Home
http://www.faz.net/-gtn-y7md
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vor dem Spiel gegen Stuttgart Gladbacher Glaube ans Gute kehrt zurück

 ·  Das Hinspiel war der Tiefpunkt der bisherigen Gladbacher Saison. Mit 0:7 ging die Borussia in Stuttgart unter. Vor dem Abstiegsduell am Abend steht fest: Wer verliert, wird vollends zum Topfavoriten auf den direkten Abstieg. Die Rheinländer sehen sich jedoch im Aufwärtstrend.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Was ist das Gegenteil eines Gipfeltreffens? Das Bundesligaspiel Borussia Mönchengladbach gegen den VfB Stuttgart. Wenn diese beiden einst erfolgreichen Fußballvereine aufeinandertreffen, ist es für beide ein Wandeln am Abgrund. An diesem Samstagabend empfängt der Tabellenletzte den punktgleichen Vorletzten zu einem „Topspiel“ der anderen Art. Wer verliert, wird vollends zum Topfavoriten auf den direkten Abstieg; aktuell liegen beide sechs Punkte hinter dem Liga-Fünfzehnten Werder Bremen.

Unter diesen Umständen wirkt es ein wenig wunderlich, wenn Max Eberl immer noch versucht, ein Spiel wie dieses als Bundesliga-Alltag einzuordnen. „Letztlich ist es nur ein Spiel gegen einen unmittelbaren Konkurrenten“, behauptet der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach, offenbar in der Absicht, eine psychische Last von der Mannschaft zu nehmen, eine Last, die sich längst nicht mehr durch Worte beseitigen lässt. Die Annahme, es handele sich um eine normale Partie, geht fehl, zumal die nächste Königsetappe auf der Tour aus der Tiefe der Tabelle schon eine Woche später „auf“ St. Pauli folgt, gegen einen Klub, der auch zum engeren Kreis der „Favoriten“ auf den Abstieg gehört.

Der Blick auf das Klassement liefert nur ein Indiz für die Brisanz, die in diesem Vergleich zweier gleich starker oder besser gleich schwacher Mannschaften steckt. Die Gladbacher sehen sich nicht nur der prekären Gesamtlage wegen in der Pflicht. Das Spiel gegen Stuttgart hat eine Vorgeschichte, die dem Treffen zusätzlichen Reiz verleiht. In der Hinrunde hatte der VfB die Borussen mit einem 7:0 gedemütigt und am vierten Spieltag den letzten Tabellenplatz verlassen.

Eine Schmach, die nachwirkt, auch wenn sich die Wege der beiden Klubs danach nicht trennten. „Nach dem 0:7 habe ich mich geschämt, das war einer der schlimmsten Tage meiner Karriere. Wir wollen das wiedergutmachen“, sagt Verteidiger Dante. Er werde sich, „die Gegentore noch einmal genau ansehen, das fördert die Motivation noch etwas mehr“. Der Brasilianer war lange verletzt, sein Fehlen war einer der Gründe dafür, dass Gladbach zur Schießbude der Liga wurde. Inzwischen hat Dante wieder die Position des Abwehrchefs übernommen und gemeinsam mit seinem neuen Nebenmann Martin Stranzl, einem früheren Stuttgarter, einen Stabilitätspakt geschlossen. In zwei von drei Rückrundenspielen blieben die Rheinländer ohne Gegentor, eine unglaubliche Bilanz für eine Mannschaft, die schon fünfzig Treffer hinnehmen musste, mehr als jede andere in der Liga.

Trainer Michael Frontzeck erwartet, dass die Schmach von Schwaben Kräfte freisetzt bei seinem Personal. „Bei uns weiß jeder ganz genau, was im Hinspiel passiert ist. Die Gegentore haben die Spieler alle im Hinterkopf, wir haben eine Rechnung offen“, sagt der Fußball-Lehrer, dem seine Vorgesetzten ein Maß an Vertrauen entgegenbringen, wie es lange kein Gladbacher Trainer in vergleichbarer Lage genossen hat.

Seit dreihundert Tagen ohne Heimsieg

Von Rachegelüsten will Frontzeck nicht sprechen, das wäre ihm zu emotional, zu unprofessionell. „Der VfB hat nichts verbrochen, wir haben keine Rachegelüste, wir haben Gelüste, das Spiel zu gewinnen.“ Die Stimmung scheint also gut zu sein unter den Borussen. Gründe dafür sind durchaus vorhanden: Die neuen Spieler machen einen ordentlichen Eindruck, neben Stranzl vor allem Havard Nordtveit und demnächst vielleicht auch Michael Fink, der kurz vor Ende der Transferperiode aus Istanbul in die Bundesliga zurückkehrte. Er will im defensiven Mittelfeld ein weiterer Stabilitätsfaktor werden wie vormals in Frankfurt und Bielefeld, wo er den Abstiegskampf ausführlich kennengelernt hat. „Die Neuen gehen unbelasteter in die Rückrunde“, sagt Frontzeck. Sie stehen zwar ebenso unter Zugzwang wie jene Kollegen, die schon länger dabei sind, schleppen aber nicht den Ballast einer missratenen ersten Halbserie mit sich herum.

Die Eröffnungsbilanz der Rückrunde - zwei Siege und eine Niederlage (gegen den aktuellen Zweiten Leverkusen) - macht den Borussen Mut; der Glaube an das Gute im Gladbacher scheint allmählich zurückzukehren. Das ist aus Sicht des rheinischen Traditionsklubs auch dringend nötig. In Frontzecks Augen ist das möglicherweise herannahende Hoch eine Folge der Arbeit, die Spieler und Trainer seit längerem leisten. „Ich war die ganze Zeit über zuversichtlich“, sagt der Trainer. „Ich sehe, die Mannschaft jeden Tag, und ich sehe, wie sie arbeitet.“

Der Himmel mag aufklaren, doch eine schwere, dunkle Wolke liegt immer noch über dem Borussia-Park. Die Mannschaft versucht seit dreihundert Tagen vergeblich, ein Heimspiel zu gewinnen. Zwölf Versuche sind in dieser Zeit fehlgeschlagen. „Die Bilanz ist furchtbar. Es wird höchste Zeit, sie zu ändern“, sagt Dante.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.