Der lange Weg nach Hause, in die eigene Arena, begann für den FC Bayern vor einem Jahr mit der Entlassung von Louis van Gaal - als das Team nur auf Platz vier der Bundesliga stand und die Champions League ausgerechnet vor einer Saison zu verpassen drohte, in der das Finale in München stattfinden sollte.
Die Rettung gelang, man erreichte Platz drei und machte sich auf das, was die Europäische Fußball-Union als den langen „Weg nach München“ vermarktet - die finale Phase der europäischen Königsklasse. Ein Jahr nach dem drohenden Totalschaden unter van Gaal steht nun nur noch eine einzige Hürde vor dem großen Heimfinale: aller Voraussicht nach heißt sie Real Madrid.
Ohne große Mühe hielt der FC Bayern nach dem 2:0-Sieg bei Olympique Marseille die Franzosen auch im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League auf Distanz und gewann am Dienstagabend ebenfalls 2:0. Beide Tore (12. und 37. Minute) erzielte der Kroate Ivica Olic, der anstelle des 71 Minuten lang geschonten Mario Gomez im Sturmzentrum spielte.
Für Marseille war es die neunte Niederlage in den letzten zehn Spielen, für den FC Bayern der achte Sieg hintereinander. Trainer Jupp Heynckes hatte abermals auf seine inzwischen bewährte Personalrotation gesetzt und wieder zwei Stammspielern eine Pause von den hohen Belastungen von ständigen Spielen im Drei- bis Viertage-Takt gegeben.
Das Selbstbewusstsein gegen Marseille war so groß, dass Heynckes in der Startformation auf seine beiden Torjäger vom Dienst verzichtete: Robben und Gomez, die in den letzten sieben Spielen zusammen zwanzig Tore erzielt hatten (jeder je zehn).
Und von Beginn an war für jeden der 66.000 Zuschauer sicht- und spürbar, dass ihnen auch ohne die beiden ein stürmischer Bayern-Abend blühte. Vor allem Franck Ribéry, im Hinspiel bei seinem früheren Klub in Marseille durch die ständigen Pfiffe seines früheren Heimpublikums gehemmt, sprühte vor Spielfreude.
Haken und Hackentricks, Pirouetten und Pässe per Direktzuspiel, es war wie ein ganz eigenes Spiel im Spiel, das der Franzose für sein heutiges Heimpublikum inszenierte. Auf dem linken Flügel beschäftigte er von Beginn an zwei bis drei Gegner, und schon bei seinem ersten Ausflug auf den rechten Flügel in der 12. Minute war er von niemandem mehr zu halten.
Wuchtige Parade von Neuer gegen Morel
Unwiderstehlich zog er davon und passte perfekt in die Mitte zu Olic, der im Fünfmeterraum die Führung erzielte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Franzosen sich durchaus noch nicht aufgegeben und zweimal Torwart Manuel Neuer erhebliche Arbeit bereitet, erst Loic Rémy mit einem Drehschuss (9. Minute), dann, nachdem Benoit Cheyrou Holger Badstuber getunnelt hatte, der freigespielte Linksverteidiger Jérémy Morel mit einem Schuss aus zehn Metern (12.).
Seine spektakulärste Tat musste Neuer nach 17 Minuten zeigen, als Stéphane Mbia aus 18 Metern in zentraler Position zum Schuss kam. Mit einer wuchtigen Parade wischte Neuer den Ball mit der übergreifenden Hand aus dem rechten Torwinkel.
Gleich fünf Chancen in nur drei Minuten
Sein Gegenüber Steve Mandanda, im Hinspiel gesperrt und durch den Ersatzmann Andrade kläglich vertreten, bekam vor allem zwischen der 27. und 29. Minute viel Arbeit, als er gleich fünfmal halten musste: gegen einen Weitschuss von Toni Kroos, einen Volley von Anatoli Timoschtschuk, dann gegen Olic, gegen den Eigentorversuch eines eigenen Verteidigers und schließlich gegen einen Kopfball von Thomas Müller.
Die Bayern schossen sich warm, und Kroos kam mit einem schönen Weitschuss an den Außenpfosten dem zweiten Tor schon sehr nahe (33.). Die Zuschauer mussten nur weitere vier Minuten auf die Vollendung warten.
Die großen Höhepunkte stehen noch bevor
Der 19 Jahre alte David Alaba, mit dessen Positionierung als linker Verteidiger nach der Niederlage in Leverkusen die aktuelle Siegesserie der Bayern begonnen hatte, entging in Nähe des eigenen Strafraums nach Ballgewinn geschickt einer rüden Grätsche von Mbia und startete mit Ribéry einen Blitzkonter über den linken Flügel, der die französische Abwehr zerteilte wie eine Geflügelzange. Alabas perfekte Hereingabe verwertete Olic zum 2:0.
Damit waren letzte Zweifel beseitigt, und auch die ganz große Lust aufs Spektakel wich der professionellen Vernunft, Kräfte zu sparen für härtere Aufgaben. So wurde es eine eher reizarme zweite Halbzeit ohne große Höhepunkte. Die 66.000 Zuschauer verschmerzten es gern: Sie wissen, dass die wirklich großen Höhepunkte ihnen noch bevorstehen.
Bayern München: Neuer - Lahm, Boateng, Badstuber, Alaba - Timoschtschuk, Luiz Gustavo - Müller (39. Rafinha), Kroos (67. Pranjic), Ribéry - Olic (75. Gomez)
Olympique Marseille: Mandanda - Azpilicueta, Fanni, N’Koulou, Morel (46. Amalfitano) - Mbia, Cheyrou - André Ayew - Valbuena, Brandão (75. Gignac) - Rémy (63. Kaboré)
Schiedsrichter: Moen (Norwegen)
Zuschauer: 66.000 (ausverkauft)
Tore: 1:0 Olic (13.), 2:0 Olic (37.)
Gelbe Karten: Alaba / Mbia
Real ist zu schlagen
Christoph Rohde (prediger1)
- 04.04.2012, 16:09 Uhr