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Wettskandal : Fußballprofis im Zockermilieu

Nicht die Buchmacher, sondern die Wettbörsen scheinen das Grundübel Bild: dpa

Gegen einige Beschuldigte im Fußball-Wettskandal erhärten sich die Verdachtsmomente. Im neuen Jahr dürfte aber auch die Ursachenforschung eine wichtigere Rolle einnehmen. Ein Grundübel sind offenbar die Wettbörsen.

          Michael Schlagbauer fällt es Woche für Woche schwerer, an die Unschuld von Kristian Sprecakovic zu glauben. „Wir hofften einige Zeit auf ein Missverständnis, aber diese Hoffnung scheint sich in Luft aufzulösen“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Würzburger Kickers. Der 31 Jahre alte Fußballprofi gilt den Ermittlungsbehörden als Verdächtiger im Wettskandal und sitzt schon seit anderthalb Monaten in Untersuchungshaft. Im vergangenen Sommer hatte sich der ehemalige Zweitligaspieler dem Landesligaklub angeschlossen, er sollte mit seiner Erfahrung zu einer wichtigen Stütze der Mannschaft werden und helfen, den traditionsreichen Verein in die Bayernliga zurückzubringen. Über weitere Aufgaben in der Jugendarbeit wurde schon nachgedacht. „Wir haben ihn als sympathischen, feinen Menschen kennengelernt“, sagt Schlagbauer, im Hauptberuf Zahnarzt. „Umso unglaublicher ist, was gegen ihn vorliegt.“

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Viele hat das Manipulieren von Spielen im Kern erschüttert. Profis, Vereine und Schiedsrichter sind ins Zwielicht geraten. Osnabrück, Verl und Ulm wurden zu ersten Brennpunkten des Skandals. Konkrete Ergebnisse aus den Ermittlungen der federführenden Staatsanwaltschaft in Bochum und Vernehmungen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) dürften aber vorerst auf sich warten lassen. „Es ist generell schwierig, jemandem eine Spielmanipulation nachzuweisen“, lautet derzeit die Erkenntnis beim DFB.

          Sprecakovic unter Verdacht

          Als erster deutscher Spieler wurde Sprecakovic einen Tag vor Bekanntwerden des Wettskandals am 19. November von der Polizei verhaftet; wie weitere 14 Verdächtige. Es könnte sich um einen sehr interessanten, ergiebigen Fall handeln, denn der Spieler wurde schon einmal auffällig: Vor zweieinhalb Jahren verurteilte ihn das Frankfurter Landgericht wegen Verabredung zum gewerbs- und bandenmäßigen Betrug zu einer Geldstrafe von 8400 Euro. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil im Februar 2009.

          Danach hätte der Mittelfeldspieler 2006, damals in Diensten des SV Elversberg, einen Spieler des Regionalligaklubs Stuttgarter Kickers zwecks Spielmanipulation kontaktiert. Er soll auf Bitten eines Bandenchefs aus Asien gehandelt haben, doch der Stuttgarter Spieler ging nicht auf den Versuch ein. Sprecakovic bestreitet die Vorwürfe im aktuellen Skandal.

          Ein Dutzend in Untersuchungshaft

          Seit die Staatsanwaltschaft Bochum das Verfahren gegen eine Bande mutmaßlicher Wettbetrüger führt, kursieren viele Gerüchte - auch zu Machenschaften, deren Ausmaß das der altbekannten Fälle übersteigen könnte. Von körperlicher Gewaltanwendung, räuberischer Erpressung ist zu hören oder von Ärzten und Köchen, die Spieler in Slowenien vergiften sollten, damit eine Partie mit dem „richtigen“ Ergebnis endete. Die Spekulationen treiben Blüten. Ein Zusammenhang zwischen dem Wettskandal und der sogenannten Döner-Mordserie in Deutschland mit neun meist türkischstämmigen Opfern wurde von der Polizei dementiert.

          Mehr als ein Dutzend angebliche Wettbetrüger sitzen in Untersuchungshaft. Ob von ihnen schon jemand ausgepackt hat, will die zuständige Staatsanwaltschaft in Bochum derzeit nicht mitteilen. Es wäre nötig - sich nur auf Auswertungen aus abgehörten Telefongesprächen stützen zu müssen, könnte für eine erfolgreiche Beweisführung im Verfahren eine zu vage Grundlage sein. Insgesamt wird derzeit gegen etwa 100 Beschuldigte ermittelt. Erste Erkenntnisse der Aufklärungsarbeit weisen auf recht enge Verbindungen zwischen einigen Fußballprofis und dem Zockermilieu hin. So hat es die Wettmafia wohl gerade auf jene Spieler abgesehen, die durch ihre Spielsucht in die Schuldenfalle geraten sind und erpressbar werden. Der unter Verdacht stehende Profi Marcel Schuon hat gestanden, dem Chef eines Wettbüros eine Zusage gegeben zu haben, die Partie des VfL Osnabrück beim FC Augsburg im März des vergangenen Jahres für einen Schuldenerlass von 20.000 Euro absichtlich zu verlieren. Schuon war im Sommer von Osnabrück nach Sandhausen gewechselt.

          Der vom Regionalligaklub SC Verl wegen seiner möglichen Beteiligung an Spielmanipulationen suspendierte Kapitän Patrick Neumann war Anfang Dezember angeblich aus Angst vor Racheakten der Wettmafia untergetaucht. Sein Anwalt behauptete, es werde in bestimmten Kreisen „mit Einschüchterung und Gewalt agiert“. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft könnten weitere Spieler so in die Fänge der Wettmafia geraten sein.

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