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Werder Bremen Willi Lemke: Bei Werder dreht keiner durch

 ·  Seit Jahren gehört Werder zur Elite der Bundesliga, obwohl die Voraussetzungen nicht gerade optimal sind. Der Teamgeist steckt nicht nur in den Spielern, sondern in jedem einzelnen Mitarbeiter. Werder muss nicht Meister werden. Dieser unverkrampfte Siegeswillen setzt jede Menge Kräfte frei.

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Wie bei jedem anderen europäischen Spitzenverein wird auch in Bremen das Ansehen des Klubs definiert durch die sportlichen Erfolge der Mannschaft. Seit Jahren gehört Werder zur Elite der Fußball-Bundesliga, obwohl die Voraussetzungen wie geographische Lage und wirtschaftliches Umfeld nicht gerade optimal sind. Ein ganz wesentlicher Faktor dafür sind Zusammensetzung und Führung der Mannschaft.

Es ist über die Jahre, ja Jahrzehnte gelungen, auch schwierige Spielertypen bei Werder zu integrieren und zu herausragenden Leistungen zu motivieren. Letztlich hat der Teamgeist alle Extravaganzen von Einzelspielern verblassen lassen oder sie positiv nutzen und in den Dienst an der Mannschaft stellen können. Probleme werden in der Kabine besprochen und nicht über die Medien. Und wenn einer mal laut aus der Kabinentür hinausruft wie neulich Torsten Frings, dann hat das Gründe, die jeder versteht. Frings ist im Übrigen ein hervorragendes Beispiel dafür, dass ein angenehmes Arbeitsklima Spitzenleistung hervorbringt. Dieser Top-Spieler ist nach Ausflügen zu Dortmund und Bayern gern wieder zu uns zurückgekehrt.

Außergewöhnliche personelle Kontinuität

Ich bin überzeugt, dass für dieses Klima in erster Linie eine funktionierende Vereinsarbeit verantwortlich ist, eine, die von der Führung bis zum einfachen Mitarbeiter reicht. Der Teamgeist steckt nicht nur in den Spielern. Zwar gehen auch bei Werder sportliche Misserfolge gehörig an die Nieren und strapazieren das Gemeinschaftsgefüge - aber es hält. Werder will in jeder Saison in der Spitze mitmischen und möglichst Meister werden. Aber Werder muss nicht Meister werden. Da dreht keiner durch, wenn die Schale nicht an die Weser kommt. Dieser unverkrampfte Siegeswillen setzt jede Menge Kräfte frei. Eine solche Atmosphäre motiviert die Spieler, es ist immer wieder eine Freude zu sehen, wie sich jeder Einzelne für den Erfolg der Mannschaft ins Zeug legt.

Es ist kein Zufall, dass dieser Klub wie kaum ein anderer in der Führung von außergewöhnlicher personeller Kontinuität geprägt ist. Die meisten werden sich erinnern, dass Otto Rehhagel 14 Jahre bei Werder arbeitete, unser vor zwei Jahren verstorbener Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Franz Böhmert leitete den Verein seit den siebziger Jahren, Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer ist seit Jahrzehnten in der Vereinsspitze tätig, ich selbst war fast 18 Jahre Manager und bin nun seit bald acht Jahren im Aufsichtsrat. Auch Cheftrainer Thomas Schaaf und die Geschäftsführer Jürgen Born, Klaus Allofs und Manfred Müller sind inzwischen schon viel länger dabei als eine Großzahl ihrer Kollegen in anderen Vereinen.

Erfolg mit hanseatischem Kaufmannssinn

Ein solche personelle Kontinuität konnte gelingen, weil in all den Jahren niemand sein Ego über das Interesse des Vereins stellte. Natürlich gehört auch ein wenig Glück dazu, dass immer wieder Personen integriert werden konnten, die fachlich und menschlich in das Team passten. Die wirtschaftliche Solidität Werder Bremens hat neben den sportlichen Erfolgen auch mit sehr viel hanseatischem Kaufmannssinn zu tun. Bremen hat kein zuschauerreiches Umfeld, und auch Großsponsoren sind hier eher rar gesät. Doch die Kasse stimmt.

Bis heute werden keine Spielereinkäufe getätigt, die ein unübersehbares Risiko für den Verein bedeuten. Uns belasten keine Millionen aus Stadion-Hypotheken. Bei uns droht keine Katastrophe, wenn mangelnde sportliche Erfolge die erwarteten Einnahmen verhindern. Das beruhigt. Um dennoch zu großen Erfolgen zu kommen, ist ein besonders sorgfältiger Spielereinkauf notwendig. Wir hatten und haben das Führungspersonal, das dafür das richtige Auge hat, das immer wieder hervorragende Spieler findet und sie an den richtigen Platz setzt. Personelle Kontinuität, finanzielle Solidität, hanseatisches Understatement und eine absolut professionelle Teamarbeit sind die Grundlagen des Erfolgs von Werder Bremen - einem Top-Verein, mit dem sich immer mehr Menschen nicht nur in Deutschland gern identifizieren.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.03.2007, Nr. 10 / Seite 17
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