02.10.2011 · Nur Punktejäger oder doch schon Bayern-Jäger? Werder Bremen hat sein altes Erfolgsmodell wiederbelebt. Die Politik der ruhigen Hand in der Krise wird belohnt. Auch an diesem Sonntag bei Hannover 96 (15.30 Uhr)?
Von Frank HeikeEin Hütchen ist umgekippt. Und eine andere Markierung, ein kleiner Kegel, liegt falsch, müsste vielleicht 15 Zentimeter verschoben werden. Thomas Schaaf schreitet ein. Ganz in Grün, den Reißverschluss der Trainingsjacke bei 25 Grad Celsius bis unters Kinn gezogen, korrigiert er den Aufbau. Die Profis sind gerade beim Aufwärmen, das übernimmt Assistenztrainer Wolfgang Rolff.
Auf dem sattgrünen Trainingsplatz nah der Weser unterhält sich Schaaf mit seinen Trainerkollegen Matthias Hönerbach und Michael Kraft. Hönerbach ist heute mit dem Fahrrad zur Schicht gekommen, pfeifend. Schaaf wirkt voll bei der Sache, er baut den Parcours so sorgfältig auf, als stünde gleich seine Prüfung zum Fußball-Lehrer bevor. Zusammen mit den alten Weggefährten – Rolff, Kraft und Hönerbach sind ebenfalls eine gefühlte Ewigkeit im Klub – ist Schaaf an diesem sonnigen Nachmittag vollkommen in seinem Element. Laufen. Kämpfen. Schießen. Tore. Training.
Als es bei Werder vergangene Saison schlecht lief, habe er Einheiten noch genauer vorbereitet, er habe jedes Training in seinem Sinn hinterfragt, hat Hönerbach über Schaaf gesagt. Schaaf selbst würde so etwas nie zugeben. Aber Spieler mit einer gewissen Verantwortung für den Klub wie Philipp Bargfrede oder Kapitän Clemens Fritz haben gemerkt, dass da etwas anders war im Januar, Februar 2011. Fritz sagt: „Er hat noch genauer gearbeitet.“ Schaaf findet andere Worte. Er sagt: „Ich bin mir immer treu geblieben.“
Die Beobachtung einer einzigen Trainingseinheit genügt, um zu sehen, dass die Wahrheit für Schaaf immer noch auf dem Platz liegt. Das ist sein Zuhause hier. Die Arbeit mit den Spielern auf dem Rasen. Nicht der Zirkus, den die Bundesliga auch darstellt. Schaaf ist da hoffnungslos altmodisch, und wenn in den Pressekonferenzen ein Tuchel parliert, ein Dutt erklärt oder ein Klopp seine Witzchen macht, sitzt Schaaf wie der Papi der jüngeren Kollegen stoisch daneben und benutzt seine immergleichen Phrasen: etwas anbieten, etwas aufzeigen, die Dinge aufnehmen. „Dokumentieren“ sagt er auch gern. Vor ein paar Tagen hat Schaaf gesagt, der Hauptgrund für den Höhenflug sei, dass er vier Tage die Woche mit der kompletten Mannschaft trainieren könne. Keine Verletzten, keine Spiele in den Pokalwettbewerben: eine ungewohnte Situation für Werder. Keine schlechte, findet Schaaf nach einer Saison, in der seine Spieler in manchen Spielen alles vergessen hatten.
