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Bundestrainer Joachim Löw „Wir sind taktisch weiter als 2006 und 2008“

07.12.2009 ·  Die WM-Gruppen sind ausgelost, nun kann Joachim Löw die Vorbereitung aufs Turnier planen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der Bundestrainer über Australien, Serbien, Ghana sowie Dynamik, Disziplin und Fitness.

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Die WM-Gruppen sind ausgelost, nun kann Joachim Löw die Vorbereitung aufs Turnier planen. Der 49 Jahre alte Fußballlehrer blickt der Weltmeisterschaft in Südafrika optimistisch entgegen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht der Bundestrainer über Australien, Serbien, Ghana Dynamik, Disziplin und Fitness.

Hat es für Sie bei der Kapstädter Auslosung der WM-Endrunde 2010 einen Moment der Freude oder des Erschreckens gegeben, oder haben Sie die Ziehung der deutschen Gruppengegner vergleichsweise emotionslos verfolgt?

Ich persönlich habe die Auslosung genossen, weil sie immer mit viel Spannung verbunden ist. Darüber hinaus fand ich das ganze Programm sehr gut, weil Afrika ein Kontinent mit vielen Problemen, aber auch mit viel Lebensfreude ist. Auch das wurde während der anderthalb Stunden im International Convention Centre spürbar. Und außerdem: Wenn man bei einer WM jede Herausforderung bewältigen will und sich das Erreichen des Endspiels zum Ziel gesetzt hat, kann man nicht sagen, ich möchte vielleicht mit einfacheren Gegnern beginnen, ehe die schwereren kommen. Ich bin sowieso der Meinung, dass die Mannschaften, die sich für die WM qualifiziert haben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, enger zusammengerückt sind als noch im Jahre 2006.

In Deutschland gab es nach der Auslosung auch Stimmen, die die Gruppe D mit Deutschland, Serbien, Ghana und Australien als vergleichsweise leicht bezeichneten. Haben Sie auch diesen Eindruck?

Diejenigen, die jetzt von Losglück sprechen, sind schlecht informiert. Wir treffen auf starke Gruppengegner. Das ist auch gut, um so voller Anspannung und Konzentration in das Turnier hineinzukommen.

Was halten Sie denn von den deutschen Widersachern, beispielsweise von Serbien?

Ich habe Serbien in der Qualifikation verfolgt und mir das eine oder andere Spiel angeschaut. Die spielen einen unglaublich guten Fußball, technisch sehr beschlagen, mit hohem Tempo, auf Topniveau.

Wie stark ist Ghana?

Ghana und Algerien sind für mich im Augenblick die beiden besten afrikanischen Mannschaften. Wir werden die Ghanaer im Januar beim Afrika-Cup noch einmal sehr genau beobachten. Sie sind physisch, personifiziert durch ihren Mittelfeldstar Michael Essien vom FC Chelsea, sehr stark. Dazu kommt die große Schnelligkeit und Ausdauer vieler Spieler. Ghana schöpft zudem aus einem großen Reservoir an Talenten. Seine U-20-Auswahl wurde vor kurzem Weltmeister. Dazu kommt, dass die in Europa beschäftigten Afrikaner inzwischen sehr diszipliniert spielen. Sie wissen, wie man sich professionell verhält, und können anders als ihre Vorgängergeneration die Konzentration viel länger hochhalten. Sie sind sich der Voraussetzungen bewusst, um dauerhaft erfolgreich zu sein.

Zum Auftakt geht es am 13. Juni in Durban gegen Australien. Sind die Socceroos der leichteste deutsche Gegner?

Die Australier sind sicher der Außenseiter, aber sie kommen mit dieser Rolle sehr gut zurecht. Australien hat keine Angst. Vor niemand. Die Spieler riskieren viel mit ihrer britisch inspirierten Spielweise und haben eine sehr positive Einstellung. Sie packen jede Aufgabe mit der Zuversicht an, sie auch bewältigen zu können.

Drei schwere, aber auch schlagbare Gegner: Mit welcher Haltung muss Ihre Mannschaft die ersten WM-Prüfungen des kommenden Jahres in Durban gegen Australien, in Port Elizabeth (18. Juni) gegen Serbien und in Johannesburg (23. Juni) gegen Ghana angehen?

Am wichtigsten wird sein, dass wir vom ersten Tag der Vorbereitung an die Konzentration hochhalten. Nur so sind wir gewappnet für die anstehenden Aufgaben. Wir müssen uns in jeder Phase des Turniers über die Schwere der Aufgaben im Klaren sein. Die Spieler müssen immer wissen, was sie dafür tun müssen, um am Ende vielleicht den Titel zu gewinnen. Es gibt dabei keine Phasen, in denen sie abschalten oder sich ein bisschen hängen lassen können. Gerade Südafrika mit seinen speziellen Bedingungen - Spiele bei winterlichen Temperaturen in über 1500 Meter Höhe wie zum Beispiel in Johannesburg oder an der Küste im schwül-warmen Durban - wird uns viel abverlangen. Da kommt es auf die Disziplin und Konzentration jedes einzelnen an.

