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Bundestrainer-Suche „Patriarchalischer Populismus“

28.06.2004 ·  Daum prescht vor, der Favorit stellt Bedingungen: Ottmar Hitzfeld mißfällt das Procedere bei der Suche nach einem Nachfolger für Rudi Völler. DFB-Präsident Mayer-Vorfelder isoliert sich.

Von Roland Zorn
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Der Präsident wählte die Einsamkeit, um allein mit sich und seinen Vorstellungen eine wichtige Entscheidung reifen zu lassen - doch der Tag, an dem Gerhard Mayer-Vorfelder verkünden kann, daß er einen neuen Teamchef oder Bundestrainer gefunden habe, war auch am Sonntag noch nicht abzusehen.

Der erste Mann im Deutschen Fußball-Bund (DFB) hielt sich bis Sonntag in dem von seiner Mannschaft längst geräumten Europameisterschaftshotel an der Algarve auf dem laufenden, ohne die bisher wichtigste Personalie seiner Amtszeit deutlich vorangebracht zu haben. So viel immerhin drang aus Almancil: Mayer-Vorfelder hat mit Ottmar Hitzfeld, dem bei Borussia Dortmund und Bayern München höchst erfolgreichen Badener, ein Treffen in Lissabon verabredet. Dazu wird es in den kommenden Tagen kommen.

Daum: "Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten“

Der DFB-Präsident hat aber auch zu dem von ihm eigentlich bevorzugten Trainer Christoph Daum "über Mittelsmänner" Kontakt aufgenommen. Der aber ist seit seiner Kokainaffäre nicht mehr wirklich geeignet, Deutschland und seinen Verband als Bundestrainer zu repräsentieren. Auf dem Rückflug nach Istanbul, wo er beim türkischen Meister Fenerbahce unter Vertrag steht, sagte Daum gegenüber dem Deutschlandfunk: "Ich habe mir Bedenkzeit ausgebeten, werde aber wahrscheinlich absagen."

Ob Hitzfeld, um den ein großes Tauziehen im Gange ist, am Ende überhaupt noch zusagen will, fragen sich inzwischen sogar enge Wegbegleiter des 55 Jahre alten Lörrachers. Sicher ist, daß sich der gesuchte Fußball-Lehrer nach sechs anstrengenden Jahren beim FC Bayern eine einjährige Auszeit auch seiner Frau und Familie zuliebe gönnen wollte; sicher ist ebenso, daß Hitzfeld schon lange davon träumt, eines Tages Bundestrainer zu werden; sicher ist, daß er nicht ohne seinen vertrauten Assistenten Michael Henke zum DFB ginge. Was aber gar nicht sicher ist, wurde am Wochenende deutlich: Hitzfeld hat schon das von Mayer-Vorfelder initiierte Procedere bei der Trainersuche nicht besonders gut gefallen. Der Mann sieht die Gefahr, inmitten politischer Interessen zerrieben zu werden. Im Hintergrund wirkt nämlich auch die eigentlich mächtigste Institution im deutschen Fußball an der bevorstehenden Inthronisation des neuen Bundestrainers mit: Franz Beckenbauer.

Beckenbauer will nicht Flagge zeigen

Der Präsident des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft 2006 und Weltmeister als Spieler und Teamchef macht sich dafür stark, daß Hitzfeld und niemand sonst den Job bekommt, den Rudi Völler am Donnerstag unter Verzicht auf das ihm vertraglich bis 2006 noch zustehende Gehalt von rund fünf Millionen Euro aufgab. Aber auch das DFB-Präsidiumsmitglied Beckenbauer möchte in diesen Tagen nicht unbedingt Flagge zeigen und dabei möglicherweise Mayer-Vorfelder attackieren.

Konkret muß sich der DFB-Präsident allerdings darauf gefaßt machen, daß er viel Gegenwind aus der Bundesliga zu spüren bekommen wird. Wie er mit Werner Hackmann, dem Präsidenten des Ligaverbandes und Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Fußball Liga (DFL), in Almancil verfuhr, bewies keinen Stil. Hackmann sollte, wie es heißt auf Wunsch von Völler, bei dem nächtlichen Gespräch dabeisein, das letztlich zum Abschied des Teamchefs nach dem deutschen Scheitern bei der EM führte. Tatsächlich versuchten nur Mayer-Vorfelder und DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt aber, Völler zum Bleiben zu bewegen. Hackmann blieb draußen vor der Tür. "Ich habe das bedauert", sagt der Hamburger mit hanseatischer Höflichkeit, "der Präsident hat es zur Kenntnis genommen." Die DFL werde sich "zu gegebener Zeit" zu Mayer-Vorfelder äußern.

Kritik aus Leverkusen

Der DFB-Präsident hat die Trainersuche zur "alleinigen Chefsache" erklärt und sich damit ohne Not ein Stück weit isoliert. Aus der Bundesliga, deren erster Repräsentant Hackmann immerhin als DFB-Vizepräsident ist, meldete sich am Sonntag auch dessen Vertrauter und Mitstreiter im DFL-Aufsichtsrat, Wolfgang Holzhäuser. Der Sprecher der Geschäftsführung beim Bundesligaklub Bayer 04 Leverkusen sagte, so, wie Mayer-Vorfelder sich nicht nur in Portugal immer wieder verhalte, "geht es nicht weiter". Der "patriarchalische Populismus" des DFB-Präsidenten habe sich "in den letzten zwei Jahren negativ verstärkt".

In diesem Klima zwischen wenig Kooperation und sich abzeichnender Konfrontation soll Hitzfeld in ein paar Tagen zum Bundestrainer ernannt werden. Ob er das Spielchen noch lange mitmacht? Wäre dem nicht so, gingen Mayer-Vorfelder die deutschen Optionen rasch aus. Der mit Griechenland bei der EM überaus erfolgreiche Otto Rehhagel wird seinen bis 2006 datierten Vertrag erfüllen; Daum, ein exzellenter Fußballfachmann, kommt aus außersportlichen Gründen nicht in Frage; Lothar Matthäus ist als Nationaltrainer Ungarns noch nicht soweit, ernsthaft in Erwägung gezogen zu werden. Alle Trümpfe liegen also bei Hitzfeld, der, wenn er will, den Preis, sein Begleitpersonal und die Umstände bestimmen kann, unter denen er in möglichst großer Autonomie das Bundestraineramt antreten möchte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2004 / Nr. 147
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