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Champions League Die Engländer sind die neuen Italiener

02.04.2008 ·  Die Nationalmannschaft verpasst die EM, doch in der Champions League trumpfen die englischen Klubs groß auf: Gleich vier Viertelfinalisten kommen aus der Premier League. Die Erfolge der Vereine haben allerdings ihren Preis.

Von Christian Eichler
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Englands Fußball, ein Rätsel. Im selben Winter, in dem das Nationalteam mit dem Verpassen der Europameisterschaft den Tiefpunkt erreicht hat, stellen die Klubs Rekorde auf. Sie stellen jeden zweiten Viertelfinalisten der Champions League. Vier Teams einer solchen Qualität, zur selben Zeit im selben Land, das gab es noch nie.

Allerdings brauchen die Engländer dafür kaum noch Engländer. Arsenal läuft meist mit elf Ausländern auf. In Liverpool geben immer mehr Spanier den Ton an. Bei Chelsea haben die einheimischen Kämpen Terry und Lampard an Status eingebüßt. Und bei Manchester United dreht sich die Show um den Portugiesen Cristiano Ronaldo.

Die prickelnde Mischung der Premier League

Stimmung und Stadien, Fans und Fairplay, diese Grundfesten des englischen Fußballs bleiben englisch: als Immobilie der Erfolgsliga. Doch der andere, der mobile Teil kam aus dem Ausland: Spieler, Trainer, Investoren. Der europäische Erfolg der Engländer ist der Erfolg ihrer Europäisierung. Weil die runderneuerte Premier League der 90er Jahre ein zahlungskräftiges Publikum in die modernisierten Stadien lockte, kam Geld in die Kasse. Man holte dafür charismatische Ausländer wie Cantona oder Zola. Es entstand ein prickelnder Mix englischen Erbes - Einsatz, Tempo - mit europäischer Finesse.

Dazu behoben Importtrainer wie Arsène Wenger den Rückstand in Taktik, Technik, professioneller Vorbereitung. Die Zeiten, da englische Teams leichte Opfer für clevere Gegner waren, gingen zu Ende. Die vier aktuellen Top-Klubs haben in ihren acht Achtelfinalspielen, gegen Teams wie Milan und Inter, insgesamt ein Gegentor zugelassen. Die Engländer sind die neuen Italiener.

Abhängige der TV-Gelder

Für Ferran Serrano, Vizepräsident des FC Barcelona, ist die Premier League „die am besten gemanagte Liga der letzten zehn Jahre“. Ein Indikator dafür ist die Richtung der Transferströme. Die Premier League, die mit Ausgaben von weit über einer halben Milliarde Euro in dieser Saison alle Rekorde brach, lockt Spieler aus aller Welt. Die Serie A dagegen, die ihren Erfolg stets auch dem Vorteil verdankte, dass sie die besten Spieler in Italien halten konnte, hat verloren. Nach der WM 2006 (und dem Juventus-Skandal) verließen die Weltmeister Zambrotta, Toni, Grosso und Cannavaro das Land. Ebenso die Primera Division, aus der Dutzende nach England gingen, darunter die beiden besten Spanier Fabregas (Arsenal) und Torres (Liverpool).

Viele Fans sehen das große Geschäft der Premier League mit gemischten Gefühlen. Sie beklagen die wachsende Langeweile einer Liga, die bald drei Ligen in einer ähnelt: oben die vier Teams, die Titel und Champions League unter sich ausmachen; dahinter das ewige Mittelfeld; unten eine Handvoll Klubs, die sich abstrampeln, um im Schlaraffenland der TV-Gelder zu bleiben (wo der Tabellenletzte doppelt so viel bekommt wie der deutsche Meister). Viele übernehmen sich oder machen sich abhängig.

Welche Auswirkungen hat die Finanzkrise?

Die Tottenham Hotspurs mussten zuletzt gar bangen, in den Sog der globalen Finanzkrise zu geraten. Der Milliardär Joe Lewis, dessen „Tavistock Group“ neben mehr als hundert anderen Firmen auch die „Spurs“ besitzt, verlor beim Beinahe-Bankrott der Investmentbank Bear Stearns über eine Milliarde Dollar - beteuerte aber, dass das keinen Einfluss auf den Klub haben werde.

Laut der Wirtschaftsberatung Deloitte hat sich die Verschuldung der Premier-League-Klubs binnen eines Jahres bis 2006 mehr als verdoppelt, von 674 Millionen auf 1,6 Milliarden Pfund. Mehr als 1,3 Milliarden davon tragen allein Manchester United (660 Millionen), Liverpool (350) und Arsenal (307). Chelsea fehlt nur deshalb, weil Klubbesitzer Abramowitsch die jährlich neunstelligen Verluste persönlich begleicht. Während Arsenal die Schulden, die größtenteils für das neue Stadion entstanden, langfristig finanzierte (25 Jahre lang 18 Millionen Pfund pro Jahr an Schuldendienst), stehen die beiden Konkurrenten, denen die Schulden durch ihre Neubesitzer zwecks Finanzierung der Übernahme eingebrockt wurden, riskanter da. Manchester wendet einen Großteil seines Gewinns für den Schuldendienst von 42 Millionen Pfund auf, Liverpool bleibt nach Abstottern der jährlich 30 Millionen fast nichts an Ertrag übrig.

„Liverpool und United müssen sich Sorgen machen“

Weil beide Klubs ihre Darlehen bald neu finanzieren müssen und Liverpool weitere 300 Millionen Pfund für ein neues Stadion braucht, glaubt der „Telegraph“, dass „die globale Wirtschaftskrise ernste Auswirkungen auf die Liga“ haben könne. Das Blatt zitiert den Investmentbanker Keith Harris, demzufolge es immer schwieriger für Klubs werde, sich Geld am Aktien-, Anleihen- oder Darlehensmarkt zu beschaffen: „Die Leute bei Liverpool und United müssen sich Sorgen machen. Das Problem kommt, wie bei den Hypotheken einfacher Leute, wenn der Festzins ausläuft. Alles spricht dafür, dass der einzige Weg, an Geld zu kommen, darin besteht, noch reichere Besitzer zu finden.“

Genau diese Frage spaltet nun die Liverpool-Führung. Nur die Champions League hält die Reihen noch notdürftig zusammen. Sie ist für englische Top-Klubs längst mehr als eine schöne Zugabe - sie ist der Leim, der ihr Finanz-Puzzle zusammenhält. Wenn der FC Liverpool sie nicht gerade gewinnt, wie 2005, dann macht er Verluste. Deshalb zeigt sich George Gillett, der den Klub vor einem Jahr mit Tom Hicks kaufte, interessiert am Übernahmeangebot der Ölscheichs aus Dubai von 400 Millionen Pfund. Hicks will nicht verkaufen, man ist zerstritten. Für das Hinspiel an diesem Mittwoch bei Arsenal haben die beiden Besitzer getrennte Plätze geordert.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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