Ihre sukzessive verjüngte Mannschaft hat sich relativ ungefährdet für die Endrunde qualifiziert, auch weil sie die beiden wichtigsten Spiele gegen Russland überzeugend gewann. Glauben Sie, dass Ihre Spieler heute in mancherlei Hinsicht einen Schritt weiter sind als die Vorgängerteams 2006 bei der WM im eigenen Land und 2008 bei der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz?

Vor der WM 2006 hatten wir große Probleme, mit Ausnahme von Lahm eine gewisse Anzahl von guten jungen Spielern zu sehen. Bei der Weltmeisterschaft in Deutschland haben dann aber zwei, drei starke Junge im Team auf sich aufmerksam gemacht: Podolski, Schweinsteiger und Mertesacker. Im Zuge der vielen positiven Wirkungen dieser WM gab es auch ein Umdenken hin zu jüngeren Spielern. Dazu kam die Optimierung der Ausbildung der jungen Profis, was nicht zuletzt durch die Titelgewinne der U 21, U 19 und U 17 dokumentiert wird. Wir brauchen in der Nationalmannschaft den konsequenten Einbau junger Spieler wie Özil, Khedira, Marin oder Boateng, und zwar vor den großen Turnieren. Diese Spieler haben zwar nicht die Erfahrung der älteren Profis, aber sie bringen eine hochwillkommene Dynamik in die Mannschaft. Auf der anderen Seite gibt es auch Nationalspieler, bei denen die Leistungskurve inzwischen etwas nach unten zeigt.

Özil bringt eine lange vermisste gestalterische Note in das Spiel der Deutschen. Was macht seine Klasse aus?

Mit ihm haben wir die Möglichkeit, taktisch variabler zu agieren. Spieler wie ihn findet man nicht so häufig. Sie können einem Spiel eine andere Charakteristik geben.

Worauf gründet sich Ihr Optimismus, mit Ihrer Mannschaft das Endspiel erreichen oder sogar den Titel gewinnen zu können?

Wir sind taktisch weiter als 2006 (WM-Dritter) oder 2008 (EM-Zweiter). Diese Fähigkeit haben wir nicht in jedem Spiel der WM-Qualifikation abgerufen. Aber als es darauf ankam wie gegen Russland, haben wir eine taktisch enorm gute Leistung geboten. Das konnten wir vor vier Jahren in dieser Form noch nicht. Vor der WM müssen wir darauf schauen, dass alle Spieler topfit sind, um auf dieser Basis ihre taktischen Qualitäten ausspielen zu können. Schlampigkeiten werden nämlich irgendwann bestraft. Wir werden in den dreieinhalb bis vier Wochen der Vorbereitung auf dem Gebiet der Fitness die richtigen Akzente setzen, um noch einmal ein paar Prozentpunkte herauszukitzeln.

Sie sehen nach der Auslosung die WM endlich konkret vor sich, wissen, wo, wann und vor allem gegen wen Deutschland spielt. Was machen Sie nun aus dieser Situation?

Wir hatten am Samstag eine dreistündige Sitzung mit meinem Trainerkollegen Hans-Dieter Flick und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, um den Weg zur WM genauer abzustecken. Regenerationstrainingscamp, Trainingslager und die letzten Testspielgegner vor der WM, die so ähnlich wie Serbien und Australien spielen sollen - all das wird nun rechtzeitig terminiert und damit Gestalt annehmen. Noch einen afrikanischen Gegner zu finden dürfte schwierig werden, weil sich die Afrikaner vorzugsweise auf dem eigenen Kontinent vorbereiten werden. Klar ist jetzt endgültig: Wir werden am 6. Juni nach Südafrika fliegen.

Wie sehr freuen Sie sich auf Ihre erste WM als Cheftrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft?

Ich sehe keinen großen Unterschied zu der Verantwortung, die ich in derselben Position bei der EM 2008 getragen habe. Bei einem Turnier lebt jeder Trainer in seiner eigenen Welt. Ich bin so in meiner Konzentration, dass ich den Druck von außen gar nicht wahrnehme. Ich jedenfalls freue mich darauf, dass es am 13. Juni in dem schönen Stadion von Durban losgeht. Natürlich ist die Anspannung da, natürlich beschäftigt mich das Turnier manchmal Tag und Nacht, so dass mir das Abschalten schwerfällt. Mich bedrückt aber nichts, denn ich mache meine Arbeit sehr gern.

Das Gespräch führte Roland Zorn.

Quelle: F.A.Z.
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