27.05.2009 · Kapitalist, Sozialist, Monarch, Vaterfigur - der Schotte Alex Ferguson versteht es wie kein Zweiter, aus Einzelkönnern Teams zu schmieden. Ferguson ist eine Trainerdynastie in einer Person. Für Manchester ist er der „Hüter des Tempels“.
Von Christian EichlerFußball als Geschäft ist Kapitalismus. Fußball als Spiel ist Sozialismus. Kapitalkraft holt Spieler, erst Sozialverhalten macht sie zum Team. Der größte Virtuose der Kunst, beides miteinander zu verbinden, heißt Alex Ferguson. „Ich erinnere die Spieler gern an ihre Wurzeln. Ich will, dass sie an die Geschichte ihrer Familie denken. Dass sie die Werte ihrer Klasse wahren“, sagt der Mann, der sein erstes Geld auf einer Werft in Glasgow verdiente. „Wer heute aus der Arbeiterklasse kommt, steht einer Welt voller Technologie und Luxus gegenüber, die er sich nicht leisten kann. Die Spieler können sich alles leisten, aber ich sorge dafür, dass sie ein Ethos bewahren.“ Dessen Kern lautet: „Arbeit, Opferbereitschaft, Solidarität“.
Den Fußballprofis des 21. Jahrhunderts, wendige Vermarkter ihrer selbst in einem globalisierten Geschäft, kameradschaftliche Werte aus dem 19. Jahrhundert zu vermitteln, das mag blauäugig klingen. Aber Fergusons Autorität scheint es zu gelingen. In 23 Jahren bei Manchester United hatte er stets Teams, die vorbildlich funktionierten – und ihn zum erfolgreichsten Trainer der Welt machten. Weit davon entfernt, als sentimental zu gelten, gibt er zu: „Ich mag es, einen Teil meiner Persönlichkeit in den Spielern zu entdecken. Jeder Trainer ist so.“
Ferguson kommt von ganz unten
Im Duell mit Josep Guardiola im Champions-League-Finale an diesem Mittwoch hat Ferguson dreieinhalb Jahrzehnte Erfahrung auf seiner Seite. Guardiola hat beim FC Barcelona gleich ganz oben angefangen als Trainer. Ferguson kommt von ganz unten. Mit 32 Jahren begann er 1974 bei East Stirlingshire, damals auf Platz 16 der zweiten schottischen Liga – ein Teilzeitjob für vierzig Pfund pro Woche. Er blieb 117 Tage, machte Eindruck, nahm dann ein Angebot von St. Mirren an.
Und während für East Stirlingshire der Abstieg zum heute schlechtesten Profiklub Großbritanniens begann (mit einer Art Dauerabonnement auf den letzten Platz der letzten Profiliga Schottlands), begann für Ferguson der Weg nach ganz oben. Er wurde schottischer Meister und Europacupsieger der Pokalsieger mit Aberdeen. Und Meister aller Trainerklassen mit Manchester United: elf englische Meistertitel, x Pokalsiege, der Europacup der Pokalsieger, zweimal die Champions League – diesen Mittwoch vielleicht zum dritten Mal.
Für Manchester spricht, dass der komplette Kader auch am Ende der Saison vor Kraft strotzt, während Barcelona auf fast die gesamte Stammabwehr verzichten muss. Der einzige einsetzbare Verteidiger erster Wahl ist Gerard Pique, der zuvor in Manchester spielte und bis heute großen Respekt vor Ferguson hat. „Ich sah ihn als Vaterfigur. Ich betrachtete ihn nicht als Trainer, er war eher wie der Klubbesitzer. Ferguson kontrollierte alles, sogar dein Privatleben. Er sieht alles! Wir sagten immer, dass er Privatdetektive auf die Spieler angesetzt habe, aber das wurde nie bewiesen.“
„Ich bin im Elfmeterschießen meiner Trainerkarriere“
Ferguson ist eine Trainerdynastie in einer Person. Ihr Ende (und ihr Thronfolger) ist nicht in Sicht. „Vielleicht müsst ihr mich hier hinaustragen. Ich denke nicht einmal über Rücktritt nach“, sagte er im Frühjahr, seine üblich flapsige Antwort auf die Frage nach dem Ende. In einem Interview mit „L’Equipe“ ließ er dann doch etwas tiefer blicken. „Ich fürchte den Gedanken an Rücktritt. Ich sitze schon so lange auf dem Zug, dass ich fürchte, wenn ich aussteige, wird mein System kollabieren.“
Es gebe nur drei Dinge, die ihn dazu bringen könnten, aufzuhören: „Meine Gesundheit. Wenn ich nicht mehr die Freude habe. Wenn ich nicht mehr die Kraft habe für neue Herausforderungen.“ Jeden Sommer klopfe er diese drei Fragen ab. „Zuerst gehe ich zu meinem Arzt. Er sagt: Boss, du bis 67. Du wirst mehr und mehr Rückenschmerzen haben. Morgens aufzustehen wird manchmal nicht mehr einfach sein.“ Ferguson, der vor einigen Jahren einen Herzschrittmacher bekam, sagt: „Ich bin im Elfmeterschießen meiner Trainerkarriere.“ Aber so etwas dauert ja manchmal länger.
„Ich bin so etwas wie der Hüter des Tempels“
In dieser Karriere hat das Kind der Glasgower Arbeiterklasse mit seiner ganz eigenen Mischung aus knallhartem Kapitalismus und sozialer Werteordnung beides geschaffen: das sportlich erfolgreichste Team der Gegenwart – und den kommerziell erfolgreichsten Klub. Operativ arbeitet United sehr einträglich, die hohen Schulden stammen fast ausschließlich aus der strategischen (und unerwünschten) Übernahme des Klubs durch den Amerikaner Malcolm Glazer.
Fergusons Fußball ist eine Geldmaschine. Deshalb gibt es bei United Pläne, Old Trafford, das zuletzt von 68.000 auf 76.000 Plätze vergrößert worden war, auf eine Kapazität von 95.000 auszubauen und damit zum zweitgrößten Stadion Europas zu machen – nach dem Camp Nou des FC Barcelona. Es ist das Haus, das Alex Ferguson gebaut hat, vielleicht sogar etwas mehr. Er sagt: „Ich bin so etwas wie der Hüter des Tempels.“
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |