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Veröffentlicht: 26.08.2013, 17:18 Uhr

VfB Stuttgart Trennung auf Schwäbisch

Jetzt soll Thomas Schneider den VfB Stuttgart wieder auf Kurs bringen. Bruno Labbadia muss gehen - weil er die Mannschaft nicht mehr erreicht habe, wie es heißt.

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© dpa Thomas Schneider nach seiner Beförderung: „Ich freue mich total auf die Aufgabe“

Gerade mal eine Minute verwendete Fredi Bobic, der Sportvorstand des VfB Stuttgart, auf die Trennungsgeschichte des Tages in der Fußball-Bundesliga. Dann wendete er sich nach einem Dank an Bruno Labbadia für dessen „hervorragende Arbeit“ und die „sehr gute Zusammenarbeit“ in den vergangenen zwei Jahren und acht Monaten der Zukunft zu. Die trägt beim punktlosen Tabellensiebzehnten seit Montag den Namen Thomas Schneider.

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Der 40 Jahre alte frühere Profi des VfB, der vor ein paar Wochen die U-17-Junioren des Vereins zur deutschen Meisterschaft geführt hat, ersetzt von sofort an den am Montag gemeinsam mit seinem Assistenten Erdinc Sözer entlassenen Labbadia im Verbund mit seinen Trainerkollegen Alfons Higl und Tomislav Maric. Das Trio unterzeichnete Verträge, die bis zum 30. Juni 2015 gelten. Bobic lobte den Cheftrainer und seine ersten Helfer auf Vorschuss, als er hervorhob, dass das Trio den „VfB lebt und von innen kennt“. Labbadia dagegen habe in den vergangenen Wochen die Mannschaft „nicht mehr hundertprozentig erreicht“.

Das Team, das von seinen bisher sieben Pflichtspielen der neuen Saison nur das DFB-Pokalspiel bei Dynamo Berlin gewann (2:0), sei nun in der Pflicht, „die Handbremse zu lösen“ und die zuletzt „mehr und mehr abhanden gekommene Spielfreude“ wieder zu finden. Der VfB ist unter Schneider am Donnerstag erstmals gefordert, soll die Europa League im Playoff-Rückspiel vor eigenem Publikum nach der 1:2-Niederlage bei HNK Rijeka noch erreicht werden.

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Schneider, der mit dem VfB als einer der damals besten Bundesliga-Verteidiger 1992 Meister und 1997 DFB-Pokalsieger wurde, will bis dahin mit seiner neuen Mannschaft einen „guten Mix aus konzentrierter Arbeit und einer gewissen Lockerheit“ hinbekommen. Die Spieler lernen ihren neuen Chef an diesem Dienstagmittag um 13 Uhr vor der ersten gemeinsamen Trainingseinheit kennen.

VfB Stuttgart trennt sich von Bruno Labbadia © dpa Vergrößern Durch den Wind: Bruno Labbadia hat in Stuttgart seine Sachen gepackt

Labbadia verabschiedete sich am Montagmorgen ohne große Worte von einer Mannschaft, die sich von ihm ein Stück weit entfernt hatte. Dass er der erste Trainer sein würde, der in der 51. Bundesligasaison entlassen wird, hatte sich schon seit längerem abgezeichnet. Nicht nur wegen der fehlenden Siege in der Bundesliga. Als sie mit dem neuen Präsidenten Bernd Wahler und dem tatendurstigen Bobic an der Spitze den „Neuanfang“ für den lange in sich zerstrittenen Klub bei der Mitgliederversammlung des VfB am 22. Juli programmatisch ausriefen, schien Labbadia irgendwie im Abseits zu verharren.

Von ihm hörte man aus dem Trainingslager in Donaueschingen eher mahnende bis klagende Worte über die ambitionierte Zielsetzung des Klubs - ein Platz unter den ersten Sechs der Tabelle - und den Fitnesszustand einiger seiner Profis. Dass ihm, anders als im vorangegangenen Jahr des Sparzwangs, mit sieben gestandenen, wenn auch nicht herausragenden neuen Profis eine breitere Arbeitsbasis und eine größere Personalauswahl zur Verfügung gestellt wurde, bewertete der Italo-Hesse stocknüchtern: „Im Grunde haben wir nur das gemacht, was ein ambitionierter Bundesligist tun sollte.“

„Wir haben hohe Ansprüche, denen müssen wir uns stellen“

Der frühen Begeisterung über Bobics solide Transfers, angeführt von dem aus Hannover gekommenen Angreifer Mohammed Abdellaoue und dem von Borussia Dortmund ausgeliehenen Mittelfeldtalent Moritz Leitner, setzte Labbadia ein kühles Diktum entgegen: „Man hat manchmal das Gefühl, wir hätten Messi und Neymar geholt.“ Optimist Bobic, der auch in schwierigen Zeiten loyal mit Labbadia zusammengearbeitet hatte, schien über die vorsichtige Einschätzung des Trainers ein wenig irritiert, hatten er und Wahler doch mit dem Blick auf die neuen Möglichkeiten des VfB eindeutig gefordert: „Wir haben hohe Ansprüche, denen müssen wir uns stellen.“

Labbadia, der den VfB 2011 vor dem Abstieg bewahrte, 2012 in die Europa League und 2013 nach einer mäßigen Bundesligaspielzeit (Zwölfter) ins DFB-Pokalfinale führte, kam jedenfalls mit seiner verbalen Defensivtaktik bei den Klub-Oberen schlecht an und verstärkte dazu die Abneigung eines größeren Teils der Stuttgarter Anhängerschaft gegenüber dem an der Basis nie besonders wohlgelittenen Labbadia.

Als dann der sportliche Neustart zum Fehlstart wurde, zog Bobic einen Tag nach dem 1:2 in Augsburg die Konsequenz. Während Labbadia gegen Ende seiner insgesamt erfolgreichen Amtszeit eher wie eine Altlast wirkte, passt Schneider, der als Zehnjähriger zum VfB kam und zwanzig Jahre für diesen Verein spielte, zum Stuttgarter Weg der Generation Bobic. Der 40 Jahre alte Trainer, der seine Bundesliga-Trainerlizenz 2011 als Zweitbester des Jahrgangs erwarb, gilt als ein moderner Fußballpädagoge, der jetzt die Chance hat, eine ähnliche Karriere hinzulegen wie die aus der Jugendarbeit in ihren Klubs nach ganz vorn beförderten Thomas Tuchel (Mainz 05) und Christian Streich (SC Freiburg). Anders als den zuvor in Leverkusen und Hamburg gescheiterten Labbadia mögen die Fans den neuen Chefcoach mit der lupenreinen VfB-Vita von vornherein. Damit ist zwar schon etwas, aber kein Spiel gewonnen.

Bruno Labbadia: Fast 1000 Tage im Amt

Nur drei Trainer haben sich beim VfB Stuttgart in den vergangenen 20 Jahren länger im Amt gehalten als Bruno Labbadia. Bis zu seiner Entlassung am Montag war der frühere Stürmer des FC Bayern München 988 Tage Coach bei den Schwaben. Labbadia hatte den Fußball-Bundesligaklub am 12. Dezember 2010 übernommen und pirschte sich damit an ein Führungstrio heran.

Nur die Meistertrainer Christoph Daum (20. November 1990 bis 10. Dezember 1993 - 1116 Tage) und Armin Veh (10. Februar 2006 bis 23. November 2008 - 1017 Tage) sowie Felix Magath (24. Februar 2001 bis 30. Juni 2004 - 1222 Tage) standen beim VfB länger an der Seitenlinie.

Quelle: FAZ.NET

 

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