Beim FC Schalke 04 hat, mal wieder, eine neue Zeitrechnung begonnen. Das wird vielen Fans spätestens an diesem Sonntag ins Bewusstsein gerufen. Dann kehrt Manuel Neuer nach Gelsenkirchen zurück - als Torhüter des FC Bayern München. Die neue Zeit ist die Zeit nach Neuer. Der beruflich wie privat „auf“ Schalke lange festverwurzelte Profi hat in seiner Heimat ein Vakuum hinterlassen, das schwer zu füllen ist. Ein warmer Empfang dürfte ihn kaum erwarten. Zu groß ist die Enttäuschung darüber, dass er im Sommer zu den Bayern gewechselt ist. Gerade diesen Klub für den vielleicht entscheidenden Karriereschritt ausgewählt zu haben ist aus professioneller Sicht einleuchtend. Für viele Anhänger grenzt es aber an Hochverrat. Den Verein zu verlassen sei eine Sache, sagen sie, aber nach München zu gehen, sei stillos von einem, der als „Ultra“ in der Nordkurve gestanden und zwanzig Jahre bei Schalke gespielt hat. Der Wechsel zu Bayern sei genauso verwerflich wie ein Wechsel von Schalke zum Erzrivalen Borussia Dortmund, so der Tenor.
Neuer wird also mit Pfiffen und mit manch bösem Wort rechnen müssen. Wenn es gut läuft für ihn, werden sie ihn mit Gleichgültigkeit empfangen - wie vor ein paar Monaten Felix Magath, als er mit dem VfL Wolfsburg das erste Mal nach Schalke zurückkehrte. Doch bei Magath waren sie in der Mehrheit froh, ihn los zu sein; bei Neuer geht es um enttäuschte Liebe. Wie hart oder herzlich das Volk den verlorenen Sohn (un-)willkommen heißt, ist letztlich aber nur eine atmosphärische Illustration. Tiefer geht die Frage, wer oder was nach Neuer kommt, sportlich und emotional. Im Mittelpunkt steht Ralf Fährmann. Vordergründig könnte er es besonders schwer haben. Den besten deutschen Torwart zu ersetzen ist ein Anspruch, an dem ein Nachfolger scheitern könnte. Zumal wenn ihm bekannt ist, dass er nicht erste Wahl war.
Schalke hatte zunächst angestrebt, Ron Robert Zieler von Hannover 96 oder Kevin Trapp vom 1. FC Kaiserslautern zu verpflichten. Beide gelten als talentiert, erwiesen sich aber als zu teuer, weil ihre Vereine Ablösesummen forderten, die Schalke sich nicht mehr leisten kann. Fährmann konnte ablösefrei aus Frankfurt zurückkehren, wo er sich nicht hatte durchsetzen können und erst zur Nummer eins geworden war, als Routinier Oka Nikolov verletzt ausfiel. Das Vertrauen der Schalker Verantwortlichen hielt sich in Grenzen. Weil sie auch von den Ersatztorhütern Mathias Schober und Lars Unnerstall nicht überzeugt waren, suchte Manager Horst Heldt im Sommer einen Schlussmann, der Fährmann Konkurrenz machen sollte. Kurzzeitig erwog er, den 41 Jahre alten Jens Lehmann zu verpflichten, was letztlich aber nicht gelang.
Ohne etwas falsch gemacht zu haben, hatte Fährmann also einen schwierigen Start auf Schalke. Doch er nutzte seine Chance; mit soliden Leistungen in der Bundesliga und einem hervorragenden Auftritt im Supercup gegen Borussia Dortmund gewann er das Vertrauen seiner Kollegen und Vorgesetzten. Schalke nahm Abstand davon, einen weiteren Torwart zu verpflichten. Es mag eine Menge Schwierigkeiten mit sich bringen, einem lokalen und inzwischen nationalen Idol wie Neuer nachzufolgen. Aber für Fährmann hat die Konstellation abseits des Sportlichen auch einen Aspekt, der ihm zugutekommt. Sein Vorteil liegt auf der emotionalen Seite. Die Menschen im königsblauen Revier mögen Fährmann nicht nur, weil er derzeit zwischen den Pfosten zuverlässig wirkt, sondern auch, weil er in Schalke 04 mehr sieht als einen Arbeitgeber.
