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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wettbörse Betfair „Deutsche Politik trägt zu Fehlentwicklungen bei“

28.01.2010 ·  Nach der Aufdeckung des jüngsten Wettskandals wird der Branche vorgeworfen, es Tätern leichtzumachen. Dass Anbieter mitunter gar von den Manipulationen profitieren, bestreitet Peter Reinhardt. Er ist Deutschlandchef der kritisierten Wettbörse Betfair.

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Nach der Aufdeckung des jüngsten Wettskandals im Sport wird der Branche vorgeworfen, es Tätern leichtzumachen. Dass Wettanbieter mitunter sogar von den Manipulationen profitieren, bestreitet Peter Reinhardt. Er ist Deutschlandchef der kritisierten Wettbörse Betfair. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über das betrügerische Spiel mit dem Sport.

Aus deutscher Sicht dürfte es Wettunternehmen wie Ihres eigentlich gar nicht geben.

In der Tat, in Deutschland werden wir kriminalisiert, und in England verleiht uns die britische Königin gleich zweimal den renommierten Queens Award. Das zeigt nur, wie grotesk die Situation in Deutschland zurzeit ist. Die Haltung der deutschen Politik trägt mit dazu bei, dass es derzeit zu Fehlentwicklungen auf dem Wettmarkt kommt. Festzustellen ist, dass 95 Prozent der Sportwetten in Deutschland außerhalb des Monopols stattfinden. Da von einer staatlichen Kontrolle des Glücksspielmarktes zu sprechen, ist Augenwischerei. Leider fließen aufgrund des unattraktiven Staatsmonopols die Gelder deutscher Spieler eben auch in unkontrollierte Schwarzmärkte wie zum Beispiel nach Asien. Dadurch entstehen die Sümpfe, die nun vielerorts beklagt werden. Die Bekämpfung des Betrugsproblems kommt erst dann entscheidend voran, wenn der deutsche Staat seriösen Unternehmen eine Lizenz erteilt und den Markt dadurch ordnungspolitisch reguliert. Politik, Sportverbände und seriöse Wettanbieter sind aufgerufen, zusammenzuarbeiten.

Sie haben ein geschäftliches Interesse, das deutsche Wettmonopol zu kippen.

Natürlich, aber genauso wollen wir sauberen, transparenten Sport und eine Akzeptanz als seriöses, innovatives Unternehmen in Deutschland. Wir fordern von der Politik einen neuen Ordnungsrahmen, der privaten Anbietern wie uns erlaubt, den Interessen von Sportorganisationen, Kunden und des Staates gerecht zu werden. Da geht es um Kundenschutz, Betrugsprävention und auch darum, in diesem Land angemessen Steuern zu zahlen, was wir gern tun würden.

Im aktuellen Fußball-Wettskandal spricht die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Bochum von einer "Spitze des Eisbergs". Teilen Sie die Einschätzung?

Das Thema Wettbetrug und Manipulationen im Sport wird nun öffentlich verstärkt diskutiert. Der Markt für Sportwetten ist in den letzten Jahren explodiert, und sicherlich gibt es eine Koinzidenz von Marktentwicklung und zunehmendem Interesse von Leuten, die betrügen wollen. Gleichzeitig sind aber auch die Sicherheitssysteme gewachsen. Wir machen es denen, die manipulieren wollen, schon sehr, sehr schwer.

In einem Dossier für die Tennisbranche stellten zwei ehemalige Scotland-Yard-Inspektoren sehr wohl eine Manipulationstätigkeit bei Tennisspielen fest. Die Verdachtsmomente betrafen ausschließlich Wettkonten Ihrer Firma Betfair.

Nicht jeder Wettanbieter gibt seine Informationen über mögliche Spielmanipulationen weiter. Wir tun es, deshalb werden wir auch öfter genannt. Ich erinnere mich, dass die beiden Herren ebenso betont haben, dass von systematischer Unterwanderung im Tennis nicht die Rede sein könnte.

Sind Sie vom aktuellen Wettskandal im Fußball betroffen?

Mir liegen keine Hinweise vor.

Hat die Bochumer Staatsanwaltschaft mal bei Ihnen nachgefragt?

