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Champions League England, du hast es besser!

 ·  Von der Säufer- zur Läufer-Liga: Die Spitzenklubs der englischen Premier League dominieren derzeit die europäische „Königsklasse“. Drei der vier Champions-League-Halbfinalisten kommen von der Insel. Trainer, Infrastruktur und Vermarktung machen sie stark.

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Es ist zum vertrauten Ritual geworden vor Beginn eines Fußballspiels: elf Profis, Händchen haltend mit elf aufgeregten Kindern. Ein Bild, das Zuschauer rührt - und Schatzmeister freut. Jedenfalls bei fast einem Dutzend Klubs der Premier League, die für das Privileg, einmal im Leben mit dem großen Star ins Stadion zu laufen, Geld verlangen - bis zu 1.500 Pfund pro Kind. Wie überall, wo das große Geld fließt, ist die Abseitslinie zwischen Geschäftssinn und Gier schmal.

Die Liga mit dem besten Marketing war sie schon lange, nun ist die Premier League auch die mit dem besten Fußball. Fans und Investoren begeistern sich gleichermaßen dafür. Die drei Klubs, die diese Woche im Halbfinale der Champions League stehen, bekamen in den vergangenen vier Jahren neue Besitzer: Chelsea 2003 den Russen Roman Abramowitsch, den größten und letzten "Sugar Daddy", jene Art von Geldgeber, der Fußball als teure Liebhaberei betreibt; dazu Manchester United 2005 Malcolm Glazer, der sich als Amerikaner mehr für Finanzen als für Fußball interessiert, so wie seine Landsleute Hicks und Gillett, die Anfang 2007 den FC Liverpool kauften.

Durchschnittsgehalt eines Profis seit 1992 verzwölffacht

Auch beim vierten Top-Klub, dem FC Arsenal, steht ein amerikanischer Investor vor der Tür. Stan Kroenke kauft fleißig Anteile, der Streit darüber spaltet Arsenal. Am Mittwoch trat David Dein, der eine Übernahme befürwortet, nach 24 Jahren aus der Klubführung zurück, die mehrheitlich gegen die Übernahme ist. Weil Dein ein enger Freund von Trainer Arsène Wenger ist, steht der Verein vor einer Zerreißprobe.

England, du hast es besser? In Deutschland verhindert das Vereinsrecht Übernahmen, aber weil es dadurch auch Fremdkapital abhält, schielt mancher neidisch auf die Millionen, die von allen Seiten in die Premier League drängen. Vor allem vom Fernsehen. Seit ihrer Gründung vor 15 Jahren haben sich die jährlichen Einnahmen für den Verkauf der Fernseh- und Medienrechte auf knapp 1,4 Milliarden Euro (von 2007 an) verzwanzigfacht. Keine Sportliga weltweit hat so viele TV-Zuschauer. Keine andere Fußball-Liga macht annähernd solche Umsätze: weit über zwei Milliarden Euro pro Jahr, Tendenz steigend. Doch auch die Personalkosten sind explodiert. Das Durchschnittsgehalt eines Profis hat sich seit 1992 verzwölffacht: auf rund 1,3 Millionen Euro pro Jahr. Dagegen stagnieren die Besucherzahlen. Mit einem Schnitt von rund 35.000 kann man mit der Bundesliga nicht mithalten, bei allerdings viel höheren Preisen und meist kleineren Stadien, im Schnitt knapp 38.000 Plätze.

Vier Klubs in ihrer eigenen Liga

Doch ist es nicht nur das Geld, das Englands Klubs stark macht. Wäre es so, dann müssten die Engländer vor allem im Uefa-Cup dominieren, nicht in der Champions League. Denn durch die solidarische Verteilung der Fernsehgelder profitiert gerade der Durchschnitt der Liga. Die großen Klubs kommen dagegen kaum auf die Hälfte der Fernseheinnahmen der Top-Teams aus Spanien oder Italien, die durch Einzelvermarktung 120 bis 150 Millionen Euro pro Jahr erzielen. Gerade bei den mittleren Adressen, Klubs wie Newcastle oder Manchester City, beides Übernahmekandidaten, überdecken die steigenden Liga-Erlöse viele Managementfehler und teure Fehleinkäufe. Das geht nur so lange gut, wie die Einnahmen steigen.

