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Zum Tod von Rudi Michel Ein Vorbild hinter den Bildern

30.12.2008 ·  Das „Wembley-Tor“ war die schwierigste Situation seiner Reporter-Laufbahn. Rudi Michel meisterte sie. Stolz, fair und höflich war der Sportreporter zeit seines Lebens. Das Bild wollte er nicht verbal überlagern. Rudi Michel starb im Alter von 87 Jahren.

Von Roland Zorn
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„Kein Tor, kein Tor – oder doch.“ Rudi Michel hat es bei seiner berühmtesten Fernseh-Reportage vermieden, sich eindeutig festzulegen oder gar Stimmung zu machen gegen die Entscheidung des schweizerischen Schiedsrichters Gottfried Dienst. Es war die 101. Minute des in die Verlängerung gegangenen Londoner Weltmeisterschaftsendspiels zwischen England und Deutschland am 30. Juli 1966, als Geoff Hurst den Treffer (oder auch nicht) zum 3:2 für seine später 4:2 erfolgreiche Elf erzielte, der in Deutschland als „Wembley-Tor“ unvergessen blieb und noch heute die Gemüter erhitzt.

Denn nie ließ sich in dieser fernsehtechnisch von Superzeitlupen und Standbildern noch weit entfernten Zeit einwandfrei klären, ob Hursts Lattenschuss, nach dem der Ball auf oder hinter die Torlinie sprang, „drin oder nicht drin“ war. Kein Tor, glaubte Michel. Doch er ließ sich nicht dazu hinreißen, seine Gefühle und Aufgeregtheit auf den Marktplatz zu tragen.

„Nie habe ich so stolze und faire Verlierer gesehen“

„Das Wembley-Tor“, hat er einmal gestanden, „war die schwierigste Situation in meiner Reporterlaufbahn. Ich habe daran gedacht, wie ich aus der Situation wieder rauskomme. Haue ich drauf auf den Schweizer Schiedsrichter und den (sowjetischen) Linienrichter – Tofik Bachramow war von Dienst befragt worden und wies mit seinem Fähnchen in Richtung Anstoßpunkt –, mache ich die Nation verrückt und hetze sie auf? Oder verweise ich auf die Haltung unserer Mannschaft?“

Michel tat Letzteres und lieferte damit seinen Beitrag zu einer Fair-play-Gesinnung, mit der das Team von Bundestrainer Helmut Schön das Unabänderliche ohne lauten Protest hinnahm. „Diese 66er waren schon Kerle“, sagte Michel später, „nie habe ich so stolze und faire Verlierer gesehen.“

„Nicht wir waren die Nummer eins, sondern das Bild“

Stolz und fair war der Sportreporter Rudi Michel zeit seines Lebens – und dazu als Sympathisant des FC Arsenal auch ein bekennender Freund des englischen Fußballs. Der gebürtige Kaiserslauterer, der 1948 als Volontär beim Südwestfunk seine große Laufbahn begann und diesem ARD-Sender bis zum Beginn des von ihm so bezeichneten „Unruhestands“ treu blieb, bestach durch seine leidenschaftliche Sachlichkeit am Mikrofon und seine Fähigkeit, sich im Fernsehen angesichts der Macht der Bilder auch zurücknehmen zu können. „Nicht wir waren die Nummer eins“, hat der Hörfunk- und Fernsehkommentator, der über fünf WM-Endspiele live berichtete, den Unterschied zu manchem Reporter von heute verdeutlicht, „die Nummer eins war das Bild, das wir nicht zu überlagern hatten.“

Dabei hätte der überaus temperamentvolle „Hauptabteilungsleiter Sport“ beim Südwestfunk, der er von 1962 bis 1988 für Funk und Fernsehen war, viel erzählen können über die Protagonisten seiner Zeit. Er tat es aus Überzeugung entweder gar nicht oder nur dezent und in aller Höflichkeit. Schließlich war der Lauterer Michel einer der besten Freunde der Fußballlegende Fritz Walter und dazu ein enger Vertrauter des Bundestrainers Sepp Herberger.

„Rudi Michel war ein herausragender Journalist“

Den Vater des „Wunders von Bern“ interviewte der junge Michel, der 1954 zum kleinen deutschen Reporterteam bei der WM in der Schweiz gehörte, als Erster – 48 Stunden nach dem 3:2-Sieg im Finale über die Ungarn. Das waren noch Zeiten. Michel hatte sie in seinem historischen Gedächtnis konserviert, das es ihm erlaubte, noch bis ins hohe Alter mit jugendlicher Vitalität und großer Erzählkunst von „damals“ lebhaft und anschaulich zu berichten. Der Mann wusste kraft seiner Persönlichkeit zu faszinieren. Er war in seinem Beruf prägend – weil er im Kleinklein des Sports stets das große Ganze vor Augen hatte.

Michel, auch Buchautor und jahrelang Mitarbeiter der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, war ein Zeitzeuge, der Ereignisse zu verdichten und zu deuten wusste. So gesehen, war er auch ein Sportgeschichtslehrer mit einem unausgesprochenen Lehrauftrag weit über sein aktives Berufsleben hinaus. „Rudi Michel war ein herausragender Journalist, darüber hinaus aber auch ein glänzender Botschafter des deutschen Fußballs“, hat Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, über diesen großen Fußballliebhaber gesagt, der am Montag im Alter von 87 Jahren nah seiner späteren Heimatstadt Baden-Baden gestorben ist.

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