In diesen ersten Saisonwochen hat Werder den verschütteten alten Stil wiedergefunden. Aufregende Spiele, gegen Freiburg, gegen Hertha, hinten Pannen, vorne große Kombinationen, späte Tore. Zweiter sind die Bremer vor der Partie in Hannover am Sonntag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker), und mag die Platzierung auch besser sein als das, was man von Werder bislang sah, so ist es doch eine große Überraschung, dass die Bremer so durchstarten nach einer Spielzeit am Rande des K.o. Klar ist da die Abhängigkeit vom famosen Claudio Pizarro, für jeden sichtbar die Schwächen in der Innenverteidigung, dazu das alte Problem der fehlenden Ausgewogenheit von Offensive und Defensive – trotzdem ist Werder mindestens der Kampf um einen Platz in der Europa League zuzutrauen. Als Bayern-Jäger sehen sie sich ohnehin nicht. Geschäftsführer Klaus Allofs sagt: „Wir sind Punktejäger.“
Intern macht eine Wendung die Runde, die manchem erklärt, warum Werder an die alles in allem guten Spielzeiten 2004 bis 2009 anknüpft. Sie ist eine Erfindung des Geschäftsführers Klaus-Dieter Fischer. Der Mann ist noch viel länger im Amt als Schaaf oder Allofs mit ihren zwölf Werder-Jahren – seit 1955 lebt Fischer für Werder. Er sagt: „Wir sind wieder auf dem Weg zu unserem kollektiven Miteinander, das uns über Jahre so stark gemacht hat. Es zahlt sich jetzt aus, dass wir in der schlechten Vorsaison ruhig geblieben sind.“ Kein Trainerwechsel, keine Wintertransfers. Volles Vertrauen für Schaaf und Allofs, als die Fans Werder schon in die zweite Liga stürzen sahen. Vom kollektiven Miteinander zur Werder-Familie ist es nicht weit. Doch das Bild der heilen Welt an der Weser hatte Allofs schon länger abgehängt, schon in den Jahren mit dem Abo auf die Champions-League-Teilnahme. Schon da krachte es immer mal wieder zwischen ihm und Aufsichtsratschef Willi Lemke.
Die Eskalation kam in diesem Juli. Allofs lag im Clinch mit seinem größten vereinsinternen Kritiker. Nach zahlreichen Verletzungen hatten Schaaf & Allofs Alarm beim Boss der Räte geschlagen und Verstärkungen verlangt. Lemke verwies kühl bis ans Herz aufs knappe Budget, das durch die Neuen namens Ekici, Schmitz und Wolf vollends ausgereizt sei. Immerhin fand sich irgendwo noch etwas Geld für den Griechen Sokratis, der die Abwehr sofort stabilisierte.
Nach außen schlossen Lemke und Allofs dann Frieden. Allofs Ruf als legendärer Ein- und Verkäufer hatte schon vorher gelitten. Marin, Avdic, Arnautovic – teure Profis, die zu selten wirklich überzeugten. Das hat auch seine Position im Klub geschwächt. Bei den Einkäufen Sokratis (rechts) und Ignjovski (links) scheint Allofs das alte Spürnäschen wiedergefunden zu haben. Die Problemzonen außen scheinen zum ersten Mal seit langem weniger anfällig. Auch der Verkauf Mertesackers wurde Allofs positiv ausgelegt. Zehn Millionen Euro nahm Werder für ihn ein. Und bei der Resozialisierung Arnautovics gibt es auch erste Erfolge.
Sie haben den Fußball nicht neu erfunden in Bremen. Aber sie haben sich auf die Stärken besonnen. Die Raute im Mittelfeld etwa, oder das Spiel mit zwei Stürmern. Beides hatte Schaaf in der beängstigenden Vorsaison irgendwann über Bord geworfen, um der Probleme irgendwie Herr zu werden. Besser wurde es dann erst im letzten Saisondrittel: mit Raute und zwei Spitzen. Sie sind sich treu geblieben. „Wir haben eine interessante Mannschaft mit Potential“, sagt Allofs vorsichtig.
Ein Jahrzehnt lang war es eine Nichtmeldung, wenn einer aus der Bremer Geschäftsführung irgendwann im Herbst verkündete, man werde sich demnächst mit Schaaf und Allofs über die Vertragsverlängerung unterhalten. Wenn Weihnachten nahte, gab es dann verlässlich Bilder, die die beiden Macher beim Händeschütteln mit ihren Vorgesetzten zeigten. Werder weiter mit Trainer Schaaf und Geschäftsführer Allofs – eine Nachricht für die hinteren Videotext-Tafeln. In diesem Jahr ist die Kunde von den anstehenden Verhandlungen der Beleg, im Jahr des drohenden Abstiegs vieles richtig gemacht zu haben.