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Carlos Dunga Der Turbo-Klinsmann im Land der Besten

28.12.2006 ·  Brasilien nach dem WM-Aus: Der neue Nationaltrainer Carlos Dunga wagt den radikalen Schnitt und erntet Respekt. Und erste Erfolge. „Alle bekommen die gleiche Chance“, sagt Dunga über den Konkurrenzkampf in der Seleção.

Von Thomas Klemm
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Als Carlos Dunga vor fünf Monaten zum Nationaltrainer berufen wurde, fehlten ihm eigentlich zwei Voraussetzungen, die Brasilianer in diesem Job für vorteilhaft halten: Zum einen war er zuvor nicht dick drin im Trainergeschäft, zum anderen mangelt es ihm an Leibesfülle. Die fehlende Erfahrung sollte kein Hindernis darstellen für den früheren Fußballprofi, der in seiner Heimat, in der italienischen Serie A, in der Bundesliga sowie in der japanischen J-League ein reichhaltiges Wissen angesammelt hat, das er den Nationalspielern vermitteln kann.

Aber seine schlanke Figur, die ihn immer noch fast aussehen läßt wie Mitte der neunziger Jahre, als er beim VfB Stuttgart das Spiel lenkte, könnte ihm nach brasilianischem Verständnis leicht zu schaffen machen. „Nur ein Dicker“, schrieb der Dramatiker und Fußballkolumnist Nelson Rodrigues, „besitzt das euphorische Naturell, alle Krisen einer Mannschaft zu überstehen.“

„Oder er wird verrückt“

Aus Abertausenden Talenten die richtigen auszuwählen und die Individualkönner dann zu einer schlagfertigen Mannschaft zu formen, daran sind schon viele gescheitert, und das macht den Posten des Nationaltrainers für Brasilianer zum wohl zweitschwierigsten Arbeitsplatz der Welt - nach jenem des amerikanischen Präsidenten. „Alles, was er macht, löst landesweite Debatten aus. Manche schaufeln Tag und Nacht an seinem Grab“, erkannte Rodrigues bereits vor fünfzig Jahren, als die Medienwelt noch nicht so groß und aufgeregt war. „Es gibt nur zwei Möglichkeiten - entweder verfügt er über eine unverwüstliche geistige Gesundheit, oder er wird verrückt, ohne daß seine Familie es mitbekommt.“ Vicente Feola, ein kleiner und kugelrunder Nationaltrainer, der die Seleção 1958 erstmals zum Fußball-Weltmeister machte, wurde von Rodrigues als „der dicke Retter“ tituliert.

Die Mission von Carlos Dunga, dem Schlanken, ist es nun, 2010 in Südafrika den sechsten Titel zu holen; also jene „Hexa“, die für diesen Sommer in Deutschland fest eingeplant war, bis der Turnierfavorit im Viertelfinale kläglich scheiterte. Dunga, der ranke Retter?

Keine Niederlage unter Dunga

An dem Turbo-Reformer im brasilianischen Fußball, der im Juli älteren und etablierten Fußball-Lehrern vorgezogen wurde, sind die ersten Anfeindungen locker abgeprallt. Nach der anfänglichen Skepsis erkennen seine Landsleute den eingeschlagenen Weg an, spüren Bewegung in einer Seleção, die im WM-Sommer wie erstarrt vor Selbstverliebtheit wirkte. „Die Spieler selbst haben später gesagt, daß sie dachten, sie könnten die WM nach Belieben für sich entscheiden“, sagt Jorginho, einst Bundesligaprofi in Leverkusen und München und heute Dungas Assistenztrainer.

Die WM-Pleite mit dem 0:1 im Viertelfinale gegen Frankreich habe den brasilianischen Fußballverband CBF sowie dessen Präsidenten Ricardo Teixeira motiviert, außer der WM-Bewerbung für 2014 noch etwas anderes, „Neues auszuprobieren“. Der bisherige Erfolg hat allen recht gegeben: In den sechs Länderspielen unter Dungas Leitung hat die Seleção nicht einmal verloren, aber fünfmal gewonnen; unter anderem 3:0 gegen den Erzrivalen Argentinien.

Parreira pflegte eine „behutsame Erneuerung“

Dunga hat in kürzester Zeit Außergewöhnliches geschaffen, so wie es sein Künstlername verheißt. Als Carlos Caetano Bledorn Verri geboren, erhielt er von seiner Familie nach alter brasilianischer Tradition die Koseform „Dunga“, abgeleitet aus dem Wort „Ndunga“, das angolanische Sklaven ins Portugiesische importiert hatten und soviel wie „etwas ganz Außergewöhnliches“ bedeutet. Und mit dem Tempo, in dem der Dreiundvierzigjährige den Umbruch und die Modernisierung eingeleitet hat, macht seinem Beinamen alle Ehre. Seinen Assistenten beordert er bei Länderspielen auf die Tribüne, von wo aus Jorginho seine Beobachtungen direkt zur Trainerbank funkt; über ein Knopf im Ohr kann Dunga auf die Erkenntnisse seines Kollegen prompt im Spielverlauf reagieren. Ein anderer Verbandsangestellter speichert die übermittelten Daten samt Bildern gleichzeitig auf einem Computer, für die jeweilige Nachbereitung des Spiels.

