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Champions League Die Angst des AC Mailand vor den schmerzlichen Schnitten

28.09.2005 ·  Für den AC Mailand hat der luxuriöse Sinkflug begonnen. Früher vom Erfolg verwöhnt, hat der Edelclub zwar keine Geldsorgen. Dafür hat die Führung eine Verjüngungskur des Kaders lange verschlafen.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Beim Gedanken an den AC Mailand dürfte Rudi Assauer einen so sorgen- wie sehnsuchtsvollen Zug aus seiner Managerzigarre nehmen. Ein Verein mit einem Milliardär als Patron und daher ohne Geldsorgen, vertreten in zwei der drei vergangenen Endspiele der Champions League, sechzehnmaliger Landesmeister mit diversen Weltstars im Kader - gegen einen solchen Gegner kann Schalke 04 gerade einmal die neue Arena aufbieten, denn ein hochmodernes Stadion hat Mailand mit seinen beiden schwerreichen Klubs AC und Inter bisher nicht einmal in Planung.

Und doch muß der glamouröse Gegner aus der Luxusklasse des Fußballs, den Schalke 04 an diesem Mittwoch als Gruppengegner der Champions League empfängt, nicht unbedingt übermächtig sein. Denn Milan hat derzeit Probleme.

Sang- und klanglos

Das glanz- und streckenweise einfallslose 2:0 gegen den abgeschlagenen Tabellenletzten der Serie A aus Treviso zeigte am Sonntag deutlich die Schwächen der Mailänder auf. Der Ball rollt zwar wie gewohnt sicher, aber nicht gerade überraschend und dynamisch durch die Reihen der hochklassigen Stars. Gegen den hoffnungslos unterlegenen Abstiegskandidaten konnte Schewtschenko nur mit einem Elfmeter den Bann brechen, und erst gegen Ende stellte sein neuer Sturmpartner Alberto Gilardino den Sieg mit einem spektakulären Flugkopfball von der Rasenkante sicher.

Der pragmatische Trainer Carlo Ancelotti war schon über den zweiten Sieg in Folge froh und lobte die Hintermannschaft, die kein Gegentor kassierte. Dennoch hat Milan, das zum Saisonstart bei Sampdoria Genua sang- und klanglos verlor, nach fünf Spieltagen bereits ebenso viele Punkte Rückstand auf den ewigen Titelkonkurrenten von Juventus Turin.

Eine sentimentale Männerbeziehung

Es scheint, als hätte die Vereinsführung den Zeitpunkt für eine Verjüngung des Kaders verschlafen, denn gerade die Abwehr um das siebenunddreißigjährige Vereinsidol Paolo Maldini ist nicht mehr die jüngste. Man hat zwar in den letzten Jahren mit der gewohnten Spendierfreude Stars wie Jaap Stam (aus Manchester) oder Alessandro Nesta (aus Rom) nach Mailand geholt, doch wirkt der sonst so elegante Nesta derzeit unsicher und außer Form, und weder Stam (sein Einsatz "auf" Schalke ist nach einer Zerrung ungewiß) noch der brasilianische Außenverteidiger Cafu - gleichfalls Mitte Dreißig - sind noch echte Sprinter. Da sonnt man sich in Mailand um so lieber im Glanz der Feierlichkeiten, bei denen Kapitän Maldini mit 571 Ligaspielen soeben den Rekord der Torwartlegende Dino Zoff brach und einen wohl nicht mehr zu schlagenden Rekord beim selben Verein aufstellte.

Doch droht der moderne Fußball solche eheliche Treue zwischen Angestelltem und Arbeitgeber irgendwann zu bestrafen. Auch die sentimentale Männerbeziehung zwischen dem Torjäger Schewtschenko und seinem Vereinspatron und frischem Kindspaten Silvio Berlusconi gibt dem Trainer keinen Ansatz für ein gesundes Konkurrenzklima. Es sieht so aus, als sei der AC Mailand in den letzten Jahren mit seinen gepamperten Stars gerade so hinreichend erfolgreich gewesen, um dem Manager Adriano Galliani die Lust auf schmerzliche Schnitte zu verleiden.

Der Versuch, eine satte Seniorentruppe wachzurütteln

Aber immer öfter monierte Berlusconi, ein Freund der Attacke, die leidenschaftslosen Pflichtsiege, immer nostalgischer erinnert man sich an das "stratosphärische" Angriffsspiel der Glanzjahre mit Marco van Basten, zumal auch die letzte italienische Meisterschaft in der Schlußphase ohne Aufbäumen an ein verjüngtes Juventus Turin abgetreten wurde. Da paßt es, daß man mit dem gehörig angegrauten Christian Vieri, der im Sommer vom Stadtrivalen Inter übernommen wurde, und dem lange verletzten Filippo Inzaghi noch zwei kapriziöse und hochbezahlte Stürmerlegenden jenseits der Dreißig in Reserve hat.

Nach dem niederschmetternden Finale der Champions League im Mai, als man nach 3:0-Führung im Elfmeterschießen noch gegen den FC Liverpool unterlag, hatten ehrgeizige Stammkräfte wie der Mittelfeldrackerer Gattuso und der junge brasilianische Spielmacher Kaka noch mit ihrem Weggang gedroht - wohl um die satte Seniorentruppe wachzurütteln und vor einem Schicksal nach dem Muster von Real Madrid zu warnen. Denn ähnlich wie die sportlich abgeschlagenen Madrilenen tauchen die frischfrisierten Spieler des AC Mailand immer öfter in Werbespots, in der Klatschpresse und bei Modenschauen auf, aber immer seltener als Champions an der Tabellenspitze.

Lieblingsergebnis 1:0

Gewiß, die Mannschaft hat immer noch genügend Potential, um jeden Gegner mit zynischer Spielweise in Schach zu halten und gerade auswärts ein schmeichelhaftes Unentschieden oder das Lieblingsergebnis von 1:0 sicherzustellen. Immer öfter jedoch hört man in Italien die Prophezeiung, daß sich Milan im luxuriösen Sinkflug befinde. Aber auch das sind Sorgen aus der Stratosphäre, um die Rudi Assauer den heutigen Gegner aus tiefstem Herzen beneiden wird.

Quelle: FAZ vom 27. September 2005
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