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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wettbetrug im Fußball Riskante Querpässe

 ·  Geld für Jugendliche, Amateure als Freunde - der Bochumer Prozess zeigt die Muster des Fußball-Betrugs auf. Das Geschäft ist äußerst lukrativ und ist in Deutschland offenbar erstaunlich simpel aufzuziehen. Ohne Gewalt, aber mit guten Kontakten in die Provinz sollen die Betrüger Millionen gemacht haben.

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Das perfekte Verbrechen gibt es nicht. Aber es gibt einfache Verbrechen. Und lukrative. Das Verschieben von Fußballspielen kann sehr lukrativ sein - und sehr einfach. Es ist ein Verbrechen, das sich lohnt. Zu diesem Schluss muss kommen, wer am Mittwoch im Bochumer Landgericht Staatsanwalt Andreas Bachmann zugehört hat. Rund neunzig Minuten dauerte es, bis er 45 Seiten Anklageschrift vorgetragen hatte - und doch sind die 32 Partien, von denen die Bochumer Staatsanwaltschaft überzeugt ist, dass sie von einer Bande in Deutschland und Europa agierender Wettbetrüger 2008 und 2009 verschoben wurden, nur ein kleiner Ausschnitt des kriminellen Spektrums, das der Fußball und das internationale Wettgeschäft bieten.

Noch sitzen die Bandenköpfe um den bereits im sogenannten „Hoyzer-Skandal“ 2005 verurteilten Ante Sapina in Untersuchungshaft, noch wird gegen neunzig Beschuldigte ermittelt, sind Hunderte weiterer Spiele unter Verdacht, noch will Staatsanwalt Bachmann selbst „die Dimensionen nicht abschließend beurteilen“. Doch der erste Prozess gegen vier Angeklagte zeigt die simplen Muster des Fußball-Betrugs auf.

Sollten sich die Vorwürfe der Anklage im Prozess bestätigen, dann basiert das Millionengeschäft - allein über ein Buchmacherkonto in London sollen die Bandenchefs Sapina, Marijo C. und Ivan P. bei den Anbietern „SPO Bet“ und „IPC Bet“ in der philippinischen Hauptstadt Manila 3,5 Millionen Euro Gewinn gemacht haben - auf guten Kontakten zu Fußballspielern in der Provinz. SC Verl, Bayern Alzenau, ZFC Meuselwitz, VfB 09 Pößneck sind deutsche Regional- und Oberligavereine mit einem Stammplatz in der Anklageschrift; dazu die U-19-Bundesliga-Mannschaft von Arminia Bielefeld und Zweitligaauftritte des VfL Osnabrück. Mannschaften unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle überregionalen Interesses. Lokalberichterstattung in Deutschland, satte Quoten in Fernost - für Zocker und Betrüger ein nahezu ideales Milieu.

Ihre Klientel teilten sich die Betrüger nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft regional auf. Erstligaklubs sind vom jetzigen Prozess nur in Slowenien und Ungarn betroffen, das mutmaßlich durch den Schiedsrichter manipulierte Europa-League-Spiel zwischen dem FC Basel und CSKA Sofia am 5. November 2009 (Gewinn laut Anklage 209.000 Euro) ist eine Ausnahme, durch die sich die Regeln des Geschäfts bestätigen.

Dessen Anbahnung findet durch persönliche Bekanntschaften statt. Bei den Osnabrücker Spielern Thomas Cichon und Marcel Schuon, die beide vehement bestreiten, Spiele tatsächlich verschoben zu haben, soll es deren Hang zum Glücksspiel gewesen sein - beide sollen Kunden im Kasino des jetzt Angeklagten Nürettin G. gewesen sein. Auch anderswo gab es offenbar den guten Draht zu den Kickern aus der Nachbarschaft. Beispiel Bielefeld: Die A-Jugend-Mannschaft der Arminia verliert am 31. Oktober 2009 beim VfL Bochum 0:4. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gab es dafür 1000 Euro Belohnung von den Wettbetrügern - pro Spieler. Kleine Summen für die Zocker, mehr als ein Taschengeld für Jugendliche.