Vorsprung will Dunga nicht nur durch Technik schaffen, sondern vor allem durch harte Auslese. 38 Spieler hat der Trainernovize zu den ersten sechs Länderspielen berufen und damit noch mehr als seine Vorgänger Luiz Felipe Scolari und Carlos Alberto Parreira, die ihre Amtszeiten auch mit personellen Experimenten begannen. Parreira pflegte eine von ihm so genannte „behutsame Erneuerung“, vertraute im Zweifelsfall aber stets den alten Kämpen. Die vom Erfolg saturierten Cafu, Roberto Carlos und Ronaldo machten dem Weltmeistertrainer von 1994 in diesem Jahr aber einen Strich durch die Rechnung. Mehr Schau- als Turnierspieler, zelebrierten die Brasilianer ihre Fußballkunst vor der WM öffentlich in einem Schweizer Trainingslager; ein „Event“, das zwar die Kassen des Verbandes füllte, aber die Bezeichnung „WM-Vorbereitung“ nicht verdiente.

„Auf dem Platz zeigen, daß wir die Besten sind“

Dungas Reformeifer übertrifft selbst jenen von Jürgen Klinsmann; und obwohl auch er von außen kam und über keine große Hausmacht innerhalb des brasilianischen Fußballzirkels verfügte, lehnt Dunga einen Vergleich mit dem Alt-Bundestrainer ab. Weil er sich als Turbo-Klinsmann versteht? An Respekt habe seine Fußballnation trotz des schlechtesten WM-Abschneidens seit sechzehn Jahren nicht verloren, behauptet Brasiliens Nationaltrainer. „Jetzt müssen wir wieder auf dem Platz zeigen, daß wir die Besten sind.“

Daß die besten Fußballspieler der Welt aus Brasilien kommen, gehört zum Selbstverständnis der 180 Millionen Südamerikaner und auch Carlos Dungas. Aber anders als sein Vorgänger Parreira, der Ronaldo trotz dessen Übergewichts und Roberto Carlos trotz dessen Arroganz fortwährend an der langen Leine führte und ihnen vertraute, hat Dunga den radikalen Schnitt gewagt. Nun tingelt er seit Wochen durch seine Heimat, von Fußballgala zu Fußballmesse, und wirbt für seinen Reformkurs. „Der Fußball ist ein schwieriger Platz, um Veränderungen herbeizuführen“, sagt Dunga, der um seine heikle Mission weiß. „Der eine denkt dies, der andere meint jenes, aber jetzt ist die Zeit gekommen, in der Seleção Entscheidungen zu treffen.“

Kaká als intelligenter Ansprechpartner

Sosehr ihm der heimische Verband und die Öffentlichkeit grundsätzlich zu folgen scheinen, so skeptisch begleiten alle Dungas Entscheidung, weitgehend auf den größten aller Ballzauberer zu verzichten. „Es gibt keinen Fall Ronaldinho“, beteuert der neue Nationaltrainer, wo immer er auf seiner Werbetour in eigener und nationaler Sache hinkommt. Doch in keinem der bisherigen Länderspiele hatte Dunga den zweimaligen „Fußballer des Jahres“ von Beginn an aufs Feld geschickt, sondern ihm allenfalls Kurzeinsätze gewährt. Ronaldinho nimmt es gelassen hin, daß er sich aufs neue bewähren muß, und wartet auf seine Chance.

Als wichtigsten Spieler in seinem Kollektiv hat der Trainer einen Profi auserwählt, dessen Spielweise an seine früher selbst gepflegte erinnert: Mittelfeldspieler Kaká ist von Dunga sogar zum Kapitän gemacht worden; nicht nur, weil der Mittzwanziger aus der gehobenen Mittelschicht São Paulos ein intelligenter Ansprechpartner ist, sondern auch deshalb, weil der Profi vom AC Mailand sein technisches Können stets in den Dienst der Mannschaft stellt.

„Siegeswillen und Hingabe“ fehlten

Hatte sich Carlos Dungas Vorgänger Parreira noch als „Verwalter einzelner Begabungen“ verstanden, so setzt Dunga auf ein starkes Kollektiv; so wie er es selbst unter Nationaltrainer Parreira erlebte hatte, als Kapitän Dunga die Seleção 1994 zum vierten WM-Titel führte. „Ich will Begabungen in meiner Mannschaft haben, aber Talent allein reicht nicht, um zu gewinnen.“ Die Talente suchen Dunga und sein Assistent Jorginho nunmehr in aller Welt. In der Bundesliga fanden sie den Bremer Diego und den Dortmunder Tinga, die im November ihr Comeback in der Nationalmannschaft feierten; vom Uefa-Pokal-Gewinner ZSKA Moskau holten sie drei Rückkehrer, aus Bordeaux beriefen sie Fernando als Debütanten, von Schachtjor Donezk kam Elano. „Alle bekommen die gleiche Chance“, sagt Dunga, der von seinen Nationalspielern fordert, was die WM-Teilnehmer vermissen ließen: „Siegeswillen und Hingabe“: „Ein Spieler kann eine Partie entscheiden. Aber nur eine starke und motivierte Mannschaft kann große Erfolge feiern. Die Geschichte unserer fünf WM-Titel hat dies gezeigt.“

Obwohl es in Brasilien vor Möchtegern-Nationaltrainern nur so wimmelt, hat sich Dunga mittlerweile einigen Respekt erarbeitet, auch im Verband, auch unter seinen Kollegen. „Er hat zwar keine Erfahrung als Trainer“, sagt sein Vorgänger Parreira, „aber er hat ein enormes Fußballwissen. Als ich 1994 die Seleção geführt habe, hat er mir wahre Lehrstunden darüber erteilt, wie fortschrittlich die Trainer in Europa arbeiten.“ Wenn die Experimentierphase nach der Copa America im nächsten Sommer vorüber ist, wenn die WM-Qualifikation in Südamerika beginnt, dann wird sich deutlich abzeichnen, ob der schlanke Carlos Dunga zu einem Schwergewicht im brasilianischen Fußball taugt.

Quelle: F.A.Z., 28.12.2006, Nr. 301 / Seite 28
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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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