25.05.2011 · Der VfL Bochum will den siebten Aufstieg in die Bundesliga unbedingt packen. Im Duell mit Gladbach spricht nicht viel für die Mannschaft von Trainer Funkel. Doch nach der knappen Hinspiel-Niederlage geht es um das Jetzt-erst-recht.
Von Richard Leipold, BochumEin Fußballklub wie der VfL Bochum steht nicht oft in einem Endspiel. Doch das, was an diesem Mittwoch (Anstoß 20.30 Uhr) auf den Dritten der zweiten Liga zukommt, ist für den Revierverein gleichbedeutend mit einem ultimativen Kick, dessen Ausgang nicht mehr zu korrigieren ist. „So ein Finale ist eine schöne Herausforderung“, sagt Christoph Dabrowski. Der Mannschaftskapitän und seine Mitstreiter versuchen, im Relegationsrückspiel gegen Borussia Mönchengladbach den siebten Bundesliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte zu erreichen.
Vor dem Anpfiff liegen die Bochumer knapp zurück; mit dem Tor zum 1:0 hatten die Rheinländer die erste Partie in buchstäblich letzter Sekunde zu ihren Gunsten entschieden. Wenn eine ganze Saison auf den Ausgang zweier Spiele zugespitzt ist, wenn Chance und Risiko so nah beieinanderliegen wie an diesem Abend, dann kribbelt es auch bei einem Routinier wie Dabrowski. „Das ist selbst für solche alten Hasen wie mich und unseren Trainer Friedhelm Funkel ein besonderes Spiel“, sagt er. Dabrowski hat mehr als dreihundert Spiele als Profi bestritten, mehr als zwei Drittel davon in der ersten Liga, aber solch einen Showdown hat er noch nicht erlebt.
Das Jetzt-erst-recht herausgekitzelt
Zusätzlichen Reiz bezieht die Begegnung aus der Vorgeschichte des Hinspiels, dessen Schlusspunkt zum dramaturgischen Höhepunkt wurde. Als die Nachspielzeit eigentlich schon abgelaufen war und der Ball im Aus, gewährte Schiedsrichter Günter Perl den Gladbachern einen Einwurf, der den letzten Angriff und das Siegtor einleitete, das fünfzehn Sekunden später fiel. Die Bochumer steigerten sich danach in die Vorstellung hinein, benachteiligt worden zu sein bei dieser Ermessensentscheidung, die mit den Regeln des Fußballs in Einklang steht, weil keine Schluss-Sirene das Spiel sekundengenau beendet wie etwa im Eishockey oder im Handball. Die Phantasien reichten bis hin zu Verschwörungstheorien. Besonders weit ging Verteidiger Anthar Yahia. „Ich habe viele Dinge erlebt, und manche davon haben den gleichen Geschmack. Das kommt mir bekannt vor aus Afrika, aber wir sind in Europa“, sagte der Algerier und fügte eine Frage hinzu, die unterschwellig wie eine Antwort klang. „Muss Gladbach unbedingt in der Bundesliga spielen?“ Nach viereinhalb Jahren in Deutschland habe er „das Gefühl, Bochum wird immer kleiner gemacht“.
Die Wut der Westfalen konnte vermutlich jeder verstehen. Aber sie ist nur die eine Seite der Medaille. Natürlich hätte ein torloses Unentschieden die Chancen der Bochumer gesteigert, aber auch dann hätten sie, wie jetzt, einen Heimsieg gebraucht, mit mindestens einem Tor Unterschied. Ein anderer Faktor aber wäre ohne die dubiose Schlusspointe weniger stark ausgeprägt: das Jetzt-erst-recht, das Dabrowski und sein Trainer nach dem Schlusspfiff in Gladbach angefangen haben herauszukitzeln. Ein normaler Gegentreffer, etwa nach einer Stunde Spielzeit, hätte weniger Gelegenheit geboten, zusätzliche Emotionen freizusetzen. „Jeder einzelne Spieler wird aus dem unglücklichen Gegentor Motivation ziehen, wir wollen daraus Energie schöpfen“, sagt Dabrowski. Diesmal werde die Mannschaft „dem Schiedsrichter keine Möglichkeit geben“, das Spiel zu entscheiden.
Zum Schluss das Beste geben
Vor dem letzten Gefecht, das einen harten Kampf verspricht, setzen die Bochumer auf weiche Faktoren. Was bleibt ihnen anderes übrig gegen eine Mannschaft, die auf fast allen Positionen besser besetzt ist? Die Strategie zeigt Wirkung. Befeuert durch die starken Leistungen im vergangenen halben Jahr haben die Bochumer Fans ihren VfL wiederentdeckt. Das knapp dreißigtausend Zuschauer fassende Stadion ist ausverkauft, und zwar nicht weil die Borussen so viele Fans mitbringen, wie sonst, wenn es gegen Gladbach ging. „Wir haben die Leute wieder auf unsere Seite gezogen“, sagt Dabrowski. „Es ist eine große Freude zu sehen, wie sie hinter uns stehen.“ Vor einem Jahr, mit einem kläglichen Absturz im letzten Drittel der Saison, hatten die Bochumer Profis ihre Anhänger nicht nur vergrault, sondern auch verletzt; eine Zweitliga-Hinrunde voller Enttäuschungen behinderte den Heilungsprozess, ehe er begonnen hatte.
Doch die Westfalen fingen sich, stärkten ihre Abwehrkräfte und steigerten ihre Effektivität im Angriff – wie die Gladbacher eine Klasse höher. „Der einzige Unterschied besteht darin, dass Borussia Mönchengladbach den Trainer wechseln musste, der VfL Bochum nicht“, sagt Funkel. Noch ein weicher Faktor also. Der Bochumer Cheftrainer schätzt die Chancen ein wie vor dem ersten Relegationsspiel: „vierzig zu sechzig“. Insofern habe sich nichts geändert. Damit sich doch etwas ändert – am Status der Bochumer – will und muss seine Mannschaft sich nochmals steigern, nach dem Motto: Das Beste zum Schluss.