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BVB-Revue in Dortmund Hier hat Schwarz-Gelb schon gewonnen

08.09.2009 ·  Doppelpass, gestirnt: Das Theater Dortmund richtet der Borussia zum hundertsten Geburtstag eine Revue aus. Doch im Revier-Derby um das beste Musical hat Schalke 04 klar die Nase vorn.

Von Andreas Rossmann
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Nur der rote Teppich tanzt, schmal wie ein Läufer, aus der Reihe. Und die Krawatte des Präsidenten, die in seidigem Lila glänzt. Allgegenwärtig herrschen hier zwei Farben, die in unverbrüchlicher Treue zusammenstehen: Schwarz und Gelb. Vom Abzeichen am Revers über Schlips und Schal bis zur Kombination von Anzug und Hemd, Kostüm und Bluse. Und wer der Kleiderordnung nicht genügt, kann nachrüsten. In dem Fan-Mobil, das vor dem Schauspielhaus Dortmund parkt, wird vom Halstuch bis zu den Ringelstutzen alles angeboten, was in Schwarz-Gelb zu haben ist. Das Theater steht bereit für den ultimativen Kick: Zum hundertsten Geburtstag des Vereins, der hier seit je die stürmischeren Leidenschaften entfesselt, gratuliert es mit einer Revue.

„Union“, „DAB“, „Thier“, „Stifts Pils“ - eine nach der anderen kleben die Marken an der klapprigen Trinkhalle, die rechts auf der Bühne steht, und künden von der ruhmreichen Geschichte der Biermetropole. Eine aber fehlt. Denn die jungen Burschen, die den Ballspielverein am 19. Dezember 1909 in der Kneipe „Zum Wildschütz“ am Borsigplatz aus der Taufe hoben, huldigten nicht den Preußen, sondern einer Brauerei.

Schiebermützen tragen sie zum Gründungsakt, die Lokalzeitung heißt „Tremonia“, und als der Name erkoren ist, stemmen sie die Krüge: Keine Schnapsidee war's, sondern eine Bierlaune, und Kaplan Dewald wettert gegen „Leder-Fetisch“, „englische Krankheit“ und „widerwärtige Fußlümmelei“. Sogar den Torpfosten auf der weißen Wiese hat er absägen lassen, und erst im Himmel, als er „in die Augen des Herrn“ sah, wurde er, so dokumentiert es das Programmheft, zum Borussentum bekehrt.

Leuchte auf mein Stern

Trinkhalle rechts, Taubenschlag links und dazwischen eine Kohlenhalde, auf der sich ein Fördertürmchen dreht. Die Bühne von Michael Wienand bedient die Klischees des Ruhrgebiets. Gegen die karge Kulisse hebt sich, von einem Knaben glockenrein intoniert, der Titelsong ab: „Leuchte auf mein Stern Borussia“. Zwischen brav bebilderter Chronik, Kabarett, Liedern und Tanzeinlagen schlingert eine Nummernrevue, die der Autor als Conferencier locker zusammenhält: Bruno Knust, ein Lokalmatador, der als „Günna“ vom Theater Olpketal und ehemaliger Stadionsprecher den Doppelpass zwischen Kleinkunstpodium und Sportarena souverän beherrscht, setzt mit trockenem Ruhrpott-Charme augenzwinkernde Pointen.

Aus seinem großen Fanherzen macht er keine Mördergrube: Dass die königsblaue Konkurrenz in der „verbotenen Stadt“ Gelsenkirchen, als sie Spieler als Zechenangestellte führte, dem BVB mehr als nur fünf Jahre voraus war, wird zähneknirschend anerkannt und nach dem Fünf-zu-null-Triumph gegen Benfica Lissabon und dem Europapokalsieg gegen den FC Liverpool auch die Null-zu-zwölf-Klatsche gegen Borussia Mönchengladbach eingeblendet. In den für den BVB 09 goldenen Wirtschaftswunderjahren zieht Knust - „Mach feddich, Günna!“ - die Elvis-Tolle über und lässt es rocken, und in der Nach-Hitzfeld-Ära nimmt er Vereins- wie auch Stadtspitze aufs Korn: Ex-Präsident und Ex-Manager verfrühstücken, während sie vom Börsengang geblendet auf Geldsäcken balancieren, das Westfalenstadion als Marzipantorte.

Unentschieden in die Verlängerung

Noch die jüngste Nachspielpleite der Kommunalwahl wird aufgespießt: „Es gibt schönere Städte, die liegen an der Talsperre; Dortmund liegt an der Haushaltssperre.“ Die Kalauer krachen, die Songs schmachten, die Zuschauer lachen. Doch was in zweimal fünfundvierzig Minuten locker nach Hause zu schaukeln wäre, geht unentschieden in die Verlängerung. Am Ende hat sich bewahrheitet, was eines der Lieder voraussagt: „Kohle, Fußball, Bier und Stahl / Is lang vorbei - das war einmal / Von dem was früher Dortmund war / lebt nur noch die Borussia.“ Da strahlt, als Vision für 2019, die ganze Stadt in Schwarz-Gelb: Bahnhof, Bank, Versicherung, Museum, Oper. So hat, drei Wochen vor der Wahl, in der „Herzkammer der Sozialdemokratie“ (Herbert Wehner) Schwarz-Gelb schon gewonnen, wenn auch mit La Ola statt mit Westerwelle.

Rock'n'Roll, Cancan, Boogie-Woogie, Gospel, Hymne, Schnulze - die Musik von Ralf Kiwit zapft viele Hits an und bürstet sie auf Schwarz-Gelb. Furios gerät die Aufführung nur, wenn das Breakdance-Ensemble „High Energy“, ein Quartett aus Parkett-Akrobaten, loswirbelt: Mit dem Schalke-Musical „04 - an Gott kommt keiner vorbei“ (Gott, steh auf, du bist ein Schalker) kann es die Revue nicht aufnehmen . Das Premierenpublikum, darunter Vereinslegenden wie Hoppi Kurrat, Sigi Held oder Willi Burgsmüller, aber war's mehr als zufrieden. Der Fußball hatte dem Theater eine Lektion in Sache Leidenschaft erteilt und dabei einen Klassenunterschied aufgezeigt, wie er so wohl nur in Dortmund möglich ist.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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