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Der Zustand des Fußballs : Täuschen, tricksen – und aufschreien

Wo bleibt der Respekt? Rudi Völler im Machtkampf mit dem Schiedsrichter-Gespann. Bild: dpa

Regeln müssen eingehalten werden? Im Fußball scheint genau das Gegenteil der Fall zu sein. Für Profis wie für Funktionäre gilt immer mehr: nur nicht erwischen lassen. Doch es gibt auch erstaunliche Vorbilder.

          Seit fast dreißig Jahren vergibt die Fifa eine Fairplay-Auszeichnung. Es sind wunderbare Preisträger darunter. Im vergangenen Jahr wurden Klubs und Organisationen aus den verschiedensten Teilen der Welt ausgezeichnet, die den Fußball genutzt haben, um ihn in den Dienst der Flüchtlingshilfe zu stellen. Zwei Jahre zuvor war der afghanische Verband geehrt worden, weil es ihm trotz des Kriegs und der Taliban gelungen ist, eine Infrastruktur für den Fußball aufzubauen, eine Liga zu schaffen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Und 2006 erhielten deutsche Fans sowie Fußballanhänger aus aller Welt den Preis, weil sie das mittlerweile durch ungeklärte Millionenzahlungen getrübte Sommermärchen zu einem „einzigartigen und fairen Ereignis“ gemacht hatten, wie es in der Begründung hieß. Wenn man sich diese Fifa-Gewinnerlisten anschaut, dann sieht man, wie viel Gutes im Fußball steckt. Und wie viel Gutes er bewirken kann.

          Behandlung des Torwarts ermöglicht

          Beim Blick auf die Liste fällt auch auf, dass es Fußballprofis mittlerweile leichter fällt, den WM-Pokal zu gewinnen, als sich durch „besonders faires und sportliches Verhalten auf oder neben dem Platz“ für den Fairplay-Preis des Weltverbandes zu empfehlen. Der letzte Spieler, der für eine konkrete Aktion auf dem Rasen ausgezeichnet wurde, war Paolo Di Canio. Der Italiener hätte den Ball unbedrängt ins Tor schießen können, nahm ihn aber lieber in die Hand, um die Behandlung des verletzten Torwarts zu ermöglichen. Das ist fünfzehn Jahre her. Seitdem wurden keine Einzelperson mehr gewählt – nur Sir Bobby Charlton, für seine Lebensleistung.

          Nahezu jedes Wochenende gibt es für Profis die Möglichkeit, sich für einen Platz auf der Fairplay-Liste zu qualifizieren. Doch die Chancen verstreichen ungenutzt. So wie Ende Januar, als Borussia Dortmund ein Tor gegen Ingolstadt zugesprochen wurde, das aber aus Abseitsposition erzielt worden war, wie unmittelbar auf der Videowand für alle Leute im Stadion zu sehen war. Dem Schiedsrichter war es aufgrund der Regeln verboten, den Treffer zurückzunehmen. Die BVB-Profis wiederum zuckten nur mit den Schultern und strichen ihren Vorteil ein. Auf die Idee, dass der Treffer ihnen gar nicht zustand, und sie dem Gegner umgehend ein Tor hätten schenken können, wie dies ein englischer Drittligaverein unlängst in ähnlicher Lage tat, sind sie nicht gekommen.

          Was zählt, ist der eigene Vorteil. Und den verschafft man sich gerne auch mit List und Tücke. Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, zu glauben, im Fußball wären Regeln dazu da, um eingehalten zu werden. Das Gegenteil stimmt. Im Fußball scheint ihr Sinn darin zu bestehen, sie so weit wie möglich zu dehnen. Oder zu übertreten - und sich dabei nicht erwischen zu lassen. Dafür tun Profis von Woche zu Woche alles.

          Schwalben im Strafraum. Verdeckte Ellbogenchecks. Zeit schinden. Taktisch foulen. Strafen für den Gegner fordern. Gegner provozieren. Schmerzen simulieren. Schiedsrichter anbrüllen. Schiedsrichterinnen betatschen. Die Unsportlichkeiten und Respektlosigkeiten, die Fußballern in Fleisch und Blut übergegangen sind, lassen sich kaum zählen. Und immer neue Varianten desselben unehrenhaften Spiels kommen hinzu.

          Auch wenn es großartige Sportsleute natürlich auch im Fußball gibt: Aber wer sich auf die andere Weise erfolgreich durchschlägt, dem wird nicht Verachtung, sondern Anerkennung in der Branche zuteil: clever gemacht! Anders als etwa in England, wo schon Kinder dazu angehalten werden, dass sie auf dem Platz die Integrität ihres Sports zu schützen haben, lebt sich im Fußball oft eine tief verankerte Gauner-und-Schlawiner-Kultur aus, gesegnet von der Hand Gottes.

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