23.05.2009 · An diesem Samstag kann der VfL Wolfsburg erstmals deutscher Fußballmeister werden. Der Erfolg der Mannschaft von Felix Magath haucht seiner spröden Heimatstadt neues Leben ein. Roland Zorn hat Wolfsburg besucht - und Bemerkenswertes entdeckt.
Von Roland Zorn, WolfsburgIn der Porschestraße ist nichts los. Die Geschäfte sind geschlossen an einem Sonntag Anfang Mai. Nichts deutet darauf, dass hier in Kürze rund 50.000 Menschen feiern und ihren Stolz auf den mutmaßlichen deutschen Fußballmeister ausleben. Stille in der Fußgängerzone, Ruhe rund um das angrenzende Rathaus, und weit und breit niemand, der sich in den Farben des VfL Wolfsburg schmückt. Bis dann doch ein Radfahrer vorbeistrampelt, über dessen Bauch sich ein Trikot des örtlichen Bundesligaklubs spannt. Das Leibchen ist auf der Rückenseite mit dem Namen Sebescen beflockt. Kenner erinnern sich vage: Zoltan Sebescen spielte von 1999 bis 2001 für den VfL. Damals gehörte Wolfsburg zu den wenig beachteten Mannschaften der ersten Liga.
An diesem Samstag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) könnte der Klub den wohl größten Tag seiner bald 64 Jahre alten Vereinsgeschichte feiern: Mit zwei Punkten Vorsprung vor dem Titelverteidiger Bayern München und dem VfB Stuttgart startet der VfL in die 34. und letzte Runde dieser Bundesliga-Saison (siehe auch: Die aktuelle Tabelle der Fußball-Bundesliga). Ein Sieg noch oder ein Unentschieden gegen Werder Bremen, und die Meisterschale ist erobert. Spätestens dann würde Wolfsburg dem spröden Charme seiner City trotzend zur Partymeile. Dann würden sich die Menschen aus der Autostadt für den zauberhaften Augenblick als deutsche Fußball-Hauptstädter fühlen.
„Ich spüre, man gönnt es uns“, sagt Rolf Schnellecke, der Oberbürgermeister der Stadt. „Man möchte nicht ein Dauerabonnement auf Bayern München haben.“ Der 64 Jahre alte Politiker der CDU ist seit 2001 der erste Repräsentant dieser kleinen Großstadt mit rund 120 000 Einwohnern. Er ist hier geboren; damals hieß die Gemeinde noch gar nicht so wie heute. Sie sollte sich zu Zeiten des NS-Regimes als „Stadt des K.d.F.-Wagens bei Fallersleben“ einen Namen machen.
„Heimspiele des VfL sind für mich ein heiliges Datum“
Kraft durch Freude mit dem „Käfer“? Was 1938 so genannt wurde und als Wohnort für die Arbeiter des Volkswagenwerks gedacht war, wurde am 25. Mai 1945 auf Weisung der britischen Besatzungsmacht in Wolfsburg umbenannt. Die Wolfsburg gab es schon lange. Sie wurde erstmals 1302 als Sitz des Adelsgeschlechts derer von Bartensleben erwähnt und ging im 18. Jahrhundert an die Grafen von der Schulenburg über. „Graf Schulenburg der Jüngere“, sagt Schnellecke, „ist immer beim VfL zu Gast.“ So wie der Oberbürgermeister selbst, der am Bundesliga-Samstag Prioritäten zu setzen weiß: „Heimspiele des VfL sind für mich ein heiliges Datum.“
Dass dieser Klub jenseits von Wolfsburg als sportliches Anhängsel des VW-Konzerns und damit vielerorts als Kunstprodukt in der, wie Schnellecke es formuliert, „automobilen Metropole“ wahrgenommen wird, stört die Wolfsburger derzeit nur in Maßen. „Ihr“ Verein hat die Bundesliga in dieser außergewöhnlichen Spielzeit mit viel zu attraktivem Fußball aufgemischt, um dem Neid der Besitzlosen nun kleinlich oder gar kleinmütig zu begegnen. Dass es mehr als eine Meisterschaft braucht, um landesweit den Ruf einer sogenannten Fußballstadt zu erobern, wissen sie in Wolfsburg.
