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Werder Bremen Mit der letzten Patrone

 ·  Gerüchte um Klaus Allofs, rote Zahlen, und ein Wechsel der Strategie nach dem abrupten Ende der goldenen Ära - Werder Bremen bleibt in Bewegung. Das Team, jünger und billiger denn je, muss sich heute bei Schalke 04 beweisen.

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© WITTERS Nur eine Luftnummer? Klaus Allofs bestreitet, dass sein Wechsel zum VfL Wolfsburg sicher sei

Es war eine aufregende Woche für Klaus Allofs. Am Montag informierte er die Mitglieder, dass Werder Bremen das Geschäftsjahr 2011/2012 mit einem Minus von knapp 14 Millionen Euro abgeschlossen hat. Am Donnerstag herrschte helle Aufregung rund ums Weserstadion, weil die Nachricht vom Angebot des VfL Wolfsburg die Runde machte: Der nach Felix Magaths Entlassung führungslose VfL wolle den 55 Jahre alten Bremer Vereinsboss noch in diesem Winter nach Wolfsburg lotsen - trotz eines Vertrages bei Werder bis 2015. Allofs dementierte: „Es gab weder Gespräche mit Wolfsburg noch ein konkretes Angebot.“

Hartnäckig hielt sich allerdings das Gerücht, dass Wolfsburg über Mittelsmänner an Allofs herangetreten sei und demnächst mit einem konkreten Angebot aufwarten werde. Allofs sagte: „Es ist doch keine schlechte Situation, wenn man irgendwo im Gespräch ist.“ Kollegen in der Geschäftsführung und Vorgesetzte reagierten alarmiert - und erleichtert: „Ich habe mit Klaus gesprochen“, sagte Willi Lemke, der Bremer Aufsichtsratschef, „was er mir gesagt hat, ist ganz klar eine Entwarnung.“ Viel haben die Bremer in diesem Sommer verändert, den ganzen Kader renoviert. Aber einen Weggang des Vorsitzenden der Geschäftsführung, das mag sich an der Weser keiner vorstellen.

Fast alles neu beim SV Werder

Ein Minus, wie es Allofs zuvor mitzuteilen hatte, hätte bei weniger entspannten oder chronisch unruhigen Vereinen wie dem Nordrivalen HSV zum Beispiel empörte Wortbeiträge bei der Mitgliederversammlung bis Mitternacht verursacht. Allofs bekam am Montag Applaus. Die meisten Fans haben das Gefühl, dass Werder bei Schaaf und Allofs, bei Trainer und Vereinschef also, in guten Händen ist. Der Weg der neuen Mannschaft wird mit Wohlwollen verfolgt, solange es Höhepunkte wie zuletzt die Siege gegen Hamburg und Gladbach gibt.

Es ist ja tatsächlich fast alles neu beim SVW. An diesem Samstag bei Schalke 04 könnten in Sebastian Mielitz, Assani Lukimya, Theodor Gebre Selassie, Kevin de Bruyne, Eljero Elia und Nils Petersen sechs Profis das Werder-Trikot tragen, die erst seit August dauerhaft im Bremer Einsatz sind. Das Wort „Veränderung“ hatte im Sommer Hochkonjunktur. Nach dem gerade noch verhinderten Abstieg 2011 und dem enttäuschenden Abschneiden 2012 ist auf dem neuen Bremer Weg ein Platz im Europapokal als vorläufiges Ziel für 2013 vorgesehen - zu erreichen von einer fast völlig neuen Werder-Mannschaft, die zudem die jüngste und billigste der jüngeren Vergangenheit darstellt. Trainer und Vereinschef arbeiten schon seit dem Sommer 2011 am großen Umbau.

„Wir haben schon länger gesehen, dass wir Dinge verändern müssen. Das ist klar, wenn es Abgänge gibt wie bei uns Pizarro, Wiese, Naldo, Marin und Borowski oder im Jahr davor Frings und Mertesacker. Es ist unser Beruf im Profifußball, Dinge zu verändern“, sagt Schaaf. Die Not war groß in diesem Sommer. Das bei der Mitgliederversammlung vorgestellte Rekord-Minus war Allofs in der Größenordnung bekannt. Die teuren Stars hatten den Finanzrahmen gesprengt. Der Umbau folgte finanziellen Zwängen. Um etwa 20 Prozent haben Allofs und sein Finanz-Kollege Klaus Filbry die Gehaltskosten gesenkt. Werder liegt in der Finanzrangliste mit einem Etat von geschätzten 35 Millionen Euro auf Rang acht, deutlich hinter Schalke, Wolfsburg, Leverkusen oder Stuttgart. Klubs wie Hannover oder Gladbach kommen näher.