Die besondere kriminelle Qualität: keine Gewalt

Nach den Aussagen der Zocker im Ermittlungsverfahren sind es häufig drei Spieler pro Mannschaft, die mitspielen müssen, um den Betrug einigermaßen sicher durchziehen zu können. Präferiert werden Verteidiger, noch besser eignen sich Torhüter. „Es ging um defensives Spiel mit angezogener Handbremse“, sagt Bachmann am Rande des Prozesses in Bochum, „der riskante Querpass am eigenen Strafraum sollte den Gegner ins Spiel bringen.“ In manchen Fällen sollen auch zwei Spieler oder ein Torwart genügt haben, doch die Zocker mussten offenbar auch manchen Rückschlag hinnehmen. Beispiel Verl: Am 19. September 2009 spielt der SC gegen Waldhof Mannheim - und gewinnt unplanmäßig 1:0. Der mutmaßlich bestochene Spieler wird nicht aufgestellt. Danach soll er laut Anklageschrift einen dezenten Hinweis erhalten haben: Er werde in Training beobachtet, habe ihn der Kontaktmann wissen lassen. Die klare Botschaft: Streng dich an, wenn du weiter mitverdienen willst.

Die besondere kriminelle Qualität aber ist das Vorgehen ohne körperliche Gewalt, jedenfalls hierzulande. „Es ging um freundschaftliche Kontakte“, sagt Staatsanwalt Bachmann, „man brauchte die Spieler ja für eine Betrugsserie.“ Und die Betrüger waren demnach eifrige Stadionbesucher. Manches Spiel sollen drei, vier „Läufer“ der Bande gesehen, Handzeichen für drei oder vier Tore gegeben haben, je nach abgegebener Wette - oder aber das Zeichen zum Betrugsabbruch, weil kein Wettbüro die Wetten angenommen habe. Fälle, in denen Frühwarnsysteme der Buchmacher gegriffen haben könnten.

Die Wett-Paten als Vereinspatrons

Das perfide System, aufgeflogen nur durch Zufallstreffer bei Telefonüberwachungen im Drogenmilieu, scheint fast narrensicher. Provinzielle Vereinsstrukturen und kleine Bestechungssummen, die sich je nach Gehaltsstruktur der Fußballspieler steigern, aber den niedrigen fünfstelligen Bereich nur ganz selten übersteigen. Die vier jetzt Angeklagten sollen mit 370.000 Euro Bestechungsgeld rund 1,6 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet haben. Der Deutsche Fußball-Bund kann im Spiel der Betrüger nur der Hase sein, der den kriminellen Igeln hinterherrennt. Verhindern können den Betrug nur die Vereine selbst - durch sorgfältige Auswahl ihrer Spieler.

Doch Vorstände und Spieler, das sollte spätestens jetzt jedem klar sein, sind Menschen mit durchschnittlichem Hang zur Kriminalität. 75 bis 80 Prozent der Fußballspielerkollegen, hat der erfahrene Zocker Cichon in einem Interview geschätzt, wetten auf Fußballspiele. Wird die Verlockung zu groß, gewinnt die Gier. In Belgien soll die freundliche Wettmafia von nebenan gleich die gesamten Schulden des Zweitligaklubs Union Royal Namur in Höhe von 700.000 Euro übernommen haben. Namurs Präsident Jean-Claude Baudart bestätigte inzwischen, dass die Bande anschließend Spieler in den Verein eingeschleust habe. Die Wett-Paten als Vereinspatrons: Stimmt der Vorwurf, beweist das: Der Fußballbetrug ist für alle Beteiligten ein gutes Geschäft. Außer für den Zuschauer.

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Jahrgang 1978, Sportredakteur.

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