Es spricht aber nicht gegen die Menschen aus dieser ostniedersächsischen Region, dass sie den plötzlichen Erfolg ihres Fußballklubs unter der Anleitung des Spitzentrainers Felix Magath zunächst kaum glauben mochten. Eine Stadt in Grün und Weiß - die Vereinsfarben des VfL -, das dürfte zum geplanten festlichen Anstrich des bevorstehenden Feiertages gehören, ehe die Fußgängerzone in der Porschestraße wieder so alltäglich wie zuvor erscheinen wird. „Es braucht nicht die Beflaggung der Stadt“, sagt ihr hochaufgeschossener, kantiger Oberbürgermeister, „um zu fühlen, dass Wolfsburg hinter dem VfL steht.“
„Wir sind eine junge, zusammengewürfelte Bürgerschaft“
Schnellecke glaubt aus Erfahrung den typischen Wolfsburger zu kennen. „Er ist nicht festgelegt im Sinne eines Rollenverständnisses, wie es Generationen vor ihm hatten. Wir sind eine junge, zusammengewürfelte Bürgerschaft, die aus ganz Deutschland und ganz Europa stammt. Hier ist erst nach dem Kriege etwas zusammengewachsen. Hier ist man innovativ und scheut sich nicht, neue Wege zu gehen und alte Spuren zu verlassen.“
Auch deshalb macht sich Schnellecke keine Gedanken über den fehlenden Rathausbalkon bei den geplanten Meisterfeierlichkeiten. Wo während des Spiels gegen Bremen die Menschen auf vier Großleinwänden das Spiel in der nahen Volkswagen-Arena verfolgen, sollen später die leibhaftigen Meister nach einem Autokorso in die Innenstadt auf einer Bühne gebührend gefeiert werden (siehe auch: VfL Wolfsburg: Mit dem Meister-Plan in den großen Fußballfeiertag). Schnellecke sagt: „Wir haben ein modernes Rathaus, das nicht die Ehrfurcht vor der Obrigkeit ausstrahlt. Es hat keine dicken Mauern und Hemmschwellen. Deshalb brauchen wir auch keinen Balkon zum Feiern. Hier wird dem Volk nicht huldvoll zugelächelt.“
Einer der mächtigen Männer des Wolfsburger Fußballtheaters
Zum Stolz der Stadt auf seine Fußballer kommt der Stolz des Werkes. 50.000 Mitarbeiter beschäftigt VW an seinem Stammsitz Wolfsburg. 20.000 Fußballanhänger aus Europas größter Autoschmiede hülfen alle zwei Wochen die Volkswagen-Arena zu füllen, sagt Stephan Grühsem. Der Duisburger ist Generalbevollmächtigter des Konzernvorstands für den Sektor Kommunikation und als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des VfL einer der mächtigen Männer hinter den Kulissen des Wolfsburger Fußballtheaters. Grühsem kam 2007 mit dem neuen Vorstandschef Martin Winterkorn nach Wolfsburg. Seitdem haben sie im Werk wie im Verein mit neuer Zielstrebigkeit daran gearbeitet, aus dem Mitläufer oder Abstiegskandidaten der Spielzeiten davor einen in neuer Pracht glänzenden Spitzenklub der Bundesliga zu machen.
Der Schwabe Winterkorn saß (und sitzt noch immer) im Aufsichtsrat der Bayern. Als er Vorstandschef bei Audi war, einer der Großsponsoren des deutschen Fußball-Rekordmeisters, lernte der glühende Fußballfan aus Leonberg auch Felix Magath besser kennen. Der 55 Jahre alte Architekt des Wolfsburger Erfolgs führte den FC Bayern 2005 und 2006 jeweils zur deutschen Meisterschaft und zum DFB-Pokalsieg.
„Das Geschäftliche und die Emotionen müssen zusammenkommen“
Doch im Januar 2007 musste der Unterfranke die Münchner verlassen, und auch Winterkorn hatte die Trennung befürwortet. Ein paar Monate später rief der neue VW-Chef Magath an und offerierte ihm den Job des Sportdirektors beim VfL Wolfsburg. Magath überlegte kurz und kam zu der Einsicht, dass er die Arbeit des Trainers und Geschäftsführers dann auch gleich mitübernehmen könne. Und so begann der Mann, dessen Mannschaften schon immer fitter als die der Konkurrenz waren, beim VW-Klub am 1. Juli 2007 als sportlicher Generalbevollmächtigter.
