Seine Erinnerungen an Frankfurt sind nicht die besten. Ganz im Gegenteil. In der WM-Arena im Stadtwald erlebte Zlatan Bajramovic eine seiner schwärzesten Stunden als Fußballprofi. Beim 0:6 gegen die Eintracht vor drei Jahren in der zweiten Pokal-Runde wurde der mittlerweile Achtundzwanzigjährige mit dem FC Schalke 04 nach allen Regeln der Kunst vorgeführt. Für ihn persönlich war an dem kalten Oktoberabend 2005 früh Schluss, sein Trainer Ralf Rangnick hatte nach 65 Minuten genug von ihm. „Es gab hier mächtig was auf die Mütze“, sagte Bajramovic, als er in Flip-Flops, legerer Jeans und modischem T-Shirt an den Ort der einstigen Blamage zurückkehrte.
Am Mittwochabend wechselte er die Seiten und unterschrieb einen bis 2011 datierten Vertrag bei den Hessen. Am Donnerstagmittag wurde er an seinem neuen Arbeitsplatz vorgestellt und holte sich dabei gleich eine Ausgabe seines künftigen Trikot ab. Bajramovic trägt im Team von Trainer Friedhelm Funkel die Nummer acht. Als durchsetzungsstarker Zweikämpfer, so beschrieb sich der Neuling bei seiner Präsentation, der sich ein kurzer Rundgang durch die Kabinen und die Katakomben der Spielstätte anschloss, will er im Mittelfeld der Eintracht alsbald Aufsehen erregen. Sofern er wieder restlos gesund werden sollte – dieses Fragezeichen steht bis auf weiteres hinter dem Transfer.
„Alle Zeit der Welt, sich auszukurieren“
Kampfgeist muss Bajramovic vor allem in den kommenden zehn bis zwölf Wochen in der Rehabilitation aufbringen. Eine hartnäckige Verletzung am Großzehengrundgelenk des rechten Fußes zwingt den Nationalspieler der Auswahl Bosnien-Hercegovinas nach wie vor in den Krankenstand. Bereits seit mehr als einem halben Jahr ist er angeschlagen, trotz mehrerer Comebackversuche in Schalke kam er nicht auf die Beine, gegen einen Fußball trat er seit Monaten nicht mehr – mit ein Grund, warum die „Königsblauen“ die auslaufende Zusammenarbeit nicht verlängerten. Doch die Eintracht-Verantwortlichen sind von seiner Genesung überzeugt.
„Ich will mich in Frankfurt hochdienen, wenn ich erst einmal hundertprozentig fit bin“, verkündete Bajramovic wohlgelaunt. „Er bekommt alle Zeit der Welt, um sich auszukurieren. Egal, wann, er wird die Eintracht verstärken“, fügte Funkel zuversichtlich an, der Bajramovic schon länger auf seinem persönlichen Wunschzettel hatte und regelmäßig mit dessen früherem Freiburger Trainer Volker Finke in Verbindung stand, um sich über den Werdegang eines seiner Lieblingsspieler informieren zu lassen.
Bajramovic ist ein typischer Allrounder: ihn zeichnete auch in Schalker Champions-League-Partien seine Konsequenz in der Defensive aus, wobei er ungeachtet seiner defensiven Disziplin durchaus auch Gefahr vor dem gegnerischen Tor hinaufbeschwören konnte. „Er kennt jeden Quadratzentimeter des Platzes“, beschrieb Funkel den ehedem großen Einsatzradius der Neuerwerbung. In seiner Bilanz für den FC St. Pauli (1999 bis 2002), den SC Freiburg (2002 bis 2005) und Schalke (2005 bis 2008) stehen 128 Erstligaspiele, wobei ihm 17 Treffer gelangen; in 76 Zweitligapartien erzielte er 19 Tore.
Bruchhagen: Der Etat ist ausgeschöpft
Für den Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen, der jüngst noch gesteigertes Interesse an einer Verpflichtung des Münchners Andreas Ottl verkündet hatte, ist mit der Hinzunahme des Dauerläufers der Kader für die anstehende Saison komplett. „Der Etat ist ausgeschöpft, zudem sind die Vorstellungen des Trainers umgesetzt“, sagte Bruchhagen, der dem Bosnier trotz der komplizierten Blessur schon vor mehreren Wochen ein Angebot unterbreitet hatte. „Vor einigen Jahren hätten wir an eine solche Verpflichtung noch keinen Gedanken verschwendet. Jetzt haben wir ihn. Das zeigt, dass der Verein sich weiterentwickelt hat“, meinte Bruchhagen. „Wir verbessern uns Schritt für Schritt.“
Bajramovic, der in der vergangenen Woche in Berlin operiert wurde, absolviert die Reha komplett in Frankfurt. „Das war eine Bedingung. Das erleichtert die Integration ins Team“, sagte Bruchhagen, der von Bajramovic ein Lob erhielt. „Er und Trainer Funkel haben sich sehr intensiv um mich bemüht. Das hat für mich den Ausschlag gegeben.“ Dass er seit geraumer Zeit die Bundesliga nur noch als Zaungast verfolgt, führte er auf seine eigene Ungeduld zurück: „Ich war zu verrückt auf Fußball und hätte besser früher auf meinen Körper hören sollen. Den Preis für den Fehler zahle ich jetzt.“ Nach dem abermaligen chirurgischen Eingriff an seinem Fuß sei es aber nur noch eine Frage der Zeit, bis er wieder uneingeschränkt seinem Job nachgehen könne, behauptete Bajramovic, der zuletzt unter anderem auch beim 1. FC Köln und dem Hamburger SV kurz auf dem Wunschzettel stand, dort jedoch durchs Raster fiel.
Auflösung des Vertrags im Zweifelsfall möglich
Ein Risiko, so Bruchhagen, gehe die Eintracht mit Bajramovic nicht ein: Der Spieler koste nicht einen Cent an Ablöse und beziehe so lange auch kein Gehalt, bis er vollständig genesen sei und einen stichhaltigen Beweis seiner Einsatzfähigkeit abgeliefert habe. „Wenn wir sehen, dass es nichts wird, dann lösen wir den Vertrag wieder auf.“ Weitere Aktivität im brancheninternen Sommerschlussverkauf schloss Bruchhagen aus. „Wir halten an unserem Unternehmensgrundsatz fest, mit dem wir in der Vergangenheit gute Erfolge erzielt haben: Wir geben nicht mehr Geld aus, als wir eingenommen haben.“ Die Mannschaft sei durch sechs frische Gesichter im Vergleich mit der Vorgänger-Elf ohnehin spürbar besser besetzt.
Mit seinen künftigen Kollegen wird sich Bajramovic an diesem Sonntag bei der Saisoneröffnungsfeier den Fans präsentieren. Zwischen 10 und 16.30 Uhr lädt der Verein seine Anhänger zu einer Feier in und um die Commerzbank-Arena ein. Auch der Newcomer wird dabei ausgiebig für Autogramme und Fotoaufnahmen zur Verfügung stehen – auf dass sein erster offizieller Auftritt für den neuen Arbeitgeber den Besuchern gleich in bester Erinnerung bleiben wird.