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Champions League Die Londoner Antipoden

09.09.2006 ·  Chelsea gegen Arsenal, Mourinho gegen Wenger: Wie sich die Champions-League-Gegner von Hamburg und Bremen bekämpfen.

Von Christian Eichler, Brüssel
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Bisher verband Chelsea und Arsenal nur der Kalte Krieg zwischen ihren Trainern. Nun verbindet sie noch etwas: deutsche Gegner in der Champions League. Schon machen sie zumindest wieder Geschäfte miteinander. Chelsea, das am Dienstag auf Werder Bremen trifft, erzielte mit Arsenal, das am Mittwoch nach Hamburg kommt, wenige Stunden vor Ende der Transferperiode Einigung in einer Personalfrage, die das Verhältnis der beiden Londoner Klubs 2005 auf den Gefrierpunkt abgekühlt hatte. Damals hatte Chelsea heimlich mit Arsenal-Star Ashley Cole verhandelt. Es führte zu Strafen für Chelsea und Cole, gegenseitigen Vorwürfen der Klubs, ja zu Beleidigungen. So nannte Chelsea-Coach Jose Mourinho den Kollegen Arsene Wenger einen "Voyeur". Der verweigerte fortan den Händedruck. Nun sind die Beziehungen so weit aufgetaut, daß man einen Deal hinkriegte. Chelsea bekam Cole, Arsenal dafür William Gallas plus fünf Millionen Pfund. Mourinho fand, daß die Beziehung der beiden Klubs "nun wieder positiv ist".

Damit steht er ziemlich allein da. Chelsea und Arsenal bleiben die Gegenpole der Fußballphilosophie. Chelsea steht für den Versuch, Erfolg so schnell wie möglich zu kaufen. Seit Roman Abramowitsch den Klub 2004 erwarb und fast eine halbe Milliarde Euro in neue Spieler steckte, ist Chelsea zweimal Meister geworden - und Abramowitsch noch reicher. Trotz der Fußball-Ausgaben, die sich einer Milliarde Euro nähern, ist der Profiteur der russischen "Raubprivatisierungen" der neunziger Jahre am reichsten Deutschen, an Aldi-Gründer Karl Albrecht, vorbeigezogen: auf Platz elf mit knapp 15 Milliarden Euro. Tendenz steigend, denn mit 39 Jahren ist der Russe der jüngste unter den 25 reichsten Männern der Welt.

Chelsea muß seine Spieler nicht pfleglich behandeln

Arsenal ist auch kein Arme-Leute-Klub, steht aber für nachhaltigere Entwicklung. Sie begann, als Wenger vor zehn Jahren kam. Der Elsässer modernisierte mit Gymnastik, Diät und brillantem Flachpaßspiel Englands Fußball, formte Spieler wie Henry und Vieira zu Weltstars, schuf einen eigenen Arsenal-Stil. Dazu gehört ein menschlicher Umgang, von dem Spieler schwärmen und der ein Trumpf gegenüber reicheren Klubs ist. So entschied sich Henry, trotz eines Angebots aus Barcelona, bei Arsenal zu bleiben. Wengers Ruf als das Beste, was einem Talent passieren kann, lockte auch den 17jährigen Theo Walcott zu Arsenal. Der Stürmer, der in den englischen WM-Kader berufen wurde, ohne ein Erstliga-Spiel bestritten zu haben, hat inzwischen ein glänzendes Debüt in der Premier League hingelegt.

Chelsea muß seine Spieler nicht so pfleglich behandeln - dort ist das Geld Anreiz genug. Und der Erfolgsruf von Mourinho, der sein Team virtuos auf mehrere taktische Systeme abstimmt und schwerer auszurechnen ist als der D-Zug-schnelle, oft aber eingleisige "One Touch"-Fußball von Arsenal. Anders als Wenger steht der Portugiese diese Saison unter dem Druck, dem Boss für das viele Geld endlich den ChampionsLeague-Titel zu apportieren. Im Sommer hat Chelsea eben mal noch die Weltstars Schewtschenko und Ballack geholt, dazu Afrikas Jungstars Kalou und Mikel und die Abwehrergänzungen Cole und Boulahrouz. Die 45 Millionen Euro für Schewtschenko halten Marktkenner für ebenso übertrieben wie die fast zehn Millionen Euro, die Ballack pro Jahr verdienen soll. Aber es gibt das schöne Gerücht, daß Abramowitsch mit beiden Summen einfach nur englische Rekorde aufstellen wollte.

Kurzfristiges Milliardärs-Hobby

Landesrekord war auch der Verlust von über 130 Millionen Euro im vorletzten Geschäftsjahr. Er blieb es nicht lange. Im letzten steigerte Chelsea die Miesen auf den Fußball-Weltrekord von 210 Millionen Euro. Zwar fabuliert Manager Peter Kenyon regelmäßig davon, daß Chelsea "wie ein Business" arbeiten solle, also irgendwann kostendeckend - doch in der Realität bleibt es ein Milliardärs-Hobby.

Arsenal hat sein Geld zuletzt eher in den Bau seines neuen Stadions gesteckt als in neue Spieler. Die Einnahmen des im August eröffneten "Emirates Stadium" mit 60.000 Plätzen und 135 Firmen-Logen sollen den Klub, so das Ziel, "unter die drei größten der Welt" bringen - langfristig gesehen. Chelsea dagegen denkt kurzfristig - das muß man, wenn man abhängig ist von der Laune eines einzelnen. Die Gefahr: Wo man so schnell so viel Geld verbrennt, werden auch Spieler verheizt. Wer die hohen Investitionen nicht erfüllt, wird rasch mit Verlust abgestoßen - Verlust an Marktwert und an Respekt. Während Cole nach dem Abgang von Arsenal sagte, er bleibe Wenger dankbar, trat Chelsea gegen Gallas nach: Dieser sei nur hinter dem Geld hergewesen und habe gar mit Eigentoren gedroht.

Dabei sind die Fans der beiden Londoner Antipoden einander längst nicht in solch großer Abneigung verbunden wie etwa die Trainer. Für die Anhänger von Arsenal ist Chelsea nur ein vorübergehend neureiches Klübchen mit Modepublikum. Der wahre Rivale und ewige Feind bleibt ein anderer, ein Nord-Londoner Nachbar. Deshalb ist der echte Arsenal-Fan dankbar, daß Abramowitsch nur Chelsea gekauft hat. Und nicht Tottenham.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.09.2006, Nr. 36 / Seite 24
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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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