„Ich wäre auch auf einem Kamel nach Schalke geritten“
Als Schalke-Manager Horst Heldt ihn im Urlaub anrief, packte Fährmann sofort seine Koffer und flog von Dubai nach Gelsenkirchen. „Um bei meinem Lieblingsklub zu unterschreiben, wäre ich auch auf einem Kamel dorthin geritten“, sagte er. Fährmann kann Schalke glaubhaft als sportliche Heimat bezeichnen. Anders als der im Ortsteil Buer aufgewachsene Neuer spielte er zwar nicht schon für die Minikicker der Königsblauen, aber Fährmann kam mit vierzehn Jahren aus Chemnitz nach Schalke, kann also von sich behaupten, dort zu einem Torhüter mit Perspektive herangewachsen zu sein und für einen Zugereisten viel „Stallgeruch“ zu haben. Den Konkurrenzkampf mit Neuer konnte er nicht gewinnen, also ging Fährmann notgedrungen nach Frankfurt - und nutzte die erste Gelegenheit prompt zur Rückkehr. Das gefällt den Leuten. Sie haben Neuer verloren, aber einen Mann zurückgewonnen, dem sie glauben, dass er dem Klub nicht bloß vertraglich verbunden ist.
Neuers Weggang hat aber mehr als nur die Frage aufgeworfen, wer ihn im Tor zuverlässig und glaubwürdig ersetzen kann. Als Gelsenkirchener hatte er der Mannschaft auch ein Gesicht gegeben. Darin waren sich alle einig. Ob Felix Magath, bis März Trainer und Manager, oder dessen Nachfolger Ralf Rangnick und Horst Heldt - für sie wie für die Fans war Neuer „das Gesicht des FC Schalke 04“. Ein natürliches, unverwechselbares Gesicht, das nicht nur den Wert einer Ablösesumme von etwa zwanzig Millionen Euro verkörpert, sondern einen Wiederbeschaffungswert, der in Zahlen nicht zu messen ist.
„Wir haben die zweitjüngste Mannschaft der Bundesliga“
Für Schalke stellt sich die Frage, wer das Gesicht der nächsten Kampagne wird; wer die Werte, die Neuer (bis zu seinem Wechsel) glaubhaft verkörperte, am ehesten darstellen kann. Natürlich hat der Ruhrgebietsverein Spieler mit Ausstrahlung in seinen Reihen. Aber die meisten kommen für die Kampagne letztlich nicht in Frage. Der alternde, aber immer noch frisch wirkende Stürmerstar Raúl ist bei den Fans beliebt, obwohl er vor kurzem erwogen hatte, den Klub zu verlassen. Aber der Spanier will nicht einmal dem Mannschaftsrat angehören; seit der Aussprache mit Rangnick zeigt er vorbildlichen Einsatz auf dem Rasen, mehr aber auch nicht. Verteidiger Christoph Metzelder war zu lange in Dortmund, um als Identifikationsfigur zu taugen, und hat außerdem genug damit zu tun, sich wieder einen Stammplatz zu erkämpfen.
Bleiben zwei junge Männer, die ihre Wurzeln auf Schalke haben. Julian Draxler, der achtzehn Jahre alte Schüler, könnte irgendwann zur Symbolfigur werden wie einst Olaf Thon, der im gleichen Alter Profi wurde und später Kapitän. Bis Draxler oder jemand ganz anders so weit ist, wird der aktuelle Spielführer Benedikt Höwedes das Gesicht des FC Schalke sein. Er stammt aus Haltern, also aus der näheren Umgebung, und ist schon lange im Verein. „Wir haben die zweitjüngste Mannschaft der Bundesliga“, sagt der Dreiundzwanzigjährige. „Wenn wir Jung gegen Alt spielen, gehöre ich meist schon zu den Älteren, das fühlt sich merkwürdig an.“ Aber aufgrund seiner schon großen Erfahrung sei er „bereit, Verantwortung zu übernehmen“. In gewisser Weise fühlt sich Höwedes auch gegenüber Neuer verantwortlich, den er als seinen Freund bezeichnet und deshalb schützen will, so gut er kann. Die Fans sollten nicht vergessen, was für großartige Leistungen Neuer für Schalke erbracht habe, sagt Höwedes. „Die sollte man ihm hoch anrechnen.“