Für mehr als sechzig Millionen Euro durfte der Coach in seinen zwei Wolfsburger Jahren mehr als dreißig neue Spieler verpflichten - eine Investition, die sich auszahlte. Fünfter der Tabelle und damit teilnahmeberechtigt am Uefa-Cup wurde der VfL im Vorjahr, Platz eins scheint in dieser Saison für Magaths unaufhaltsame Fußball-Aufsteiger reserviert. Dass Winterkorn nun nicht besonders glücklich darüber ist, dass der Trainer zur neuen Spielzeit beim FC Schalke 04 anheuert (siehe auch: VfL Wolfsburg: Was kommt nach Magath?), darf unterstellt werden. Andererseits hat Magath den Anspruch der Konzernlenker schneller als erwartet erfüllt, aus dem VfL Wolfsburg eine Topmarke im deutschen Fußball zu machen. „Ich bin leidenschaftlicher Fußballmann“, hat Winterkorn einmal gesagt, „aber das Sponsoring muss sich auch auszahlen. Das Geschäftliche und die Emotionen müssen zusammenkommen. Sonst hat es keinen Sinn.“
„Mehr als 30.000? Dann bauen wir noch eine Etage drauf“
Auf dieser professionellen Grundlage hat Magath höchste sportliche Ansprüche auf eine Weise verwirklicht, die zum Selbstverständnis des Autobauers passt: effizient, schnörkellos, ausdauernd und leistungsstark. „Wir sind hier auf dem schnellen Weg zu einer richtigen Fußballstadt“, sagt Winterkorns Sprecher Grühsem und hebt „das unbezahlbare Gefühl“ hervor, „dass wir alle gemeinsam etwas geschafft haben. Das ist ein Motivationsschub und steigert das Selbstwertgefühl.“ 20.000 VW-Werker also feuern jedes Mal in dem zuletzt mit 30 000 Zuschauern chronisch ausverkauften Wolfsburger Stadion den VfL an. „Wenn wir das Potential der Region ausschöpfen“, sagt Grühsem voraus, „könnte sich die Kapazitätsgrenze von 30.000 irgendwann mal als zu klein erweisen. Dann bauen wir noch eine Etage drauf.“
Sicher scheint, dass Volkswagen das Konzept Spitzenfußball, in der Wolfsburger Variante demnächst auch in der Champions League zu begutachten, fortschreiben wird. Auch der Magath-Nachfolger, der Armin Veh heißen könnte, wird an diesem Standort exzellente Arbeitsbedingungen vorfinden. „Wenn wir was machen“, sagt Grühsem, „machen wir es richtig.“
„Nur 120.000 Einwohner, aber Wolfsburg kennt man in der Welt“
Und weil das so ist, gewinnt der VfL Wolfsburg auch in der Nachbarschaft zusehends an Popularität. Selbst aus Braunschweig, wo die inzwischen drittklassige Eintracht immer noch neben Hannover 96 als der niedersächsische Traditionsklub gilt, kommen inzwischen mehr und mehr VfL-Fans. „Das war früher undenkbar“, sagt Grühsem. Braunschweig (1967) und Hannover (1938 und 1954) waren schon mal deutscher Meister - zu Zeiten, da vom VfL Wolfsburg noch nirgendwo die Rede war. Die Zeiten haben sich geändert, und viele Wolfsburger glauben immer noch zu träumen, wenn sie an den schwindelerregenden Höhenflug des VfL denken.
„Manche“, sagt Oberbürgermeister Schnellecke, „reiben sich die Augen und sind fast überrascht von diesem Erfolg eines jungen Vereins in einer jungen Stadt.“ Zum blauen Wolfsburger Wahrzeichen VW ist das grüne Meisterwerk VfL gekommen. Zwei Komplementärfarben in einer Stadt, die vielen als eher grau gilt. „Wir haben zwar nur 120.000 Einwohner“, sagt Rolf Schnellecke, „aber Wolfsburg kennt man in der Welt.“ Früher nur wegen der Autos, heute auch wegen des Fußballs.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |