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Champions League-Finale „Forza Milan“ - Berlusconis Spürnase für den Fußball

24.05.2005 ·  Silvio Berlusconi hat genug Probleme. In seiner Regierungskoalition knirscht es und „Juve“ hat seinen AC Milan im Meisterrennen abgehängt. Für den Erfolgsmenschen Berlusconi ist es an der Zeit, endlich wieder Triumphe zu feiern.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Wer Sorgen hat, geht ins Fußballstadion, um sich abzulenken. Diese Lebenshaltung verbindet Silvio Berlusconi, der den Spielbetrieb des AC Mailand bezahlt, mit dem allerärmsten seiner Tifosi. Und so wird sich der Patron des norditalienischen Nobelklubs an diesem Mittwoch wie Tausende von anderen Italienern nach Istanbul zum Finale der Champions League aufmachen. Sorgen hat Berlusconi jedenfalls genug.

In seiner Regierungskoalition knirscht es gewaltig, vor vier Wochen mußte er sogar kurzzeitig zurücktreten und seine Regierung umbilden, weil katastrophale Wahlergebnisse, die Wirtschaftskrise und der umstrittene Truppeneinsatz im Irak von seinen hochtönenden Versprechungen nicht viel übriggelassen haben. Als wäre das noch nicht genug, eroberte Erzrivale Juventus Turin am Wochenende den Meistertitel, den 28. Scudetto in hundert Jahren.

Die Spürnase für den Fußball

Der AC Mailand war nach monatelangem Kopf-an-Kopf-Rennen auf der Zielgeraden abgehängt worden, vielleicht weil „Juve“ sich auf die nationale Liga konzentrieren konnte. Der fabelhaften Bilanz der Turiner rennt nun sogar der Erfolgsmensch Berlusconi, der mit Milan in fast zwanzig Jahren sieben Meisterschaften und vier europäische Titel errungen hat, weit hinterher.

Da kommt die Gelegenheit gerade recht, sich bei einem guten Fußballspiel an die fabelhaften Erfolge der unternehmerischen Anfangsjahre zu erinnern und auf eine europäische Krönung zu hoffen. In der Tat kann man dem Bau- und Medienmogul aus einfachen Verhältnissen vieles vorwerfen, aber eine Spürnase für den Fußball hat er. Als der neureiche und kaum bekannte Berlusconi im März 1986 den damals maroden Klub kaufte, verpflichtete er neben dem Trainerneuling Arrigo Sacchi die drei holländischen Superstars Gullit, Rijkaard und van Basten und war zwei Jahre später vom Zweitligaverein zum Meister aufgestiegen.

Eisenhart und sentimental

Noch heute erinnert man sich auf dem exklusiven Trainingsgelände von Milanello, wie der neue Patron damals mit dem Hubschrauber ins Stadion einflog und jedem der erstaunten Kicker eine Schweizer Uhr sowie seine direkte Telefonnummer überreichte. Mit diesem unkonventionellen Führungsstil baute Berlusconi den Fußball geschickt zur Zugnummer seiner Fernsehkanäle und später dann die Fanklubs zum Kern seiner Partei „Forza Italia“ aus, mit der er ebenfalls aus dem Nichts zweimal die Regierungsgeschäfte übernahm.

Politisch ist Berlusconi ein Mann der eisenharten Marktwirtschaft, doch kennt er bei seiner sentimentalen Leidenschaft für den Fußball keine Bilanzen: Regelmäßig gleicht der steinreiche Mogul am Saisonende die Verluste seines Spielzeugs aus, zuweilen mehr als hundert Millionen Euro.

Die Konkurrenz hat aufgegeben

In einer Branche, in der sich sogar Juventus Turin von der Dominanz der Agnelli-Familie gelöst hat und einigermaßen kostendeckend operiert, ist Berlusconi zum letzten klassischen Fußballpräsidenten mit großem Portemonnaie geworden - jedenfalls zum letzten erfolgreichen. Wie die sprichwörtlichen zehn kleinen Negerlein warfen Berlusconis Konkurrenten in den vergangenenen Jahren das Handtuch, weil sie mit der mörderischen Geldspirale, die der Milan-Boß mit den von ihm kontrollierten Fernsehgeldern aufgedreht hatte, nicht mehr Schritt halten konnten.

Der bankrotte Mario Cecchi Gori aus Florenz landete ebenso im Arrest wie Calisto Tanzi aus Parma und Sergio Cragnotti von Lazio Rom; dessen Stadtrivale Sensi verschrieb seine allzu teure AS Roma den Banken. Und so ist nur mehr der Ölmilliardär Massimo Moratti, Besitzer von Inter Mailand, unter den spendierfreudigen Bossen übriggeblieben. Doch über den Erben von Inter kursieren als ewigen Pechvogel köstliche Witze, weil ihm trotz einer dreiviertel Milliarde Euro für neue Spieler das Verständnis Berlusconis für den Fußball fehlt. Vielleicht aber auch nur ein schlauer Manager wie Adriano Galliani, der für Berlusconi die Sportgeschäfte führte, schon bevor ein Gesetz den Patron zu Jahresbeginn zur Aufgabe seines Präsidentenamtes zwang.

Fußball zur Ablenkung

Seither ist der Chefsessel beim AC Mailand so überdeutlich verwaist, daß auch der einfältigste aller Tifosi weiß, wer letztlich in diesem Privatklub immer noch die Fäden zieht. Die Mehrheit von Milans Anhängerschaft kommt aus dem norditalienischen Arbeitermilieu und ist traditionell links gesinnt, darunter auch Kommunistenchef Fausto Bertinotti. Der würde sich gewiß freuen, wenn nach dem Finale der Champions League die politischen Sorgen Berlusconis so groß würden, daß er sich lieber ganz dem Fußball zuwendete.

Denn ohne politische Ämter gäbe es keinen Interessenkonflikt, und das Präsidentenamt wäre wieder legal zu haben. Solche Gedankenspiele gehören zu den Sorgen, die Silvio Berlusconi ganz für sich allein hat und von denen ihn nicht einmal das Finale der Champions League ablenken kann.

Daten zum Finale der Champions League

Mailand: Dida - Cafu, Stam, Nesta, Maldini - Gattuso, Pirlo, Seedorf - Kaka - Schewtschenko, Crespo.

Liverpool: Dudek - Finnan, Carragher, Hyypiä, Traore - Luis Garcia, Gerrard, Hamann, Xabi Alonso, Riise - Baros (Cisse).

Schiedsrichter: Mejuto Gonzalez (Spanien).

Spielbeginn: 20.45 Uhr (MESZ) im Atatürk-Stadion von Istanbul.

Fernsehen: Sat. 1 überträgt von 20.15 Uhr an live. Außerdem sendet der Abo-Sender Premiere.

Europapokal-Bilanz: Der AC Mailand steht zum siebten Mal im Finale des wichtigsten europäischen Vereinswettbewerbs. 1989, 1990, 1994 und 2003 gewannen die Italiener, 1993 und 1995 unterlagen sie im Finale. Der FC Liverpool gewann den Europapokal der Landesmeister (Vorläufer der 1992 gegründeten Champions League) von 1977 bis 1984 viermal.

Quelle: F.A.Z., 25.05.2005, Nr. 119 / Seite 27
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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