Nein, allerdings tauschen wir uns regelmäßig mit der Fifa und der Uefa, also den Fußball-Spitzenverbänden, aus. Genaueres kann ich allerdings aus vertraglichen Gründen nicht nennen. Als Firma mit Sitz in London sind auch erst mal die britischen Behörden unsere Ansprechpartner. In anderen Fällen, in denen es um Scheckbetrug ging, haben wir allerdings schon mit deutschen Ermittlungsbehörden zusammengearbeitet.

Es gibt Sportwettenanbieter, die Ihr Unternehmen hart attackieren und behaupten, Wettbörsen wie Betfair hätten durch das spezielle Geschäftsmodell erst die Basis für Spielmanipulationen geschaffen und würden daran sogar verdienen. Was ist da dran?

Es gibt nur einen einzigen Wettbewerber, der uns kritisiert hat, und dies aus durchsichtigen Motiven. Weil unsere Kunden direkt miteinander Quoten vereinbaren, sind die Fixquoten und Gewinnmargen der Buchmacher unter Druck geraten. Als führende Wettbörse mit sechs Millionen Transaktionen täglich leben wir vom Vertrauen unserer Kunden und haben daher ein existentielles Interesse am sauberen Sport. Jede Wettmanipulation schadet uns.

Nicht zu Unrecht wird angeführt, Sie trügen als Börse bei den Wetten kein eigenes Risiko, während der klassische Buchmacher mit seinem Geld dagegenhält und somit im ureigenen Interesse der Kundschaft genau auf die Finger schaut.

Jeder Wettmarkt wird bei uns für alle transparent abgebildet. Sie sehen in jeder Sekunde, welche Wetten zu welchem Preis angenommen werden. Wir haben nicht nur Privatkunden, sondern auch Buchmacher oder institutionelle Kunden wie Tradingunternehmen, die sich auf dieses Geschäft spezialisiert haben. Diese Leute wissen ganz genau, welche Quote zu einem bestimmten Zeitpunkt realistisch ist - mathematisch und wahrscheinlichkeitstheoretisch. Beim Buchmacher gibt es diese Transparenz nicht.

Wenn Sie so transparent sind: Wie viel Prozent Ihrer Wetten im Jahr sind verdächtig und wie viele betrügerisch?

Wir prüfen jeden Fall, der bei uns zur Anzeige gebracht wird. Sei es durch Mitarbeiter, Kunden, Internetforen, Behörden, Journalisten oder durch Sportverbände, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Zu den absoluten Zahlen kann ich keine Aussage treffen, nur so viel: In ungefähr zwei Prozent der angezeigten Fälle kommt es zu einer weitergehenden Prüfung. Bei etwa einem halben Prozent dieser Fälle tauschen wir Informationen mit Behörden und Sportverbänden aus.

Bei Ihnen können Wetten ohne finanzielles Limit plaziert werden. Macht das nicht Wettbetrug und Spielmanipulation für Kriminelle besonders interessant?

Es gibt keinen Zusammenhang zwischen bestimmten Limits und einer Anfälligkeit für Betrug. Im Gegenteil: Betrüger versuchen durch Streuung ihrer Aktivitäten ihre Spur zu verwischen. Wir gehen grundsätzlich jedem Verdachtsfall nach, lassen unsere mathematischen Algorithmen über die Wetten laufen. So prüfen wir, ob sie sich in der Spanne des Rationalen bewegen, und schauen uns an, welche Kunden gesetzt haben.

Wie gut kennen Sie Ihre Kunden, die mit höheren Einsätzen spielen?

Wir kennen jeden unserer Kunden, folglich auch jene, die mit hohen Einsätzen hantieren. Sie sind uns bekannt - mit Bankverbindung, Wohnsitz und Identitätsnummer. Wir unterstehen der englischen Glücksspielkommission, und die hat sehr strenge Auflagen. Zudem beschäftigen wir vierzig speziell geschulte Leute in unserer Sicherheitsabteilung, die Manipulationen und Geldwäsche rund um die Uhr auf der Spur sind.

Das Gespräch führte Michael Ashelm.

Quelle: F.A.Z.
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