Deshalb sind nicht "die Engländer" so stark, sondern nur jene vier Klubs, die praktisch in ihrer eigenen Liga spielen. Wie im letzten Jahr belegen "ManU", Chelsea, Liverpool und Arsenal auch diesmal die ersten vier Liga-Plätze. Sie zeigen, worauf es neben dem Geld vor allem ankommt: auf einen starken Trainer und eine Kontinuität, dank deren ein Alex Ferguson (zwanzig Jahre bei "ManU") oder Arsène Wenger (elf bei Arsenal), aber auch José Mourinho bei Chelsea und Rafael Benítez in Liverpool eine Spielidee über die Schwankungen des Alltags hinaus prägen können. Und dazu auf eine professionelle Infrastruktur, mit Jugendakademien, Scout-Netzen, Farm-Teams, Computer-Analysen der Lauf- und Pass-Wege.

Eine neue, nüchterne Generation

Als Ferguson 1986 in Manchester begann, war das Team, wie fast der ganze englische Fußball, von Saufkumpanei geprägt. Erst mit der United-Jugend um Beckham, Giggs, Scholes & Co. kam eine neue, nüchterne Generation. Und ein neuer Stil, in dem sich Tempo und Technik trafen und den vor allem ausländische Trainer und Profis prägten - das alte Kick & Rush ist nur noch verstaubte Fußball-Folklore. Wenn die Maschine auf Touren kommt, dann entsteht jener begeisternde One-Touch-Fußball, wie ihn Arsenal prägte und Manchester beim 7:1 gegen AS Rom zelebrierte: zwanzig Jahre von der Säufer- zur Läufer-Liga.

"Die Liga ist technisch sehr stark bei außergewöhnlicher Schnelligkeit des Spiels, vor allem bei den Top-Teams", sagt Nationaltorwart Jens Lehmann, mit vier Jahren bei Arsenal ein England-Veteran. Der spanische Fußball mag virtuoser wirken, doch wenn nicht gerade der FC Barcelona in Hochform spielt, dann fehlt dieser Brillanz die Rasanz der Engländer.

„Das Wetter hier bringt mich um“

Nicht nur der beste Fußball, auch der aktuell beste Fußballer ist in der Premier League zu Hause. Und bleibt es. Der Portugiese Cristiano Ronaldo, am Ball ein Naturereignis, verlängerte trotz des Angebots von Real Madrid um fünf Jahre in Manchester. Fast jeder Profi will heute nach England. Nur die Brasilianer werden dort nicht so richtig warm. Julio Baptista, ausgeliehen von Real an Arsenal, sagt: "Das Wetter hier bringt mich um. Ein Tag Sonne für 30 Tage Regen."

Man kann nicht alles haben. Dafür haben Englands Klubs das meiste Geld, die stärksten Trainer, die schnellsten Spieler und die besten Fans. Und dann sind auch noch die beiden Megatrends des 21. Jahrhunderts auf ihrer Seite. Die Globalisierung hat sie reich an Geld und an Talenten gemacht. Und die Klima-Erwärmung wird ihnen irgendwann auch noch die Brasilianer bescheren.

Zum dritten Mal drei Klubs

Wenn in dieser Woche Manchester United (gegen AC Mailand) sowie der FC Chelsea London und der FC Liverpool aufeinandertreffen, stehen zum dritten Mal drei Klubs aus einem Land in einem Halbfinale der Champions League. So wie in der Saison 1999/2000, als mit dem FC Valencia, dem FC Barcelona und Real Madrid drei spanische Teams ins Halbfinale kamen und Real am Ende triumphierte. 2002/03 standen drei italienische Teams in der Vorschlussrunde: der spätere Sieger AC Milan, Inter Mailand und Juventus Turin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.04.2007, Nr. 16 / Seite 20
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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