagt Antonia Hagemann.

Die Juristin gehört zu den strategischen Köpfen bei Supporters Direct und baut das Netzwerk nun auch auf dem Kontinent aus. Die EU-Kommission und das Europäische Parlament unterstützen die Fanbewegung. „Es muss sich etwas ändern - und die Bundesliga ist inzwischen ein beliebtes Vorbild“, sagt die Deutsche.

Erste Erfolge für den englischen Anhänger

Aus Sicht der englischen Fußballfans sind erste Erfolge zu erkennen. Premier-League-Aufsteiger Swansea City gehört zu 20 Prozent der Anhängerschaft. Der AFC Wimbledon wird wie eine Genossenschaft geführt, spielt nach dem Neustart in der untersten Amateurklasse und einer Rekordserie von 78 Spielen ohne Niederlage inzwischen in der vierthöchsten Liga. Der Besitzer des einstigen FC Wimbledon, englischer Pokalsieger von 1988, war 2003 mit der Klublizenz einfach 90 Kilometer nach Norden umgezogen und benannte den Klub in Milton Keynes Dons um.

„Der Fußball darf nicht der freien Marktwirtschaft überlassen werden“, sagt Antonia Hagemann. Ein Parlamentsausschuss im britischen Unterhaus stellte im vergangenen Jahr einen dringenden Reformbedarf in der Premier League fest. Die Vereine und Investoren müssten weit mehr überprüft werden und sich einer wirtschaftlichen Lizenzierung stellen, die ihren Namen verdiene. Sportminister Hugh Robertson bezeichnete die Premier League als den am schlechtesten geführten Sport in Großbritannien.

Gelobt wird dagegen stets die soziale Fußball-Marktwirtschaft in der Bundesliga, wo die Mitglieder eines Vereins immer über die Stimmenmehrheit in der Profi-Unternehmung verfügen müssen. Zudem müssen sich die Klubs zwei Mal im Jahr einer Liquiditätsprüfung stellen.

Dem sportlichen Wettbewerb schadet das nicht. Das Niveau steigt sogar und weckt neues Interesse. Der Bezahlsender ESPN, der auf der Insel über BSkyB drei Bundesligapartien pro Spieltag live überträgt, vermeldet für die abgelaufene Saison einen Rekord. 1,2 Millionen Zuschauer hätten insgesamt eingeschaltet - 25 Prozent mehr als 2010/2011.

Weißbier und Brezeln in London

Die hoch schwebenden Herren aus der Premier League sind mittlerweile schon genervt von dem permanenten Vergleich mit der Bundesliga. Fragt man einen alten Fahrensmann wie David Dein, der vor 20 Jahren die Fußballmarke Premier League mit aus der Taufe gehoben hat, nach Zukunft und möglichen Risiken, winkt er ab. „Jeder Hausbesitzer hat doch Schulden. Das ist nichts Schlimmes. Wir werden weiter wachsen und noch populärer werden“, prophezeit der frühere Arsenal-Gesellschafter.

Mit dem FC Portsmouth und Leeds United mussten schon zwei Topvereine in die Insolvenz. Am Traumziel Premier League haben sich aber viel mehr verhoben. Die Hälfte der Vereine aus den drei Ligen darunter fabrizierten schon einen Crash. Aber keiner ist letztlich von der Bildfläche verschwunden. Die Namen sind stark, immer wieder gab es bisher neue Geldgeber.

In der Bundesliga sprang manchmal der Staat mit Steuermillionen ein. Zwölf der 18 Klubs machten aber zuletzt Gewinne. Die Liga ist gesund - und in vorbildlicher Verfassung sind natürlich die Bayern. Mit einem neuem Umsatzrekord (350 Millionen Euro) könnten sie jetzt zum zweiten Mal die Champions League gewinnen. Nathan Gee hat schon die Party organisiert. In einem Londoner Pub - bei Weißbier und Brezeln, mitten im Revier der Chelsea-Fans.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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