Volles Risiko

Die Bremer sind volles Risiko gegangen. Sie vertrauen Mielitz, einem Torwart ohne große Bundesliga-Erfahrung. Sie setzen im Mittelfeld auf Aaron Hunt, der bislang nie mehr als fünf starke Spiele am Stück zeigte. Neben ihm treibt de Bruyne an, der nächstes Jahr wieder beim FC Chelsea spielen wird. Im Sturm soll Petersen die Tore schießen, ein Mann, der bei den Bayern auf der Bank saß. Und mit Vorlagen füttern sollen ihn in Marko Arnautovic und Eljero Elia zwei Profis, die als schwer integrierbar gelten. „Wir wollten und mussten ins Risiko gehen“, sagt Allofs. Auf viele wirkte diese Transferpolitik spekulativ. Als würden Schaaf und Allofs in ihrem 13. Jahr der Zusammenarbeit nach zwei düsteren Spielzeiten noch einmal alles probieren, bevor ihre Bremer Zeit womöglich endet. Ihre letzte Patrone.

Allofs reagiert auf solche Einschätzungen mit einem nachsichtigen Lächeln. Er unterteilt die jüngere Bremer Vergangenheit gern in die Zeit von 2004 bis 2010 und in die beiden Jahre danach. Sechsmal in sieben Jahren erreichte Bremen die Champions League. Der Verein erwarb sich auch international den Ruf, Deutschlands Nummer zwei zu sein. Man leistete sich einen teuren Kader. „Auch in dieser Zeit haben wir uns verändert“, sagt Allofs, „es fiel nur nicht so auf, weil wir erfolgreich blieben.“ Schon 2008 hatte sich die Meistermannschaft von 2004 in alle Winde zerstreut. Zwei Jahre ohne Qualifikation haben den guten Ruf angekratzt und das Bremer Geschäftsmodell - auf europäische Einnahmen setzen und Stars wie Diego, Özil oder Mertesacker verkaufen - unbrauchbar gemacht. Etwas Neues musste her.

Doch Allofs hält es für Unsinn, vom „neuen Werder“ zu sprechen. Er sagt: „Es gibt bei uns keine Versuchsanordnung oder einen Projektcharakter. Die Mannschaft ist zusammengestellt worden, um erfolgreich zu sein. Eines ihrer Merkmale ist, jung und ziemlich unerfahren zu sein. Aber es ist nicht so, dass wir in Bremen in einer Komfortzone leben, wo das Leistungsprinzip ausgeschlossen ist.“ Er zieht seine Gelassenheit auch daraus, dass er sofort einen neuen Job fände, sollte in Bremen mal Schluss sein - siehe die Wolfsburg-Gerüchte. Gehetzt oder überfordert wirkt er selten. Und so ist es auch bei Schaaf. Wer einer Abnutzung im Binnenverhältnis nachspürt, muss nur die sich wiederholende Szene als Gegenbeispiel nehmen, wenn die beiden direkt nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen das Gespräch suchen. Im Sommer versprühten sie kindliche Freude über die vielen Transfers, die ihnen gelungen waren.

Schaaf sagt man nach, sich verändert zu haben. Er rede mehr mit den Spielern, er lasse Neues im Training ausprobieren. Spricht man ihn darauf an, reagiert er ironisch. „Alles, was der Trainer macht, gehörte schon immer zu unserem Alltag“, sagt Allofs. Alles wie gehabt? Auf diese Idee könnte man bei Werder kommen, denn die Stetigkeit, für die der Klub steht, bezieht sich bemerkenswert deutlich auf die Riege der Verantwortlichen: Lemke, Präsident Fischer, Schaaf, Allofs, die Assistenztrainer Rolff, Hönerbach und Krafft: alle seit vielen Jahren dabei. Zuletzt wurde im neuen Aufsichtsrat Marco Bode, Mitglied der „Werder-Familie“, mit einbezogen. Schaaf sieht in dieser Beständigkeit den entscheidenden Teil der Bremer Kraft. Bei Klaus Allofs scheint sie auf dem Spiel zu stehen.

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